Bildung

Schüler berichten: So schlimm ist für uns der Lockdown

| Lesedauer: 16 Minuten
Die Verlorenheit der Jugendlichen vor dem Computer ist groß, eine nicht enden wollende Reihe von Aufgaben und Schulaufträgen.

Die Verlorenheit der Jugendlichen vor dem Computer ist groß, eine nicht enden wollende Reihe von Aufgaben und Schulaufträgen.

Foto: Jonas Güttler / dpa

Einsamkeit, Leistungsdruck, Versagensängste – die Berichte von Schöneberger Gymnasiasten aus dem Lockdown lesen sich erschütternd.

Es musste raus, es musste gesagt werden: auf einer Internetplattform, die sich Schülerinnen und Schüler eines Schöneberger Gymnasiums selbst erstellt haben, entlädt sich der ganze Frust und die ganze Überforderung der letzten Lockdown-Wochen in Blogbeiträgen. „Gedacht als Medium, das allen eine Stimme geben sollte, entsteht bald ein schockierendes Bild von der seelischen Lage der Jugendlichen. ,Verloren, allein, überfordert’ pendeln diese ,einsamen Maschinen’ tagaus tagein vom Bett zum Schreibtisch und fragen sich, wann das alles ein Ende haben wird“, berichten die Schülervertreterinnen Margarethe und Carlotta. 21 DIN-A-4-Seiten dieser Stimmen der Jugendlichen haben sie nun anonym herausgegeben. Wir veröffentlichten nun Auszüge (in der Originalschreibweise), um zu zeigen, welchen Preis diese Generation durch die Schulschließungen zahlt.

Ich kann nicht mehr

Ich sitze hier grade zuhause, und frage mich wie ich überhaupt mein Abitur schaffen soll. Meine Noten haben schon im letzten Semester komplett unter der Situation mit Corona gelitten. Ich hatte durchgängig Stress und dazu noch Angst mich und besonders meine Familie anzustecken. KEIN Lehrer war gnädig mit irgendeiner Note, oder hat aufgerundet. Es wurde absolut nichts berücksichtigt. (...) Es ist eine absolute Schande, dass das Abitur durch Corona SO massiv leidet. Ich habe mich seit Schulbeginn vor 11 Jahren auf diese Zeit gefreut und war motiviert. Es ist fast nichts mehr von dieser Freude da. Das aktuelle Schulsystem macht den Menschen KAPUTT, mach MICH kaputt und uns ALLE.

homeschooling verschlimmert alles

früher war in meiner familie nicht alles perfekt, aber das ist ja auch normal... wir verstanden uns gut trotz der trennung unserer eltern und lebten harmonisch miteinander. jetzt sieht die Situation folgendermaßen aus: meine kleine schwester braucht durchgehend schulische unterstützung, die meine eltern ihr nicht geben können, weil sie selber arbeiten müssen und kaum noch zeit haben... meine eltern haben mehr und mehr probleme durch corona und man bemerkt das auch. das geht natürlich extrem auf die psyche weil man sich verantwortlich fühlt. meine andere schwester hat einfachaufgegeben und sitzt nachts weinend im bett und schläft tagsüber- sie nimmt einfach nicht mehr am homeschooling teil,weil es ihr zu viel wird. über die ausmaßen ihrer psychischen lage möchte ich hier erst gar nicht anfangen. die kleinste fühlt sich vernachlässigt und schreit und meckert nur noch. und wer muss sich um alles kümmern: die abiturientin, die eigentlich andere sachen zu tun hätte. durch dieses aufeinanderhocken haben sich ganz komische rollen verteilt und nichts hat mehr ein gleichgewicht. alle sind am ende und keiner kann sich bei dem anderen abstützen, da die anderen genauso am ende sind. ich weiß nicht ob sich das jemals wieder einrenken wird, wenn das noch länger so geht. ich habe täglich kopfschmerzen und panikattacken. bitte das muss schnell aufhören.


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Energy-Drinks und Beruhigungstees

Mein Alltag besteht morgens und mittags aus Beruhigungstees um nicht mehr so nervös zu sein und nicht mehr so Angst vor dem Stapel Aufgaben zu haben, Abends und nachts trinke ich Energy-Drinks oder Club Mate um mich wachzuhalten, um die restlichen Aufgaben zu machen damit ich keine schlechte Note kriege.

