Minutenprotokoll

Blindgänger in Lübars erfolgreich entschärft

| Lesedauer: 11 Minuten
Susanne Kollmann, Dennis Meischen und Philipp Siebert
Sprengmeister Püpke: Bombe in Lübars entschärft

Sprengmeister Püpke: Bombe in Lübars entschärft

Sprengmeister Dietmar Püpke berichtet von der schwierigen Entschärfung des Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg .

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Wegen einer Fliegerbombe mussten 1350 Menschen in Lübars ihre Wohnungen verlassen. Die Entschärfung im Minutenprotokoll.

  • Wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg mussten in Lübars 1350 Menschen ihre Wohnungen verlassen.
  • Um 13.13 Uhr wurde der Blindgänger erfolgreich entschärft.
  • Wie das Bezirksamt Reinickendorf mitteilte, ging von der am Zabel-Krüger-Damm gefundenen Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg keine Gefahr aus.
  • Über dem Sperrkreis flog auch ein Polizeihubschrauber

14.08 Uhr: Polizei bedankt sich bei Kriminaltechnikern

13.52 Uhr: Sperrung aufgehoben - Anwohner dürfen nach Hause zurückkehren

Der Sperrkreis wird aufgehoben. Anwohnerinnen und Anwohner dürfen in ihre Häuser zurückkehren.

13.25 Uhr: Bombe wird in Lkw verladen

Die entschärfte Bombe wird zum Abtransport in einen Lkw verladen. Sie wird zum Sprengplatz im Grunewald gebracht und voraussichtlich im Herbst gesprengt.

13.18 Uhr: Die Bombe ist entschärft

Der Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg ist erfolgreich entschärft worden. "Unsere Kriminaltechniker vom #LKA haben in #Lübars die 250kg US-#Weltkriegsbombe mit zwei unbeschädigten mechanischen Aufschlagzündern erfolgreich entschärft. Sobald der Sperrbereich wieder freigegeben ist, gibt es von uns ein #Update. Das kann aber noch ca. 1 Std. dauern", teilt die Polizei Berlin über den Nachrichtendienst Twitter mit.

13.11 Uhr: Entschärfung läuft nach Plan

Bislang läuft die Entschärfung nach Plan. Der erste Zünder ist entfernt, den zweiten entfernen die Experten jetzt. Wie lange die Entschärfung noch dauert, ist nicht bekannt.

11.28 Uhr: Alle Häuser evakuiert, Entschärfung beginnt

Alle Häuser sind evakuiert, jetzt beginnt die Entschärfung, sagt Pressesprecher Michael Gassen. 270 Polizisten und Polizistinnen sind im Einsatz.

10.50 Uhr: So geht es den Pferden im Sperrkreis

Lübars ist ein eher ländlicher Ortsteil, in dem es noch einige Landwirte und Reiterhöfe gibt. Einer gehört der Familie Kühne-Sironski. Der Hof befindet sich mitten im Sperrkreis. "Mehr als 100 Pferde sind im Sperrgebiet, die können ja nicht alle evakuiert werden", sagte Ute Kühne-Sironski. Auf ihrem Hof sind 35 Pferde untergebracht. Da die Tiere bei dem Wetter nicht den ganzen Tag auf der Koppel stehen können, bleiben sie in ihren warmen Ställen. "Wir sind um 6 Uhr schon bei den Tieren gewesen, haben ihnen reichlich Futter und Wasser gegeben", sagte sie.

Einige Besitzer seien noch vor der Sperrung bei ihrem Pferd gewesen. Sie ist froh, dass die Tiere nicht evakuiert werden müssen, "das wäre ein Chaos gewesen." Und da die für die Bombenentschärfung zuständigen Experten von einer​ geringen Gefahr ausgehen, mache sich Kühne-Sironski keine großen Sorgen. Sie selbst nutze die Zeit der Sperrung gemeinsam mit ihrem Mann für Arztbesuche, "da muss man ja ohnehin immer etwas warten".

10.18 Uhr: Entspannte Lage an der Bettina-von-Arnim-Schule

Entspannte Lage auch an der Bettina-von-Arnim-Schule im Märkischen Viertel, obwohl sich die Menschen hier sogar zu zwei Anlässen einfinden sollen. Während es im rechten Teil des Gebäudes für die Eltern um die Anmeldung zur Oberschule geht, werden im rechten Teil insgesamt 15 Haushalte, die keinen externen Transport in die Evakuierungsstätten benötigen, auf die Klassenzimmer verteilt. Die Betreuung erfolgt durch Hausmeister und Sozialarbeiter. Großer Andrang ist noch nicht zu sehen.

