Verkehr

Berliner Pendler stehen 108 Stunden im Stau

Berliner Pendler haben auch 2020 mehrere Tage im Stau gestanden. Trotz Corona-Pandemie ging der Autoverkehr nur wenig zurück.

Trotz Corona-Pandemie mussten Berliner Autofahrer 2020 wieder lange im Stau stehen.

Trotz Corona-Pandemie mussten Berliner Autofahrer 2020 wieder lange im Stau stehen.

Foto: Soeren Stache / dpa

Berliner Pendler haben im vergangenen Jahr 108 Stunden im Stau verloren, das entspricht viereinhalb Tagen. Im Vergleich zum Jahr 2019 steckten Autofahrer zu den Rushhour-Zeiten damit allerdings 16 Stunden weniger im Verkehr fest. Das geht aus den Daten des Traffic-Index des Kartierungsspezialisten TomTom hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurden. Morgens verlängerte sich eine halbstündige Fahrt an Werktagen demnach um 12 Minuten, ab dem späten Nachmittag lag die Verzögerung je halbe Stunde bei 16 Minuten.

Berliner stehen am längsten im Stau

Über alle Tage des Jahres gerechnet kommt Berlin laut den Daten auf ein Stauniveau von 30 Prozent und belegt damit bundesweit den unehrenhaften ersten Platz. Der Wert, der angibt, um wie viel sich eine Autofahrt im Jahresschnitt verlängert, lag 2020 trotz der Auswirkungen der Corona-Pandemie nur um zwei Prozentpunkte niedriger als noch 2019. Zu den Hauptverkehrszeiten zeigte sich der Effekt mit einem Rückgang von neun Prozentpunkten am Morgen und sieben am Abend indes ausgeprägter.

„Die Werte für Berlin waren für uns auch eine Überraschung“, sagte eine TomTom-Sprecherin. Aufgrund der vielen Start-ups in der Hauptstadt etwa, in denen das Arbeiten im Homeoffice oft weit verbreitet sei, habe man mit einem stärkeren Effekt der Pandemie gerechnet. Wirklich eingebrochen sei der Verkehr allerdings nur zu kurzen Zeiten während der Lockdowns im Frühjahr und seit November. Insgesamt habe es laut den Daten nur 20 Tage gegeben, an denen der tägliche Zeitverlust durch Staus weniger als halb so hoch war wie 2019. Nachdem vor allem die morgendliche Rushhour im Frühjahr deutlich abgemildert wurde, weil Pendler stärker verteilt am Morgen in die Stadt fuhren, habe sich die bekannten Spitze am Morgen und Abend schnell wieder ausgebildet.

Im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten fiel der Corona-Effekt auf den Verkehr in der Hauptstadt damit geringer aus. Eine überraschende Erklärung der Verkehrsanalysten: das gute Berliner ÖPNV-Angebot. „Das sehen wir in vielen Städten, wo der Nahverkehr gut ausgebaut ist“, erklärte die TomTom-Sprecherin. „Man sieht deutlich, dass die Leute den ÖPNV während Corona meiden und doch lieber auf das Auto umsteigen.“ Je größer zu normalen Zeiten die Zahl der Fahrgäste mit Bus und Bahn, desto höher die Zahl der Umsteiger während der Pandemie.

Auf diesn Straßen in Berlin nahm der Verkehr während Corona zu

Mit dem Traffic-Index vergleicht TomTom in jedem Jahr die Entwicklung des Autoverkehrs und Stauanteils in Großstädten rund um den Globus. Dem Unternehmen, das sein Geld mit dem Verkauf von Navigationssystemen und Verkehrsdaten verdient, kommen hohe gemessene Stauwerte in dieser Hinsicht zupass.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt allerdings auch die Berliner Verkehrsinformationszentrale. Demnach zeigte sich der Effekt der Corona-Pandemie auf Berlins Straßen im vergangenen Jahr unterschiedlich stark – zum Teil auch überhaupt nicht. Besonders groß fiel demnach der Rückgang des Kfz-Verkehrs 2020 an der Leipziger Straße aus. Mit dem Lockdown ab Mitte März sank auf der Ost-West-Magistrale der Autoverkehr kurzfristig auf nur noch 60 Prozent des Vorjahreswerts. Seitdem stieg er kontinuierlich an, erreichte allerdings nur für wenige Tage im September wieder das Niveau von 2019, bevor es ab dem Herbst erneut runter ging auf gut 80 Prozent des Vorjahreswerts.

Anders das Bild an der Potsdamer Straße/Ecke Clayallee in Zehlendorf. Nach dem Einbruch im März kam der Verkehr hier schnell zurück und lag fast das gesamte Jahr über nur knapp unter den Vorjahreswerten. Zwischen August und Oktober waren häufig sogar mehr Autos auf dem Abschnitt unterwegs. Ähnlich war das Bild an der Zählstelle Bornholmer Straße/Ecke Schönhauser Straße.

Auch nach einer Analyse des Verkehrsforschers Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigte sich der Autoverkehr 2020 in der Hauptstadt sehr robust. „Der Anteil der zurückgelegten Wege mit dem Auto ist auf 40 Prozent hochgeschnellt." Insbesondere die Alleinfahrten hätten sich verdoppelt. Das Wachstum läge jedoch nicht an einer Vielzahl neuer Autobesitzer, so Knie. „Die hohen Werte stammen von Menschen, die schon ein Auto haben."

Die größten Corona-Gewinner sieht Knie jedoch an anderer Stelle: Beim Fuß- und Radverkehr. „Vor allem der Fußverkehr hat dramatisch zugenommen." Mittlerweile legten die Berliner 30 Prozent aller Wege zu Fuß zurück. Überproportional habe auch der Radverkehr zugelegt. „Das gilt nicht nur für Frühjahr und Sommer, sondern auch im Herbst und Winter ist der Anteil der Radfahrer nun höher", so Mobilitätsforscher Knie. Auch absolut gesehen, seien mehr Menschen mit dem Rad unterwegs, zudem würden die Distanzen länger, ähnlich wie beim Fußverkehr. Gemeinsam seien die beiden Fortbewegungsarten zum dominierenden Verkehrsmittel in Berlin geworden.