Spaß am Lernen verloren

Ich komme sonst immer gut mit und mir macht es auch spaßmitzuarbeiten. Seit einigen monaten stelle ich aber fest, dass ich mich mit extremen kopfschmerzen zwingen muss, noch einigermaßen mitzuarbeiten. langsam bearbeite ich kaum noch aufgaben und melde mich nicht mehr. ich finde das sehr sehr schade, weil meine 11 jahre anstrengung nun durch extremen druck und überforderung zerstört werden. die lehrer bewerten uns trotz allem normal. so geht das nicht. es existiert keine struktur. manche lehrer geben gefühlt 30 mal mehr aufgaben auf, als sie dürften und andere keine. (...) ich bin total überfordert und überarbeitet, und trotz allem schlecht auf das abi vorbereitet. das alles zerstört grade meine zukunft :((

Videokonferenzen

Man kann nicht 6 stunden HINTEREINANDER auf den Bildschirm starren! Es geht nicht, bitte verstehe doch einer, dass man irgendwann einfach nicht mehr kann!!

So fühle ich mich im Homeoffice

Frustration und schlimme Gedanken

Ich fühle mich komplett ausgelaugt und einfach richtig scheiße! Jeden Tag von morgens bis Nachmittags Videokonferenzen, dann wird auch noch überzogen und man bekommt viel zu viele und zeitaufwendige Hausaufgaben, teilweise mit Abgabeterminen wo nicht mal Unterricht ist. So viele Hausaufgaben und Projekte hab ich schon abgegeben und nie eine Rückmeldung der Lehrer bekommen, aber die erwarten, dass wir alles wie Maschinen erledigen. Nach den Konferenzen sitze ich teilweise bis nachts an meinen Hausaufgaben mit meinen Eltern manchmal, allerdings sind die mir keine große Hilfe da meine Verbindung zu meinen Eltern krass gelitten hat. Meine Eltern meckern mich 24/7 wegen jeder Scheiße an, dauernd üben sie Druck auf mich aus: Hier du musst lernen, wiederhole für den Nächsten Tag, bereite dich auf die Nächsten Stunden vor, du bist so faul, hängst immer nur am Handy, manchmal was für die Schule, ich hab viel mehr gemacht für die Schule du bist wirklich faul, komm doch mal aus deinem Zimmer raus, ich seh dich ja gar nicht mehr, etc. Ich flipp aus!!

Unterstützung nur von wenigen Lehrer*innen

ich finde es sehr schade, dass die Kommunikation mit den Lehrer*innen in dieser Zeit teilweise wirklich sehr schwer ist. Ich habe das Gefühl, dass von uns Schüler*innen die ganze Zeiterwartet wird, dass wir alle Aufgaben zusätzlich zu den Videokonferenzen super easy hinbekommen, obwohl wirklich die Überzahl zur Zeit wirklich überfordert und unter enormen Stress leidet. Ich kann absolut verstehen, dass die Lehrer*innen zur Zeit auch total viel zu tun haben, aber manche Reaktionen fand ich auch einfach echt dreist. Viele sind sofort in die Defensive gegangen und haben null Verständnis gezeigt, und dann sachen wie ich habe kinder um die ich mich kümmern muss gedroppt... So hä? Warum kann man nichtverständnisvoller reagieren?

Kaffee, um Unmögliches zu schaffen

4-5 Kaffees am Tag und abends nicht schlafen können durch Panik, Angst und Herzrasen. Angst haben sich zu „melden“, Angst haben drangenommen zu werden. Unglücklich werden. Keine Zeit mehr haben um über dich selber nachzudenken, glücklich zu sein. Wir müssen funktionieren wie Maschinen. In Q4 sind keine Klausurersatzleistungen möglich. Wie kann das sein?! Sind wir eine ganze Generation, die unvorbereitet und ohne Schutz auf eine Schlucht zu laufen. Wir brauchen mehr Hilfe, viele Lehrer geben ihr bestes. Niemand kann etwas für die Situation aber wir bitten um Rücksicht, Verständnis und eine bessere, offenere Kommunikation.

