Corona-Krise

Ein Zirkus hängt in der Luft

Luftakrobatin Mercedes (18) schwebt über einer verschneiten Wiese.

Luftakrobatin Mercedes (18) schwebt über einer verschneiten Wiese.

Foto: Reto Klar

Im Zuge der Corona-Pandemie sind viele Zirkusse gestrandet. Ein Besuch bei Familie Hermann Renz in Beelitz.

Beelitz. Manchmal, wenn sie es nicht mehr aushalten, schauen sie sich auf dem Handy ihre eigenen Videos an. Kleine Sequenzen, wie jene von Jake, wie er das Pony Fuchsi durch die Manege dirigiert. Oder die Kunststücke der Artistinnen Mercedes und Jenna. Jake ist fünf und das Mini-Pony und er sind derzeit etwa gleich groß. Mercedes und Jenna sind 18 und 28 Jahre alt und Jakes Tanten – und sozusagen auch seine Kolleginnen. Denn im Circus Hermann Renz stehen alle Familienmitglieder in der Manege – sie arbeiten und leben zusammen, immer.

Spätestens, wenn Tamara Renz, sie ist 50 und Jakes Oma, zum Video den Ton aufdreht, füllt sich der gemütliche Riesen-Wohnwagen der Familie mit Sehnsucht. Bläserfanfaren, Kommandos und Beifall donnern zwischen Kochzeile, Sofas und Bullerofen, bis man meint, das Aroma von Sägespänen, Popcorn und Tieren förmlich zu riechen. Aber es ist nur eine Illusion. Zirkus ist nicht. Seit einem Jahr stehen viele kleine Familienzirkusse still. Gestrandet an Stadträndern, auf Bauernhöfen, wo eben Platz ist.

Kamele zwischen Spargelhof und Tankstelle

Wenn man in diesen Tagen durch Beelitz fährt, dann kann es passieren, dass man plötzlich Kamele sieht, zwischen Spargelhof und Tankstelle. Das ist keine Fata Morgana. Die sibirischen Steppenkamele Mogli und Schorschi gehören zum Circus Hermann Renz, der seit November sein Notquartier beim Jakobs-Hof aufgeschlagen hat. Mit den Kamelen leben drei Pferde und ein Pony im Tierzelt, es gibt auch einen Schäferhund. In den Wohnwagen drumherum wohnt die Familie: das Ehepaar Renz und ihre fünf Kinder, die teilweise selbst mit „Anhang“. Der jüngste Sohn ist 13, die Enkel sind drei und fünf. Auffällig ist, was fehlt: das Zirkuszelt. Es liegt zusammengefaltet in einem der riesigen Trucks.

Die kleinen Zirkusfamilien trifft das Aufführungsverbot wegen der Pandemie besonders hart. Nicht allein, weil die Einnahmen fehlen. Sondern weil das ganze Leben gestoppt ist. „Reisende“, so bezeichnen Zirkusfamilien sich selbst. In Unterscheidung zu den respektvoll „privat“ genannten Menschen mit festem Wohnsitz. Reisende, soll das vielleicht auch bedeuten, sind immer im Dienst. Was im Fall der Familie Renz zutrifft.

Dass sie über mehrere Monate am selben Ort sind, sagt Tamara Renz, ist ungewohnt. Sie versuchen, sich anzupassen, sogar einen Vorgarten im Schnee haben sie sich jetzt eingerichtet, mit Schlitten, Tannen-Deko und Feuerschale, an der sie sich seit dem Frosteinbruch wärmen. Es wirkt gemütlich. „Das ist es auch“, sagt sie. Aber dennoch. Sie schaut auf die Futtersäcke, die Passanten vorbeigebracht haben. Andere haben am Morgen gefragt, wie sie den Zirkus unterstützen können. Tamara Ranz schaut gerührt kurz aus dem Fenster. Nachbarn zu haben, ist für Reisende ungewöhnlich. Ebenso Mitgefühl. Zirkusmenschen sind ja eher Beifall gewohnt. Sie betteln nicht. Doch weder gibt es für sie Corona-Hilfen noch Kurzarbeit, auch entlassen können sie niemanden. Alle Mitarbeiter gehören ja zur Familie.

