Corona-Pandemie

Berlin verschiebt den für Montag geplanten Schulstart

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Joachim Fahrun und Susanne Leinemann
Merkel zu den Beschlüssen des Corona-Gipfels

Merkel zu den Beschlüssen des Corona-Gipfels

"Die Maßnahmen, die wir heute beschlossen haben, sind einschneidend", erklärte Bundeskanzlerin Merkel nach den Beratungen mit den Regierungschefinnen und -chefs der Länder.

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Mit Eilantrag und Protestbriefen wehren sich Berliner Schulen gegen schnellen Präsenzunterricht. Nun reagierte die SPD-Fraktion.

Berlin. Der für Montag geplante verbindliche Schulstart für die Abschlussklassen wird in Berlin nun doch nicht stattfinden. Nach Informationen der Morgenpost soll es den Schulleitungen freigestellt werden, ob sie die Schüler der oberen Jahrgänge der Stufen 10, 12 und 13 ab der kommenden Woche zum Präsenzunterricht in die Schulen holen oder nicht. Die Grundschüler der Klassenstufen eins bis drei sollen auch nicht wie geplant am 18. Januar, sondern frühestens am 25. Januar in die Klassen zurückkehren.

Für alle Jahrgänge gilt, dass immer nur die halben Lerngruppen zusammenkommen dürfen, die anderen sollen zu Hause unterrichtet werden. Am Nachmittag hatte die SPD-Fraktion auf die massiven Einwände von Lehrern und Schulleitern reagiert und den ursprünglichen Rückkehrplan von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verändert.

Schulen in Berlin: Mutter eines Abiturienten reicht Klage ein

Am Freitag war eine erste Klage gegen die geplante Schulöffnung für Abschlussjahrgänge eingegangen Die Mutter eines Abiturienten aus Neukölln hat die Klage eingereicht, sagte der Sprecher des Berliner Verwaltungsgerichtes, Stephan Großkurth der Berliner Morgenpost. Das Gericht werde voraussichtlich am Montag darüber entscheiden.

Zuvor hatten sich Neuköllner Gymnasien mit einem Eilantrag an die Senatsverwaltung für Bildung und an die regionale Schulaufsicht gewandt; darin bittet man, das digital angeleitete Lernen mindestens bis zum 18. Januar weiter fortsetzen zu dürfen, damit die Schüler nicht in die Schule kommen müssen. Denn aktuell befinde man sich in einer der schwierigsten Phasen der Pandemie, dazu drohe – wie aktuell in England - die Gefahr einer schnellen Ausbreitung des mutierten Coronavirus, das als noch ansteckender als das bisher bekannte gilt.

Zahlreiche Pädagogen, Schüler und Eltern seien besorgt, sollten ab nächster Woche „bis zu 16 Schüler“ in den Schulräumen „aufeinandertreffen“, schreiben die Neuköllner Gymnasien weiter. Die Bezirks-SPD teilt ihre Position. Pandemielage und verschärfte Kontaktbeschränkungen stünden im Widerspruch dazu, gerade jetzt vom Onlineunterricht abzuweichen. „Jeder Schritt der Öffnung muss für alle Beteiligten auf Grundlage der aktuellen Infektionslage nachvollziehbar werden – daran muss sich ein Stufenplan zur Öffnung der Schulen messen lassen“, so die Vorsitzende der SPD Neukölln, Mirjam Blumenthal. Man unterstütze ausdrücklich die Forderung, bis mindestens Ende Januar auf Öffnungen zu verzichten, äußerte sich Stellvertreter Marcel Hopp.

Corona: Fahrplan für Schulöffnungen in Berlin "grob fahrlässig"

Das Kollegium der Hans-Litten-Schule (OSZ Recht und Wirtschaft) in Charlottenburg, das ebenfalls einen Brandbrief verfasst hat, nennt den Fahrplan für die Berliner Schulen "grob fahrlässig". Die Schulen für abschlussrelevante Klassen zu öffnen bedeute, durch die Hintertür die gesamten Oberstufenzentren zu öffnen. Man protestiere "gegen den Widersinn in den Anordnungen der Berliner Administration".

Auch aus dem Kollegium der Sternberg-Grundschule in Schöneberg erreichte ein Protestbrief Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Über die Entscheidung, dass die Schulanfänger ab dem 18. Januar täglich für drei Stunden in die Schulen zurückkehren, sei man „verunsichert, verärgert und fassungslos“, heißt es dort. Die Bedingungen in den Schulen ließen eine Öffnung weiterhin nicht zu – es fehle an Raumluftfiltern, Desinfektionsmittel und FFP2-Masken.


