Berlin Trend

Fast jeder zweite Berliner für Enteignung von Wohnungen

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Joachim Fahrun
Bezahlbarer Wohnraum ist in Berlin Mangelware (Symbolbild).

Bezahlbarer Wohnraum ist in Berlin Mangelware (Symbolbild).

Foto: Fabian Sommer / dpa

Die Stimmung zur Enteignung von Wohnungskonzernen hat sich geändert. Es gibt jetzt mehr Befürworter des Volksbegehrens als Gegner.

Berlin. Das Volksbegehren zur Enteignung großer Wohnungsunternehmen kann in Berlin auf breite Sympathien in der Wählerschaft setzen. 47 Prozent der Befragten im Berlin Trend der Berliner Morgenpost und der RBB-Abendschau gaben an, Enteignungen „eher gut“ zu finden. Die Zahl der potenziellen Unterzeichner der Unterschriftenlisten ist damit größer als die der Gegner.

Nur 43 Prozent finden Enteignungen schlecht. Unter den Berliner Mietern ist das Bild noch klarer: 51 Prozent fänden Enteignungen von Konzernen wie der „Deutsche Wohnen“ gut, 38 Prozent schlecht. Unter Wohnungs- oder Hauseigentümern, von denen es viel weniger gibt, ist die Stimmungslage anders. Aber immerhin jeder dritte, der in den eigenen vier Wänden lebt, ist für eine Enteignung.

Stimmung zu Enteignungen hat sich gedreht - 2019 war die Mehrheit dagegen

Damit hat sich die Stimmung in der Stadt gedreht. Als Infratest dimap für den Berlin Trend zum Start der Enteignungsinitiative 2019 die Meinung der Berliner erfragte, fanden nur 29 Prozent aller Berliner und 33 Prozent der Mieter Enteignungen richtig.

Anhaltende Mietsteigerungen und das Scheitern des politisch auch als Alternative zu Enteignungen gedachten Mietendeckels lassen es vielen offenbar nun erstrebenswert erscheinen, großen Konzernen ihre Wohnungen gegen Entschädigung wegzunehmen.

Besonders jüngere Berliner sind für Enteignung von Wohnungskonzernen

Unter den jungen Menschen zwischen 18 und 39 ist die Anhängerschaft von Enteignungen besonders groß. 57 Prozent in dieser Altersgruppe, die mutmaßlich öfter auf der Suche nach einer Wohnung ist als etablierte Ältere, halten die Ziele des Volksbegehrens für eher gut, 31 Prozent für eher schlecht. Die zuletzt sehr aktiven fast 2000 Unterschriftensammler dürften hier viele Unterstützer finden.

Mehr zur aktuellen Umfrage "Berlin Trend":

Aber auch bei den Menschen über 65 gibt es mit 45 Prozent fast so viele Enteignungsbefürworter wie -gegner. Nur in der mittleren Altersgruppe zwischen 40 und 64 ist mit 51 Prozent eine absolute Mehrheit dagegen, 40 Prozent sind dafür.

Auch jeder dritte CDU-Anhänger hält Enteignungen für ein gutes Mittel

Nach politischen Präferenzen gesehen finden sich die meisten Enteignungsbefürworter mit 95 Prozent unter den Wählern der Linken, die das Volksbegehren auch aktiv unterstützt. Aber auch im Lager der Grünen, berlinweit in der Sonntagsfrage mit 27 Prozent mit Abstand stärkste Kraft, sind mitt 61 Prozent fast zwei Drittel für Enteignungen, knapp ein Drittel (31 Prozent) halten eher nichts davon. Auch die Grünen unterstützen das Volksbegehren, aber nicht so überzeugt wie die Linke.

Unter den SPD-Anhängern ist das Bild in etwa so wie auch in der Partei SPD. Eine starke Minderheit von 38 Prozent ist für Enteignungen, eine Mehrheit von 55 Prozent aber dagegen. Bemerkenswert ist die Stimmungslage unter CDU-Sympathisanten. Auch hier hält jeder Dritte Enteignungen für eher richtig. Auch unter AfD-Wählern sagen das 39 Prozent.

Kompetenz zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum: SPD hat Vertrauen verloren

Infratest dimap hat die 1162 Berliner Wahlberechtigten auch gefragt, welcher Partei sie es am ehesten zutrauen, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Die Linke schneidet hier mit 24 Prozent am besten ab, gefolgt von SPD mit 17 und Grünen mit zehn Prozent. Der Opposition trauen die Menschen hier offenbar wenig zu: Nur neun Prozent nannten die Christdemokraten, je vier Prozent AfD und FDP. Nur unter eigenen Anhängern genießt die CDU in der Wohnraumfrage mit 36 Prozent das größte Vertrauen.

Im Vergleich zu 2016, als der Berlin Trend vor der Wahl schon einmal nach der Kompetenz der Parteien gefragt hatte, hat vor allem die SPD deutlich an Vertrauen in der Wohnungsfrage verloren. Damals lag die SPD mit 31 Prozent an der Spitze. Insgesamt ist in den vergangenen Jahren der Anteil derjenigen deutlich gestiegen, die keiner Partei zutrauen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das glauben inzwischen 30 Prozent, elf Punkte mehr als 2016.