Komplett am Ende

Es ist jetzt schon seit Wochen immer das gleiche. Ich weiß dass es nicht nur an der Schule liegt, aber sie trägt viel dazu bei. Es sind nicht die einzelnen Aufgaben sondern alle zusammen die mir sehr viel Kraft kosten. Ich habe nicht einmal zeit mich für die 5. pk vorzubereiten. Zu hause ist die stimmung gedrückt und alle eskalieren schnell da wir alle sehr gereizt sind. Die Masse an Videochats + Aufgaben + Hausaufgaben ist echt zuviel. Es ist das dreifache von dem was wir normalerweise tun müssten. ich sitze manchmal bis 3 uhr nachts am rechner und am ende wird meine arbeit nicht mal beurteilt oderwertgeschätzt. ich fühle mich nicht mehr wie ein normaler mensch sondern wie eine maschine die nur für die schule lebt.

Ich kann nicht mehr

Ich sitze jeden Tag von 8 bis manchmal sogar 22 Uhr vor dem PC. Ich habe keine Motivation mehr, mich richtig fertig zu machen und etwas ordentliches anzuziehen. Ich werde sowieso keine Zeit haben, rauszugehen und jemand anderen als meine Eltern zu sehen. Wieso sollte ich dann meine verbliebende Kraft dafür aufwenden, mich fertig zu machen? Jeder Lehrer meint, frische Luft sei wichtig für unsere Gesundheit aber was sollen wir denn machen ?? Während der eigentlichen Schulzeit gibt es nur Konferenzen, also keine Zeit irgendwelche der unzähligen Aufgaben zu machen, die wir nebenher noch aufbekommen. Diese Aufgaben müssen wir dann da machen, wo wir eigentlich Freizeit hätten. Manche Lehrer meinen, wir sollen nur so lang an den Aufgaben sitzen, wie wir eigentlich Unterricht hätten. Aber das kann ich nicht. Ich brauche mindestens dreimal so lang, um zu einem einigermaßen akzeptablen Ergebnis zu kommen. Wenn ich wirklich nur 45 Minuten dran arbeiten würde, würde ich eine 6 kassieren. Manchmal kommt es mir in den Sinn, das Abi hinzuschmeißen weil ich es aufgrund meiner momentanen Noten eh nichtschaffe.

So häuft sich nach und nach immer mehr an

Ich bin wahrscheinlich nicht die einzige die morgens aufwacht und kaum Kraft hat aufzustehen, weil man weiß das mal wieder ein riesiger Stapel Aufgaben auf einen wartet, den man eh nichtschafft, weil einem die Motivation fehlt. Und so häuft sich nach und nach immer mehr an. Ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich kaum noch Energie habe überhaupt irgendetwas zu tun und deshalb nur noch das Nötigste bearbeite.

Eine Inzidenz von 60 darf kein Grund sein, Kindern und Jugendlichen Bildung zu entziehen

Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man bei einer Inzidenz von 61,4 in Wilmersdorf und 44,8 in Steglitz weiterhin legitimieren will die Schulen geschlossen zu halten. Ja es ist erlaubt Grundrechte einzuschränken, jedoch nur wenn diese Einschränkungen vor einer unmittelbaren Gefahr schützen und wenn es keine anderen Mittel gibt, welche zu ähnliche Ergebnissen führen. Bereits vor Monaten haben Virologen Konzepte vorgestellt, welche Präsenz Unterricht ermöglichen würden. Es ist jedoch nicht Grundgesetz konform, Grundrechte auf Basis einer Potenziellen Gefahr (Corona Mutationen) einzuschränken. Da diese nicht unmittelbar ist. Eine Inzidenz von 60, also 60 Betroffene auf 100.000 Einwohner, darf kein Grund dafür sein, Kindern und Jugendlichen Bildung zu entziehen.

Kein Ende in Sicht

Ich finde es absolut schwierig durchzuhalten, da auch nicht wirklich ein Ende in Sicht ist. Es wird immer gesagt, es gäbe „Licht am Ende des Tunnels“ etc., aber bisher ist es nur immer schlimmer geworden. Das Leben kann eh schon anstrengend genug sein, Corona vermittelt einem nicht gerade Hoffnung und dann scheint das Homeschooling auch noch nie zu enden. Prinzipiell Homeschooling fühlt sich an wie Sisyphus-Arbeit, immer nicht endende Aufgaben/Konferenzen usw., wenn man mal was geschafft hat, kommt schon direkt was neues. Man macht die ganze Zeit was und es endet trotzdem einfach nie.

