Wissenschaft

Das Berliner Naturkundemuseum expandiert

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Joachim Fahrun
Das Berliner Naturkundemuseum braucht mehr Platz, um Exponate zu lagern und alle Sammlungen zu präsentieren.

Das Berliner Naturkundemuseum braucht mehr Platz, um Exponate zu lagern und alle Sammlungen zu präsentieren.

Foto: Carola Radke

Das 660 Millionen Euro teure Modernisierungsprogramm für das Naturkundemuseum sieht auch eine neue Außenstelle vor.

Berlin. In dem an wichtigen Wissenschaftsprojekten nicht armen Berlin nimmt dieses Vorhaben eine besondere Position ein. Gleich 660 Millionen Euro nehmen die Bundesregierung und das Land Berlin in die Hand, um das Naturkundemuseum in die Zukunft zu katapultieren. Das Haus an der Invalidenstraße bietet schon heute viel mehr als die berühmten Dinosaurier-Skelette. Die Forschung an den historisch wertvollen Sammlungen, die zum Teil noch von Alexander von Humboldt stammen, soll künftig einen noch größeren Stellenwert einnehmen.

In den vergangenen Monaten haben die Planer um den Geschäftsführer Stephan Junker die einzelnen Schritte des Projektes genauer ausgearbeitet. Wichtigste Neuerung gegenüber den bisherigen Überlegungen ist eine Außenstelle des Museums im Technologiepark Adlershof, für die allein 77 Millionen Euro aus dem Budget gezogen werden sollen. Trotz eines insgesamt gestiegenen Bedarfs für Sanierungen und Neubauten werde man den Gesamtrahmen von 660 Millionen Euro aber einhalten, versichert Junker.

Die Idee für einen zweiten Standort war bei der genauen Begutachtung des verschachtelten Altbaus in Mitte entstanden. Gemeinsam mit dem Star-Architekten David Chipperfield ermittelten die Bauleute des Museums im Rahmen der Masterplanung einen Flächenbedarf von 63.000 Quadratmetern, um Forschern Platz zu geben, Exponate zu lagern und die Sammlungen angemessen zu präsentieren. Das waren gut 20.000 Quadratmeter mehr, als Junker noch vor gut zwei Jahren vorsah, als er seinen Neuerungsplan der Morgenpost präsentiert hatte.

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Naturkundemuseum: Zweitstandort soll im Technologiepark von Adlershof entstehen

An der Invalidenstraße wäre so viel Fläche nur dann möglich, wenn man einen Speicher fünf Stockwerke in die Tiefe gebaut hätte. Angesichts des unsicheren Baugrundes in der Nähe von Spree und Panke, hoher Risiken und Sorge um die kostbaren Sammlungen mitten im Grundwasser des Berliner Urstromtales entschied man sich für einen Zweitstandort im Technologiepark von Adlershof im Berliner Südwesten.

An der Wagner-Régeny-Straße auf dem Erweiterungsfeld der ehemaligen Gleislinse soll das neue Gebäude ab 2024 hochgezogen werden. Derzeit wird über das Grundstück verhandelt. Da es sich aber um landeseigene Flächen handelt, die vom Technologiepark-Betreiber Wista verwaltet werden, dürfte es keine grundsätzlichen Probleme geben.

Entstehen soll in Adlershof aber viel mehr als nur ein Speicher für Tierskelette, Geweihe, Mineralien oder aufgespießte Insekten. „Das Naturkundemuseum ergänzt das Portfolio der Wista“, sagt Junker. Es solle dort um „sammlungsbegleitende Forschung“ gehen, die gemeinsam mit in Adlershof ansässigen Experten vorangetrieben werden könnte. Dort haben die Biologen und Chemiker der Humboldt-Universität schon lange ihren Sitz. Außerdem arbeiten Materialforscher, Nano-Technologen und spezialisierte Messtechniker im Technologiepark, hinzu kommen viele Start-ups mit neuen Konzepten.

„Das ist ideal für uns“, sagt der Direktor und gibt ein Beispiel. Mit neuen Verfahren, die es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab, lassen sich neue Erkenntnisse etwa aus alten Geweihen ziehen. Das Material kann heute ganz anders analysiert werden, um daraus zu lernen, was eine Antilope vor Tausenden von Jahren gefressen hat, wie die klimatischen Bedingungen damals waren. So ließen sich etwa Erkenntnisse über den Klimawandel gewinnen. „Es wird ein in sich funktionierendes Forschungszentrum, nicht bloß ein Depot“, sagt Junker. Für normale Besucher soll der Neubau aber außerhalb von Sonder-Terminen wie der Langen Nacht der Wissenschaften nicht offen stehen.

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Naturkundemuseum: Komplex in Mitte wird saniert und um Neubauten ergänzt

Aber auch in dem 1889 erbauten Komplex in Mitte wird sich hinter den Fassaden bis zum geplanten Ende des Projektes 2031 so ziemlich alles verändern. Allein 376 Millionen Euro sollen hier investiert werden, um die zum Teil noch von Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg gezeichneten Gemäuer zu sanieren und mit Neubauten zu ergänzen. Ziel ist es Junker zufolge, den Block mit der Humboldt-Universität zu einem Campus für Wissenschaftskommunikation für Natur und Gesellschaft zu machen. Das reine Ausstellen spektakulärer Einzelstücke wie der Saurier nimmt in der Denke der Museumschefs nicht mehr den zentralen Raum ein. Stattdessen ist die Rede von Forschung zum Anfassen, von Interaktion mit dem Publikum, von Information und Debatten. „Wir wollen in Mitte Wissenschaft sichtbar machen“, sagt Junker, und die „Idee vom Museum neu erfinden“.

Noch in diesem Jahr soll ein zweistufiger, europaweiter Architektenwettbewerb für den Komplex an der Invalidenstraße starten. Derzeit werden mit der Verwaltung die stadtentwicklungspolitischen Grundlagen geklärt. Denn neben der Sanierung der alten Gemäuer sind einige Neubauten vorgesehen, die eventuell auch über die Traufhöhe wachsen könnten. So soll der Hof zwei bebaut werden. Hinter dem zur Invalidenstraße gelegenen Thaer-Bau östlich des Hauptportals soll ebenfalls ein neuer Komplex hochgezogen werden.

Obwohl die reinen Baukosten inzwischen auf mehr als 450 Millionen Euro gestiegen sind, soll noch genügend Geld übrig bleiben, um die Sammlungen zu digitalisieren und so besser für die Forschung zu erschließen. Auch für die Aufgabe des Wissenstransfers und der Kommunikation muss Geld übrig bleiben.

Losgehen soll es mit dem Neubau in Adlershof und der Sanierung der ersten Altbauten im Jahr 2024. Bis dahin sind aber unzählige Detailfragen zu klären, um wirklich in sieben Jahren fertig zu werden. Als Voraussetzung nennt das Museum ein Logistikkonzept. Viele Etagen und komplette Gebäudeflügel müssen leer gezogen und die Sammlungen eingelagert werden, damit die Bauleute freie Bahn haben. Deshalb genießt auch der Neubau in Adlershof hohe Priorität.

Derzeit denken Junker und seine Mitstreiter darüber nach, wie sie die Bauphase bewältigen sollen und ob es eine Interimslösung für das Naturkundemuseum geben soll. Ein temporärer Ersatzbau ist nicht vorgesehen. „Wir überlegen, mit dem Museum mehr in die Stadt zu gehen und mobile Lösungen zu entwickeln“, sagt Junker. Besonders wichtig ist ihm aber, dass die 150 Forscher im Haus auch während der Bauzeit weiter ihrer Arbeit nachgehen können.