10.06 Uhr: Vollsperrung am Zabel-Krüger-Damm

An der Ecke Zabel-Krüger-Damm/ Am Vierrutenberg ist eine Vorsperrung eingerichtet, weil dort der Verkehr leichter umgeleitet werden kann - sonst müssten alle auf der schmalen Straße wenden. Die eigentliche Sperrung beginnt 200 Meter weiter. Das teilte ein Polizeibeamter mit, der an der ersten Sperrung steht. Mit einem Ausweis dürfen die Anwohner, die zwischen der ersten und zweiten Sperrung wohnen, während der gesamten Zeit zu ihren Wohnungen. Bislang ist die Lage ruhig, sagt der Polizist.

9.58 Uhr: Feuerwehr bringt ältere Menschen in Schule

Noch ist die Lage ruhig am Romain-Rolland-Gymnasium in Wittenau. Nur vereinzelt sind bereits ältere Personen, die auf Hilfe beim Gehen angewiesen sind, von Mitarbeitern des Ordnungsamts und des Deutschen Roten Kreuzes in die Schule gebracht worden- hier werden primär Menschen mit Behinderung durch Sozialarbeiter, Hausmeister und Altenpfleger versorgt. „Wir sind mit insgesamt 22 Mitarbeitern im gesamten Evakuierungsgebiet“, sagt Einsatzleiter Ingo Fiedler. Coronabedingt müssen die einzelnen Haushalte in jeweils eigene Räume gebracht werden, es gilt Maskenpflicht im gesamten Gebäude. „Die Menschen haben in den Räumen viel Platz“, versichert der Hausmeister der Schule.

9.45 Uhr: Anwohner verlassen den Sperrkreis

Anwohner verlassen vereinzelt noch den Sperrkreis. Ein älterer Mann war etwas verwundert über das Aufgebot der Polizei und den Hubschrauber. "Ich dachte, es ist jemandem etwas passiert", sagte er, "ich war gerade dabei Frühstück zu machen, als ich den Polizeiwagen gesehen habe. Er habe nicht mitbekommen, dass eine Bombe entschärft werde. Das habe er von der Polizei erfahren. Einen Flyer habe er nicht im Briefkasten gehabt und auch nichts in den Medien gesehen, wie er sagt. Nun will er einen Freund besuchen und spazieren gehen. "Bis 17 Uhr kann ich mich schon beschäftigen."

9 Uhr: Hubschrauber kreist über Sperrkreis

Am Morgen kreiste ein Hubschrauber über dem Sperrkreis. Die Bewohner wurden aufgefordert, dass sie den Sperrkreis verlassen sollen. Außer Polizisten und Autofahrern sind am Morgen allerdings kaum Menschen unterwegs, wie unsere Reporterin vor Ort beobachtet.

Bombenentschärfung in Lübars
Bombenentschärfung in Lübars

Entdeckt wurde der 250 Kilogramm schwere Blindgänger auf einer unbebauten Fläche neben der Christkönig-Kirche am Zabel-Krüger-Damm bereits vor zwei Wochen. Nun soll die US-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht werden. Dafür muss ein Sperrkreis mit einem Radius von 500 Metern eingerichtet werden. Voraussichtlich wird die Sperrung gegen 17 Uhr aufgehoben.

Obwohl es sich um eine große Bombe handelt, geht keine Gefahr von dem Objekt aus, sagen Experten. Aufgrund der geringen Gefahr sei nach Angaben eines Bezirkssprechers auch so viel Zeit zwischen Bekanntgabe und Entschärfung vergangen. „Der Bezirk brauchte Zeit, um die Unterbringung der Anwohner coronakonform zu organisieren“, heißt es.