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Ab Montag sollten die abschlussrelevanten Jahrgänge zurückkehren

Geplant war von der Senatsverwaltung für Bildung (SenBJF) eigentlich, dass ab kommenden Montag, den 11. Januar, Schüler der "abschlussrelevanten Jahrgänge" in kleinen Gruppen und zeitversetzt in die weiterführenden Schulen zurückkehren dürfen. Das sind in den Sekundarschulen die Stufen 9, 10, 12 und 13 und in den Gymnasien die Stufen 10, 11 und 12.

Ab dem 18. Januar hätten dann die Schulanfänger bis zur dritten Klasse täglich drei Stunden in der Schule, eine Woche später sollten die Schüler der Klassen vier bis sechs für den gleichen Zeitraum zurückkehren - ebenfalls in kleinen Grupen.

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Michael Müller: "Was unsere Bildungssenatorin macht, ist beispielhaft"

Der Stufenplan war von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) entwickelt worden. In der Plenarsitzung des Parlaments am Donnerstag stellte sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ausdrücklich hinter sie. "Was unsere Bildungssenatorin macht, ist beispielhaft", sagte er. Es gebe immer einen "Abwägungsprozess" - zwischen Gesundheitsschutz und Recht auf Bildung. Müller machte noch einmal deutlich, dass für ihn der Präsenzunterricht das A und O sei. Abstands- und Hygieneregeln würden in den Schulen eingehalten, betonte er. Er bestritt aber auch nicht, dass es Infektionsgeschehen in den Schulen gebe.

Unterstützung kam auch vom Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher. Er hält die Pläne des Berliner Senats zur schrittweisen Schulöffnung trotz des verlängerten Lockdowns für richtig. „Es sind immer schwierige Abwägungen. Aber gerade in den ersten Schul- und Lebensjahren ist der Präsenzunterricht einfach nicht ersetzbar“, sagte der Bildungsforscher am Freitag dem rbb-Inforadio. „Insofern ist der Ansatz in Berlin, wenn das die Gesundheitslage zulässt, sehr vernünftig, dass man gerade bei den kleinsten Kindern schnell anfängt, auch in begrenzten Klassen.“

Bildung sei immer Beziehungsarbeit und nicht nur Wissensvermittlung, erläuterte Schleicher. Und in den ersten Schuljahren sei schon deshalb Präsenzunterricht nötig, weil man bei Grundschülern kein selbstständiges Lernen zu Hause erwarten könne. Hier könne digitale Wissensvermittlung also „nicht sehr viel erreichen“. Bei höheren Jahrgängen hingegen könnten Wechselunterricht und Digitalisierung mehr bringen.

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Berliner Lehrer fordern Verlängerung des Distanzbetriebs

Die Forderungen der Lehrkräfte in Berlin sind dagegen eindeutig. „Lassen Sie die Schulen im Distanzbetrieb!“, schreiben in dem Neuköllner Brandbrief 44 Pädagogen. Sie stellen den Plan der Senatsbildungsverwaltung, Berlins Schulen ab Montag stufenweise für den Wechselunterricht zu öffnen, deutlich in Frage. „Es ist nicht nachzuvollziehen, dass trotz der rigiden Kontaktbegrenzung auf eine einzige haushaltsfremde Person in den Schulen Unterricht mit bis zu 18 Personen in einem Raum – und das ist die Anzahl bei geteilten Gruppen! – stattfinden soll.“ Spätestens eine Studie aus Hamburg habe zuletzt gezeigt, dass Schulen sehr wohl Infektionsherde sein können. Man sei zwar grundsätzlich bereit, dem „Primat der Politik“ zu folgen, aber nicht, wenn sie als Senatorin „mit solcher Chuzpe“ den Rat der Wissenschaft missachte.

Die Lehrerinnen und Lehrer betonen auch, dass man Lösungen finde müsse, wie man die Abschlüsse wie Abitur und Mittlerer Schulabschluss, trotz ausgefallenen Unterrichts, möglich und „gerichtsfest“ mache. „Suchen Sie Lösungen für dieses Problem, diskutieren Sie mit uns ein zusätzliches Schuljahr, den Verzicht auf Prüfungen, die Inkaufnahme juristischer Niederlagen – aber riskieren Sie nicht die Gesundheit und womöglich sogar das Leben unserer Familien – also von uns allen.“ Der Brandbrief nahm seinen Ausgang im Ernst-Abbe-Gymnasium in Neukölln.

Der Schulleiter der Berliner Klax-Schule in Pankow, die Kinder vom Grundschulalter bis zum Abitur unterrichtet, spricht sich dafür aus, lieber alle Möglichkeiten des digitalen Fernunterrichts zu nutzen, anstatt eine zu frühe Schulöffnung zu risikieren. "Die Kinder fallen nicht zurück, sie passen sich an und lernen neue Fähigkeiten", sagt Stephen Kelly.

