Finanzen

Studie: Berliner Start-ups sammeln Milliarden ein

Die Start-up-Szene scheint das Corona-Jahr 2020 mit einem blauen Auge überstanden zu haben. Berlin bleibt bundesweit der führende Standort. Und hat möglicherweise bald eine Börsen-Neuling.

Berlin/Frankfurt/Main. Die deutsche Start-up-Landschaft hat die Corona-Krise laut einer Studie bislang recht gut verkraftet. Gemessen an den Finanzierungsrunden bleibt Berlin der führende Standort, wie aus einer Studie der Beratungsgesellschaft EY hervorgeht, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Demnach fanden sogar mehr Hauptstadt-Unternehmen Geldgeber als im Vorjahr, wenn auch insgesamt weniger Geld in die Start-ups floss.

Knapp 3,1 Milliarden Euro wares es insgesamt, nach 3,7 Milliarden Euro 2019. Die Zahl der Finanzierungen für Berliner Start-ups wuchs von 262 auf 313. Die bundesweit größte Transaktion war eine Finanzspritze von 255 Millionen Euro für die Berliner Auto1 Group.

Weiteres Kapital will sich der Online-Gebrauchtwagenhändler auch im Zuge eines schon länger erwarteten Börsengangs sichern. Rund eine Milliarde Euro brutto werden angestrebt. Dazu sollen im ersten Quartal in Frankfurt neue Aktien ausgegeben werden, wie das Unternehmen am Mittwoch in Berlin mitteilte. Vom übrig bleibenden Nettobetrag sollen circa 750 Millionen Euro in das Wachstum gesteckt werden, der Rest soll voraussichtlich zur Rückzahlung einer bestehenden Wandelanleihe verwendet werden. Zusätzlich wollen aktuelle Anteilseigner Aktien verkaufen.

Das 2012 gegründete Unternehmen ist in mehr als 30 Ländern tätig. Im Jahr 2019 verkauft Auto1 den Angaben zufolge mehr als 615 000 Fahrzeuge und erzielte einen Umsatz von rund 3,5 Milliarden Euro. Nun will das Unternehmen mit dem frischen Geld weiter vom Trend hin zum Online-Geschäft auch beim Gebrauchtwagenhandel profitieren.

"Wir wollen in den nächsten Jahren erheblich investieren, um unsere Marke Autohero und unser operatives Geschäft weiter auszubauen", sagte Mitgründer und Auto1-Chef Christian Bertermann laut Mitteilung. Verbrauchern ist Auto1 durch sein Online-Portal wirkaufendeinauto.de bekannt.

Deutsche Start-ups erhielten 2020 rund 5,3 Milliarden Euro von Investoren, 15 Prozent weniger als im Rekordjahr 2019, wie die EY Studie zeigt. Es war der zweithöchste Wert der vergangenen Jahre, und es kamen auch mehr Start-ups an Investorengeld: Die Zahl der Finanzierungsrunden stieg um sechs Prozent auf 743 - ein Höchststand.

Bundesweit hätten zwar viele Jungunternehmen mit großen Problemen gekämpft, hieß es bei EY. Das von vielen befürchtete große "Start-up-Sterben" sei aber ausgeblieben. Für eine Entwarnung für Start-ups sei es aber zu früh, meint EY. Wegen der ausgesetzten Insolvenzanmeldungspflicht sei nicht klar, wie es den vielen kleinen Firmen gehe, die nicht im Investorenfokus stünden und möglicherweise vollständig mit Eigenmitteln finanziert seien.

Start-ups sind auf Geld von Investoren angewiesen, da sie in aller Regel noch keinen Gewinn schreiben. Fonds und große Firmen stecken Kapital in verheißungsvolle Firmen in der Hoffnung, dass sich deren Geschäftsideen durchsetzen und ihnen üppige Profite bescheren. Start-ups gelten mit ihren Ideen als wichtiger Innovationstreiber für die Wirtschaft.

In der Corona-Krise floss EY zufolge deutlich mehr Geld in Start-ups aus der Gesundheitsbranche, aber auch Mobilitätsfirmen standen bei Investoren hoch im Kurs. Die zweitgrößte Investionen nach Auto1 floss mit 218 Millionen Euro in den Münchner Flugtaxi-Entwickler Lilium. Auf Rang drei stand eine Finanzierung für das Berliner Start-up Tier Mobility, das Elektro-Roller verleiht (212 Millionen Euro).

Von den fünf größten Finanzierungsrunden entfielen vier auf Berlin, eine auf Bayern. München habe sich als Nummer zwei etabliert, sagte EY-Partner Thomas Prüver. Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) reagierte zufrieden. "Die Digitalwirtschaft trotzt eindrucksvoll der Krise und bleibt der wichtigste Wachstumstreiber für Berlin, auch für die Zeit nach Corona", teilte sie mit.

Andere deutsche Standorte haben es laut EY im vergangenen Jahr relativ schwer gehabt, was auch im neuen Jahr so bleiben dürfte. "Die ganz großen Deals werden zunehmend entweder in Berlin oder in München ausgehandelt."