Wäre keine Pandemie, würde Tamara Renz jetzt das Jahr planen. Ordnungsämter abtelefonieren auf der Suche nach Standplätzen. Doch schon im Frühjahr saßen sie das erste Mal fest. Von März bis August durften sie in Falkensee auf dem Land eines Bauern stehen. Seit November hat ihnen der Jakobs-Hof in Beelitz Obdach gegeben.

Als Frau des Zirkusdirektors organisiert Tamara Renz die Tournee, meist durch Brandenburg und Berlin, manchmal bis Sachsen. Sie macht aber auch den Einlass, das Popcorn, moderiert die Vorstellung, steht mit in der Manege. Rund 70 Zuschauer passen pro Aufführung ins Zelt. Wie viele – beziehungsweise wenige – Menschen die 90-Minuten-Show bestreiten, würde viele Zuschauer wahrscheinlich erstaunen.

Zirkus kann Kinder auf besondere Weise berühren

Familienzirkus bedeutet, dass alle sich mit um die Tiere kümmern, dass auch die Artistinnen das Zelt mit aufbauen, die Trucks fahren, Süßigkeiten verkaufen. Und dass auch die Jüngsten schon auftreten. Wie Jake mit dem Pony, stolz wie ein Cowboy, und heiß beneidet von seiner Cousine Helene, die auch vom eigenen Auftritt träumt. Sie ist drei.

Artistik, Messerwerfen, Westernshow auf Pferden, Jonglieren – was sie können, lernen die Jüngeren von den Älteren, Verwandten und Freunden. Die meisten Zirkusfamilien sind miteinander verwandt. „Es gibt einen großen Zusammenhalt.“ Einzig sie selbst, sagt Tamara Renz, hat einen anderen Beruf: Sie ist Erzieherin. Zwar stammte ihre Mutter aus einem Zirkus, ihr Vater aber war Kfz-Meister bei Cuxhaven. Er sah es nicht gern, wenn sie als Kind den „Zirkus-Opa“ in den Ferien besuchte. „Aber mir hat trotz einer guten Kindheit auf dem Dorf immer etwas gefehlt.“ Ihren Mann Hermann lernte sie über den Zirkus der mütterlichen Familie kennen, heiratete ihn – und damit, sozusagen, den Zirkus.

Bevor sie auszog, das hatten die Eltern ihr auferlegt, sollte sie aber eine Berufsausbildung machen. „Heute bin ich ihnen unendlich dankbar dafür.“ Denn trotz Zirkusleben ist sie fest angestellt, als Verantwortliche für Pflegekinder, die mit dem Zirkus reisen. Acht Kinder haben sie in den vergangenen 20 Jahren zusätzlich zu den eigenen fünf aufgenommen. Es erscheint erst ungewöhnlich. Aber der Zirkus kann Kinder auf besondere Weise berühren, gerade jene, die den Platz oder Halt im Leben verloren haben. Denn es gibt wohl nur wenige Welten, in denen es zum richtigen Leben gehört, neue Rollen auszuprobieren. Clown oder Westernheld? Oder Schneemann Olaf, den ein aktuelles Pflegekind neulich erfolgreich in der Manege verkörperte?

Nach der Vorstellung werden die Kostüme weggehängt, dann sind alle einfach: eine Familie. „Alle werden hier gebraucht, für die Versorgung der Tiere, bei der Technik, bei allem.“ Die älteren Geschwister müssen den jüngeren derzeit auch bei den Schulaufgaben helfen. Denn eines trifft die Zirkusfamilien wie alle anderen: Homeschooling. Auch Zirkuskinder besuchen die Regelschulen, jeweils an dem Ort, wo sie gastieren. Zwar bekommt Jimmy (13) regelmäßig Aufgaben von der Schule für Circuskinder in Nordrhein-Westfalen. Aber ganz allein lernen, das kennen sie im Zirkus eher nicht. So erwarten sie es gemeinsam, bis die Manege endlich wieder frei ist zum Auftritt. „Im Sommer hatte uns der Circus Berolina zu einigen Gastauftritten eingeladen“, sagt Tamara Renz. „Das war eine riesige Ehre für uns als kleinen Familienzirkus und eine große Motivation, hoffentlich bald selbst wieder loszulegen.“