Kritik vom Bezirkselternausschuss und Bezirksschulbeirat: Stufenplan nicht nachvollziehbar

Ein mögliches Infektionsgeschehen ist auch Anlass für die Kritik, die vom Bezirkselternausschuss (BEA) und Bezirksschulbeirat in Spandau kommt. Der Stufenplan sei nicht nachvollziehbar, heißt es in einem Schreiben der Gremien. „Es kann nicht sein, dass wir einen Riesen-Lockdown bis zum 31. Januar haben, die Kinder aber trotzdem in die Schulen sollen", sagt der BEA-Vorsitzende Enrico Berndt. Insbesondere bei den älteren Schülern – mit Ausnahme der Abiturienten, bei denen es oft sehr kleine Kurse gebe – sehen die Elternvertreter den Präsenzunterricht kritisch.

Diese Haltung hat auch die Berliner CDU. "Ich appelliere an den Senat, die Entscheidungen zum Schulstart zurückzunehmen", sagte Kai Wegner, Vorsitzender der CDU in der Hauptstadt. Alle wünschten sich eine schnelle Rückkehr zur Normalität im Bildungsbereich. Doch: "Das Infektionsgeschehen gibt das derzeit noch nicht her." Es gehe um "Sicherheit und Verlässlichkeit" für Schüler und Eltern.

Sebastian Czaja, Vorsitzender der Berliner FDP-Fraktion, kritisierte, dass in keiner Schule der Hauptstadt bislang ein Luftfilter steht. "Die Stadt ist ihr ganz eigener Lernraum geworden", sagte er - "dysfunktional und voller Abstürze".

Auch Schüler und Gewerkschaft sind gegen die Öffnung

Auch in der rot-rot-grünen Koalition selbst sind die Entscheidungen zur Schule umstritten. Der Fraktionssprecher der Berliner Linken, Carsten Schatz, nannte die genannten Schulentscheidungen "inkonsistent"; privat werde man immer weiter eingeschränkt, während sich in Schulräumen Jugendliche treffen. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Silke Gebel verteidigte dagegen den Stufenplan. "Schulen sind Schutzräume", sagte sie mit Blick auf Familien, die womöglich mit der Erziehung überfordert sind. Deshalb findet sie - nach der Abwägung zwischen Infektionsschutz und Recht auf Bildung - einen langsam beginnenden Grundschulunterricht mit strengen Hygieneregeln, FFP2-Masken und Schnelltests richtig.

Die Schüler selbst sehen den Schritt dagegen kritisch - zumindest laut Landesschülersprecher Richard Gamp. Man habe kurzfristig eine Umfrage unter Schülern gestartet, 4500 hätten schon geantwortet. "Die meisten sind dagegen", sagte Gamp. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nannte die aktuelle Öffnung von Schulen und Kitas "unverantwortlich". „Die Infektionszahlen steigen gerade wieder stark", sagte der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. In der Senatsverwaltung für Bildung betont man dagegen, auch die GEW habe vorher von der Schul-Teilöffnung gewusst - und sei damit einverstanden gewesen. "Das Thema wurde am Montag im Hygienebeirat auch mit Schulpraktikern besprochen", heißt es aus der Verwaltung.

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Corona in Berlin: Das Thema Abitur und MSA rückt zunehmend in den Fokus

Ein Problem, das im Parlament nicht diskutiert wurde, aber zunehmend zum Thema wird, sind die anstehenden Abschlussprüfungen wie die Berufsbildungsreife (BBR), der Mittlere Schulabschluss (MSA) und das Abitur. „Das, was die Schüler bis dato in der Schule gelernt haben, ist aus unserer Sicht nicht ausreichend, damit alle ihren Abschluss schaffen können“, glaubt der Spandauer BEA-Vorsitzende Berndt. Wenige Spandauer Schulen seien technisch gut aufgestellt, meint er, das drücke auf die Qualität des Homeschoolings. Gefordert wird deshalb, dass - wie schon im Vorjahr - keine schriftlichen Abschlussprüfungen im MSA stattfinden.

Warum überhaupt festhalten an den regulären MSA- und Abiturprüfungen? Das fragt sich Marcel Hopp, stellvertretender Vorsitzender der SPD Neukölln und Lehrer an der Clay-Schule (ISS) in Rudow. „Keine Schule kann behaupten, ihr Pensum geschafft zu haben. Ich würde mir wünschen, dass die Prüfungen stärker hinterfragt werden“, sagte er im Neuköllner Kulturausschuss. Leistungen auf üblichem Niveau könne man 2021 nicht erwarten. Wer dieses Jahr geprüft wird, habe schließlich bereits schulische Einschränkungen durch zwei Lockdowns hinter sich.

In der Senatspressekonferenz am Mittwoch war das Thema der Prüfungen schon angesprochen worden. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) hatte darauf geantwortet, dass dies sicherlich ein Thema sei, es müsse aber auf Bundesebene von der Kultusministerkonferenz (KMK) entschieden werden. Dort werde es "zeitnah" entschieden, bestätigt man in der Senatsverwaltung für Bildung.

( mit jes/joM/-ker )