Pandemie

Kalayci kündigt Impfstoffproduktion an - Konzern sagt ab

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Joachim Fahrun und Jens Anker
"Berlin-Chemie" steht auf dem Schild am Firmensitz in Adlershof.

"Berlin-Chemie" steht auf dem Schild am Firmensitz in Adlershof.

Foto: pa

Kalayci kündigte eine Impfstoffproduktion an. Berlin-Chemie stellte klar, dass es weder Impfstoff produzieren noch abfüllen könne.

Berlin. Ein Vorhaben, schnell mehr Impfstoff in Berlin zu produzieren, ist gescheitert. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte am Donnerstagmittag noch die Produktion von Corona-Impfstoff in Berlin in Aussicht gestellt. „Berlin-Chemie ist bereit, eine Impfstoffproduktion aufzubauen“, sagte Kalayci im Abgeordnetenhaus. Doch am Abend sagte der Konzern ab.

Bereits am Nachmittag gab es den ersten Dämpfer. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) korrigierte seine Senatorin an einem entscheidenden Punkt. „Es geht um Abfüllung, nicht um Produktion eines Impfstoffes“, sagte Müller.

Am Abend sagten die italienischen Eigentümer von Berlin-Chemie dann ab - für die Impfstoffproduktion und auch Abfüllung. „Die Technologie, über die das Unternehmen verfügt, ist für die Produktion von Impfstoffen nicht geeignet“, hieß es in einer Presseerklärung. Dennoch bedanke man sich bei der Berliner Senatsverwaltung „für die positiven und konstruktiven Gespräche bezüglich einer möglichen Unterstützung bei der Aufbereitung von Impfstoffen“.

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Mögliche Impfstoffproduktion: Kalayci hatte weitreichende Versprechen gemacht

Bei Kalayci hörte sich das am Vormittag anders an. „Ich habe heute früh unseren Regierenden Bürgermeister unterrichtet, dass ich und meine Behörde in guten Gesprächen sind mit Berlin-Chemie.“ Das Pharmaunternehmen sei bereit, eine Impfstoffproduktion aufzubauen.

„Ich finde, das ist eine gute Nachricht“, sagte die Senatorin. „Wir prüfen gemeinsam einen schnellen Ausbau von Impfstoffkapazitäten.“ Aus ihrer Sicht wäre es „großartig“, wenn Berlin so einen Beitrag gegen die Impfstoffknappheit leisten könne. Details nannte Kalayci auch auf Nachfrage eines Abgeordneten nicht. Sie betonte jedoch: „Wir brauchen mehr Impfstoff, das ist Fakt.“

"Berlin-Chemie hat Ressourcen, hat gute Voraussetzungen, um eine Impfstoffproduktion aufzubauen und auch schnell auszubauen“, meinte Kalayci. Eine geeignete Produktionsstätte und Personal stünden zur Verfügung. „Mit unserer Unterstützung gehen wir davon aus, dass ein schneller Ausbau der Impfproduktion möglich ist.“

Und weiter: „Wir sind jetzt in den Prüfungen.“ Berlin suche bei dem Thema auch den Kontakt zur Bundesregierung. „Dort ist ja auch die Frage: Wo gibt es in Deutschland Impfstoffproduktionskapazitäten? In Berlin können wir sagen: In Berlin hätten wir diese Kapazitäten.“

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Am Freitag teilte Kalayci dann über Twitter mit, sie hätte sich für Berlin "sehr gewünscht, schnell eine Produktionsstätte aufzubauen". Sie respektiere die Situation, wie sie derzeit sei.

Berlin-Chemie stellt im Wesentlichen Tabletten für den osteuropäischen Markt her

Die Adlershofer Traditionsfirma stellt im Wesentlichen Tabletten für den osteuropäischen Markt her, hat aber auch Erfahrungen im Umgang mit Flüssigkeiten. Schon Anfang der 2000er-Jahre hatte Berlin-Chemie mit der Abfüllung von Impfstoff gegen die Vogelgrippe geholfen.

Nach eigenen Angaben gehörte Berlin-Chemie in der DDR zu den größten Chemie-Betrieben mit Arzneimittelherstellung. Dort wurden unter anderem Insulin und Penicillin hergestellt. Seit 1992 gehört der Betrieb zur italienischen Menarini-Gruppe, einem Pharmaunternehmen mit Sitz in Florenz. Momentan helfen mehr als 100 Mitarbeiter der Firma ehrenamtlich bei der Aufbereitung des Biontech-Vakzins im Impfzentrum Arena in Berlin-Treptow.

Mehrere Pharmaunternehmen bieten Hilfe bei Produktion des Impfstoffs an

Zuletzt hatten mehrere Pharmaunternehmen ihre Hilfe bei der Produktion des Impfstoffs angeboten. Demnach will Sanofi bis zu 200 Millionen Dosen des Biontech-Impfstoffs herstellen. Wie weit aber mögliche Lizenzverhandlungen sind und wie schnell das umgesetzt werden kann, ist unklar. Bisher sind in der EU zwei Corona-Impfstoffe der Hersteller Pfizer/Biontech und Moderna zugelassen. Allerdings gibt es seit Wochen Probleme mit den zugesagten Lieferungen.

Mit AstraZeneca soll ein dritter Impfstoff voraussichtlich an diesem Freitag zugelassen werden. Nach der am Donnerstag veröffentlichten Empfehlung der deutschen Impfkommission (Stiko) sollte AstraZeneca jedoch nur an Menschen unter 65 Jahren verabreicht werden. Die Stiko begründete ihre Einschätzung damit, dass zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren „aktuell keine ausreichenden Daten“ vorlägen.

Impfgipfel am Montag in Berlin

Die Regierungschefs der Bundesländer werden sich am Montag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) zum Impfgipfel zusammenschalten. Das hat der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz Müller am Donnerstag angekündigt.

Laut Berlins Regierendem Bürgermeister sollen auch die Impfstoffproduzenten sowie deren Zulieferer und die Hersteller der gläsernen Portionsfläschchen dabei sein. Es gehe um mehr Verlässlichkeit in den Lieferungen, so Müller. Nach Informationen aus der Senatskanzlei gibt es auch einen Engpass bei den Gefäßen für den Impfstoff. (mit dpa)

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