Berufswahl

Meine Noten werden durch das Online Schooling so viel schlechter. Das bedeutet, dass ich vielleicht gar nicht mehr die Chance habe, das später zu tun, was ich möchte. Nur weil wir Corona haben heißt das nicht, dass ich auch später bei Aldi an der Kasse sitzen muss oder??

Nicht mehr man selbst sein

Ich fühle mich nicht mehr wie ich selbst, wenn mein Leben einfach nur aus Schule besteht - zu 100%. Jeden Tag um 7 aufzustehen und bis 14 uhr Konferenzen zu haben, um dann noch um die vier Stunden lang Hausaufgaben zu machen und den Unterrichtsstoff nachzuvollziehen, ist sehr anstrengend. Danach hat man auch keine Energie mehr, um die eigenen Hobbys auszuleben oder sogar manchmal mit Freunden zu kommunizieren. Zudem zahlt sich die hart Arbeit auch nicht aus. Schlechte Leistungen beeinflussen die Noten viel mehr als die guten und die guten, erkenne ich persönlich überhaupt nicht. Man bekommt so oft kein Feedback und auch manchmal keine Musterbeispiele oder -Lösungen, damit man wenigstens einen kleinen Eindruck vom Erwartungshorizont bekommt. Ich habe keine Ahnung wie meine Noten aussehen werden. Dieser konstante Stress macht einen kaputt.

Stress

ich bin nur noch 24/7 in meinem Zimmer, und arbeite an Schule, da wo ich schlafe. Die ganze Zeit vorm Computer mürbt so aus und ich habe keine Zeit für irgendwas anderes, es ist wirklich furchtbar und ich habe angst um meine Noten, vor den Klausuren und meinem Abi.

Das wäre doch jetzt eigentlich die Zeit unseres Lebens gewesen

Es gibt Tage, an denen ich einfach nur arbeite. Ich setze mich im Schlafanzug vor meinen Laptop, stehe nur auf um was zu essen. Lasse meine Emotionen gar nicht erst hochkommen, lenke mich ab mit Schule und Social Media. Und dann irgendwann kommt alles hoch. Wenn ich abends so dasitze und darüber nachdenke was ich in den letzten Wochen erlebt habe. Wenn mir auffällt dass mein Leben verdammt langweilig ist. Und das wäre doch jetzt eigentlich die Zeit unseres Lebens gewesen. Die Zeit, in der wir eine unbeschwerte Jugend haben. Uns am Montagmorgen in der Schule über die Feier von Freitagabend austauschen. Wir uns auf das nächste Wochenende freuen, an dem wir wieder neue Eindrücke sammeln. Neue Leute kennenlernen. Stattdessen sitze ich jetzt hier vor meinem Laptop, jeden Tag der Woche.

Verschwendete Lebenszeit

Leute, jetzt mal ehrlich: Wir sind grad im besten Abschnitt unseres Lebens, noch sind wir jung und sollten die Zeitgenießen, also lasst uns unser Leben zurückholen!

Präsenzunterricht!!!!!!

Ich wünsche mir so sehr noch einmal vor dem Abi in die Schule gehen zu können. Dass ich jetzt schon eine kleine Angststörung entwickelt habe und ich total Panik bekommen bei dem Gedanken an viele Menschen, kann man nicht ändern. Aber noch einmal in die Schule, was sich überhaupt nicht auf die Coronazahlen auswirken wird... wäre ein Traum. Und so viele Schulen haben bereits Präsenzunterricht, wieso kriegen wir das nicht hin?!?!?

Einfach Sch***e

Ich komme ein wenig zurecht aber hasse es.

Einfach keine Zeit zum LEBEN

Mich würde freuen, wenn manche Lehrer mal realistisch sind, denn nur weil wir jetzt zu Hause sind und den Schulweg sparen, haben wir nicht dafür Zeit auf einmal doppelt so viele Aufgaben zu bekommen, als die die wir realistischer Weise im Unterrichtschaffen würden. Das ist alles viel zu viel. Jeden Tag in wirklich jedem Fach Videokonferenzen, sogar im Sport und dann noch komplettübertriebene Hausaufgaben zusätzlich zu den Videokonferenzen. Mir grault richtig vor der Woche, wenn sie wieder startet.

( lei )