Corona-Krise in Berlin

Song über geschlossene Kneipen: Wir trauern mit Euch!

| Lesedauer: 6 Minuten
Sibylle Haberstumpf

Band Sind - Cafe Miami

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Die Berliner Band Sind hat am Freitag einen Song über die wegen der Corona-Krise geschlossenen Kneipen, Bars und Cafés veröffentlicht.

Berlin. Keine Gäste, keine Gespräche, kein Leben, nur hochgestellte Stühle, leere Gläser, eine verstaubte Discokugel an der Decke und eine Menge Flaschen hinter dem Tresen, die zu Dekorationsobjekten degradiert sind. Ausschank verboten, seit Monaten. Im „Babel Café“ an der Käthe-Niederkirchner-Straße in Prenzlauer Berg herrscht seit dem Lockdown die totale Corona-Tristesse, so wie in allen anderen Berliner Kneipen auch.

Den Mitgliedern der Berliner Deutschrock-Band „Sind“ blutet gewissermaßen das Herz, wenn sie das sehen. Für die Musiker, die durch etliche Auftritte an solchen Orten geprägt wurden, ist die Situation nur schwer erträglich. „Kneipen sind doch das Herzstück von Berlin, hier kommt man unter Leute. Für uns waren sie immer ein Anker, von der Jugend bis heute“, sagt der Sänger und Produzent Hannes Husten (30). Deshalb hat seine Band dem Thema einen Song gewidmet. Ihre Botschaft: Solidarität mit allen in der Corona-Krise geschlossenen Kneipen, Bars und Cafés. Denn viele der kleinen Betriebe stehen wegen der derzeit angeordneten Schließungen sogar vor dem Aus. In dem 4,48 Minuten langen Videoclip zu ihrem Lied „Cafe Miami“ trauert die Band mit musikalischen Mitteln um die verlorene Kiezkultur.

Musikvideo in 14 Kneipen in Berlin und Hamburg gedreht

Gedreht haben Hannes Husten und seine drei Bandkollegen Ludwig Noack, Mathias Völzke und Normen Süß das Video zur Zeit des November-Lockdowns in 14 geschlossenen Bars und Kneipen in Berlin, Hamburg und in Otterwisch bei Leipzig, Standort der titelgebenden Kneipe „Cafe Miami“. Schon der Anfang ist Kult: Die Betreiberin schließt die Tür auf, schlurft in den Laden, zündet den Uralt-Gasofen an, zieht langsam den knarzenden Rollladen hoch und schaut hinter den trüben Gardinen aus dem Fenster. Staub fliegt durch den Raum, im Hintergrund ist ein Nackedei-Poster an die Wand gepinnt.

Drehorte in Berlin sind außerdem der „Trinkteufel“ in Kreuzberg, die „131 Bar“, die „Kim Bar“ und das „Aufsturz“ in Mitte, die „Basalt Bar“ in Wedding. Alles sind Originalschauplätze. „Wir haben dort nichts umdekoriert, sondern es ging uns darum, dokumentarisch zu zeigen, wie es da eben gerade aussieht“, sagt Schlagzeuger Ludwig Noack (32). Zum Beispiel die traurige Dunkelheit der Innenräume oder die dauerhaft heruntergelassenen Rollläden, auf denen sich Graffitisprayer ausgetobt haben. Das Video und der Song sollen bei den Zuschauern „Gefühle hochholen, die sie lange nicht mehr hatten“, hofft Noack – denn so sei es der Band selber auch gegangen, als sie mit den Barkeepern redeten und vor Ort an den Tresen der geschlossenen Kneipen saßen.

Traumjob: seit 17 Jahren hinter dem Tresen

Im „Babel Café“ steht Betreiber Uwe Hofmann seit 17 Jahren hinter dem Tresen. Es ist sein Traumjob. Der 53-Jährige hat zwar „irgendwann mal irgendwas studiert“, aber die Gastrobranche war immer sein Wunsch. Die Corona-Hilfen seien bei ihm angekommen, darüber könne er sich überhaupt nicht beklagen, sagt er. „Aber meine Zukunftsplanung ist ins Wanken geraten, man weiß nicht, ob man das alles noch so lange am Leben erhalten kann.“ Die Traurigkeit darüber, dass er seinen urigen Laden – Leuchtglobus auf dem Trinktresen, altmodische Bilder an der Wand, kitschige Elefantenstatue über der Theke – nicht mehr für die Nachteulen, die seine Stammgäste sind, aufmachen darf, ist ihm anzumerken.

Für die Gastwirte ginge es nicht nur ums Geld und ihre Existenz, sondern auch die Identifikation mit ihrem Job, meint die Band „Sind“. „Die Betreiber wollen ihren Beruf ausüben und nicht die ganze Zeit als Bittsteller angesehen werden. Das ist erschöpfend für sie. Sie wollen für ihre Gäste da sein“, sagt Hannes Husten. „Viele, mit denen wir gesprochen haben, haben uns gesagt, dass sie tatsächlich jeden Tag in ihrem Laden sind, obwohl sie ja geschlossen haben.“ Das sieht auch Uwe Hofmann so. Das Musikvideo „Cafe Miami“ hat er sich angeschaut – er findet es super. Es spiegele die Situation so wieder, wie er sie empfinde. „Das hat mich wirklich sehr berührt“, sagt er.

Manchmal war der „Tatort“-Kommissar zu Gast

Was hat sein „Babel Café“ eigentlich mit einem Café zu tun? Uwe Hofmann beantwortet das ohne große Umschweife so: „Nüscht.“ Sein Laden ist kein Teestübchen, sondern eine Nachtkneipe durch und durch, mit harten Holzstühlen und hochprozentigem Alkohol. Ein Papierschild weist die Gäste darauf hin, doch bitte auf ihre Lautstärke zu achten – wegen der Nachbarn. „Bei uns geht es normalerweise so bis fünf, sechs Uhr morgens“, erzählt der Gastwirt mit den langen, grauen Rasta-Zöpfen. Als der Schauspieler Axel Prahl („Tatort“) noch um die Ecke wohnte, kam er übrigens öfter mal hier vorbei.

Solche Kneipen seien inspirierende Orte, an denen man zusammenkomme – „fast wie in einem Tante-Emma-Laden, wo man jeden kennt und der immer auf hat“, wie Bandleader Hannes Husten es beschreibt. „In der Kneipe oder Bar treffen auch mal Meinungen aufeinander und es wird diskutiert, es gibt einen persönlichen Austausch.“ An der derzeitigen Entwicklung störe ihn, dass nun praktisch aller Austausch ins Internet gewandert sei – dort sei er aber vielfach unpersönlich. Es wäre „wichtiger denn je“, meint er, wieder gemeinsam zusammenzukommen und sich austauschen zu können. Viele Kneipen könnten eine ganz eigene Energie erschaffen.

Hannes Husten wünscht sich jedenfalls, dass die Kiezkneipen nicht aus dem Blick der Menschen geraten. „Kneipen sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, dort hört man auch mal Meinungen, die man vorher nicht gehört hat. Hier kann man über alle Grenzen hinweg zusammen mal ein Bierchen trinken und sich austauschen – deswegen ist das so erhaltenswert“, meint er.