1350 Reinickendorfer müssen ihr Zuhause verlassen

Für die knapp 1350 Reinickendorfer, die ihr Zuhause verlassen müssen, hat der Bezirk für die Dauer der Sperrung Unterkünfte organisiert. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie werde laut eines Bezirkssprechers keine Turnhalle zur Verfügung gestellt, wie es sonst in diesen Fällen üblich ist. Stattdessen gibt es Räume im Romain-Rolland-Gymnasium, in der Bettina-von-Arnim-Schule und der Grundschule am Fließtal – jeder Haushalt wird in einer Klasse untergebracht. Wie der Bezirkssprecher sagt, haben sich 28 Haushalte mit jeweils zwei bis drei Personen für eine Unterbringung angemeldet. Die Auslastung betrage circa sechs Prozent der zur Verfügung gehaltenen Unterkünfte.

Weil die Bombenentschärfung circa zwei Wochen im Voraus angekündigt worden ist, sind viele Anwohner gut vorbereitet. In der direkt an den Fundort angrenzenden Gemeinde Christkönig gibt es keinerlei Probleme, sagt Pfarrer Norbert Pomplun. „Donnerstags haben wir ohnehin keine Veranstaltungen vor Ort, demnach hat die Sperrung auf uns keine Auswirkungen“, sagt der Pfarrer. Auch die Band „Corvus Corax“, die in Alt-Lübars täglich probt, habe eine Lösung gefunden. Anstatt sich mittags zu treffen, wolle man das auf den Abend verlegen. „Da wir nicht dort wohnen, betrifft uns die Situation nicht direkt. Allerdings unseren Vermieter. Der nimmt seine Kinder jetzt mit in sein Büro in Mitte“, sagt die Managerin der Band, Doro Peters.

Haustiere in Unterkunft tabu: Massive Kritik vom Tierschutzverein

Vor einem großen Problem stehen allerdings Tierbesitzer. Denn: „Die Mitnahme von Haustieren in die zentralen Anlaufstellen ist aus hygienischen Gründen nicht erlaubt“, heißt es vom Bezirksamt. In der Facebook-Gruppe „Lübars ist ein Dorf – jeder kennt jeden“ gab es deshalb schon verzweifelte Aufrufe, weil Anwohner nicht wissen, wo sie bei der Kälte den gesamten Tag mit ihrem Hund verbringen sollen – und das Tier alleine zu Hause lassen möchte auch niemand.

Letzteres ist laut Annette Rost, Sprecherin des Berliner Tierschutzvereins, nicht nur absurd und nicht tiergerecht, sondern auch ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. „Dieses Gesetz besagt, dass derjenige, der ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen muss.“ Die Verantwortlichen im Bezirk Reinickendorf „scheinen definitiv selbst keine Haustiere zu haben“, so Rost weiter. „Mit wenig Aufwand hätte man eine gute Lösung für Tier und Mensch finden können.“

Zwischen 1943 und 1945 flogen die Alliierten 378 Luftangriffe auf Berlin. Wie viele Bomben dabei abgeworfen wurden, kann heute niemand sagen. Schätzungen gehen von 47.000 Tonnen aus. Abgeworfen wurden sie meist über militärischen Anlagen wie dem Schießplatz in der Jungfernheide, dem späteren Flughafen Tegel, über Rüstungsproduktionsstätten wie den Borsig-Werken oder über dem Machtzentrum der Nazis in der Berliner Innenstadt.

Rund 4000 Bomben liegen noch in der Erde Berlins

Im Inneren bestanden die Bomben meist zum größten Teil aus Trinitrotoluol (TNT). Sie waren so gebaut, dass sie entweder beim Aufschlag detonierten oder, wenn mit einem chemischen Langzeitzünder ausgerüstet, innerhalb von 72 Stunden nach Abwurf. „Aber die Zünder waren Massenware, da gab es Ausschuss“, sagt Dietmar Püpke, Leiter des Kampfmittelräumdienstes der Berliner Polizei. Daher seien manche Bomben nicht explodiert. Andere seien auch nicht auf dem Zünder aufgekommen. Und auch die Witterungsverhältnisse hätten eine Rolle gespielt. „Auf dem mehrstündigen Flug von England sind die Zünder manchmal einfach vereist.“

Insgesamt 1204 entschärfte Blindgänger sind seit Kriegsende in der Statistik der Berliner Polizei vermerkt. In Wirklichkeit dürften es jedoch mehr sein. Denn genaue Zahlen für Ostberlin bis 1990 liegen beispielsweise nicht vor. Schätzungen zufolge verbergen sich noch rund 4000 Weltkriegsbomben in der Erde der Hauptstadt.