Interview

Krach: "Wir wollen schlaue Köpfe für Berlin gewinnen"

| Lesedauer: 9 Minuten
Jens Anker
Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) verlässt die Berliner Landespolitik. Er kann auf viele Projekte zurückblicken.

Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) verlässt die Berliner Landespolitik. Er kann auf viele Projekte zurückblicken.

Foto: Jörg Krauthöfer / FFS

Steffen Krach hat als Staatssekretär zusammen mit dem Regierenden Bürgermeister über viele Jahre die Wissenschaft in Berlin geprägt.

Steffen Krach ist seit sechs Jahren Staatsekretär für Wissenschaft und Forschung im Senat des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), der die Zuständigkeit für das Ressort übernommen hat. In den vergangenen Jahren hat sich Berlin als Standort für Spitzenforschung stark weiterentwickelt. Dennoch will Krach sein Amt im Sommer aufgeben und als Regionspräsident nach Hannover wechseln. Da auch Michael Müller aus dem Amt scheidet, muss die Leitung des Ressorts komplett neu aufgestellt werden. Über die Entwicklung der Wissenschaft in Berlin und seinen Wechsel nach Hannover sprach Krach mit der Berliner Morgenpost.

Berliner Morgenpost: Herr Krach, was hat Hannover, was Berlin nicht hat - außer Veronica Ferres?

Steffen Krach: Ich sage Ihnen, der Blick nach Hannover lohnt. Schon ziemlich vorbildlich, wie man dort die Stadt und die Kommunen im Umland zu einer Region verbindet und für 1,2 Millionen Menschen Politik aus einem Guss macht. Das schafft richtig gute Voraussetzungen für eine kluge Verkehrspolitik oder Gesundheitsversorgung. Ein Modell auch für andere.

Sie sind jetzt sechs Jahre Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin. In der Zeit hat sich enorm viel getan. Ist die Entwicklung abgeschlossen?

Nein, sicher nicht. Die Entwicklung ist sensationell und das freut mich natürlich. Sie wird weitergehen und muss auch weitergehen, darin steckt ein Riesenpotenzial für die ganze Stadt. Davon bin ich absolut überzeugt. Trotzdem habe ich mich entschlossen, ein anderes Amt anzustreben. Dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller vor vier Jahren entschieden hat, Wissenschaft und Forschung zur Chefsache zu machen, war für den Bereich ein Segen. Davon wird Berlin lange profitieren.

Michael Müller hat auch gesagt, dass noch viel zu tun sei, bevor Sie möglicherweise nach Hannover wechseln. Was planen Sie noch in diesem Jahr?

Wir wollen tatsächlich noch einiges umsetzen, oben auf der to-do Liste steht das neue Herzzentrum, das die Charite und das Deutsche Herzzentrum formen. Es ist ein zentrales Projekt, das uns schon lange begleitet. Jetzt müssen noch einzelne Details geklärt werden, aber es ist unumkehrbar.

Das wird jetzt auch wirklich zeitnah geschehen?

Ja, wir sind auf der Zielgeraden. Alle Beteiligten arbeiten seit vielen Monaten intensiv daran.

Wie wird das konkret aussehen?

Wir brauchen noch eine gesetzliche Änderung, die bringen wir jetzt auf den Weg. Dann wird es eine Integration des Deutschen Herzzentrums in die Charite geben und Europas modernstes Herzzentrum kann entstehen.

Wo wird denn dann das Herzzentrum stehen?

Am Standort Virchow Klinikum, der Neubau wird 386,9 Millionen Euro kosten, 286 davon zahlt Berlin, 100 der Bund. Das ist eine einmalige Sache, dass der Bund investiv in ein Klinikum einsteigt. Das ist ein Erfolg, den wir im vergangenen Jahr erzielt haben. Die Planungen für den Bau laufen bereits.

Allein in diesem Jahr sind rund eine Milliarde Euro in Berliner Forschungsinitiativen geflossen. Auf welchem Rang sehen Sie Berlin mittlerweile im internationalen Vergleich?

Das ist vor dem Hintergrund dieses besonderen Jahres wirklich bemerkenswert und zeigt die Stärke des Standorts. Der Wettbewerb um Forschungsmittel der EU oder vom Bund ist hart, aber unsere Wissenschaftler setzen sich mit ihren Ideen durch. Vor 15 Jahren wurden wir in manchen Bereichen noch belächelt, jetzt steht Berlin in Deutschland unangefochten auf Platz 1. Das ist wichtig für die Stadt, Wissenschaftspolitik ist kluge Wirtschaftspolitik.

Und international?

Jetzt geht es darum, auch international ganz nach vorne zu kommen. Wir sind schon für Top-Wissenschaftler so attraktiv, dass wir sie herholen und halten können. Das sieht man am Beispiel der Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier. Sie hätte an jeden Ort der Welt gehen können. Aber wir haben es geschafft, sie hier zu halten. Das wollen wir auch mit anderen Spitzenleuten schaffen. Dafür müssen wir das richtige Umfeld bieten und sehr gute Arbeitsbedingungen. Wenn uns das dauerhaft gelingt, wird Berlin in die internationalen Top-5 aufrücken. Aktuell gibt es noch ein paar Standorte, die einen Vorsprung haben.

Welche sind das?

Die Region um Boston und auch an der Westküste der USA gibt es den einen oder anderen Standort, mit dem wir noch nicht in allen Bereichen mithalten können. Oder in Großbritannien etwa die Universität Oxford, mit der Berlin eine enge Kooperation aufbaut. Aber die Rahmenbedingungen werden in Berlin immer besser. Wir ziehen junge Talente und Spitzenleute an. Auch der Chef-Virologe der Charité, Christian Drosten, ist erst vor drei Jahren nach Berlin gekommen.

Welchen Anteil schreiben Sie sich persönlich daran zu?

Ich glaube, die Kombination Müller/Krach war tatsächlich ganz gut. Michael Müller wird vermutlich als erfolgreichster Wissenschaftssenator Berlins in die Geschichte eingehen. Das ist eine sehr gute Zusammenarbeit, die an vielen Stellen den entscheidenden Unterschied ausgemacht hat.

Wo zum Beispiel?

Zum Beispiel beim Museum für Naturkunde. Der Bundestag hat entschieden, 330 Millionen Euro für Berlin zu geben, wenn das Land dieses Megaprojekt ko-finanziert. Als Regierender konnte Müller schnell reagieren. Ob das Projekt ansonsten geklappt hätte, steht in den Sternen. Außerdem die Immobilie für Frau Charpentier. Monatelang ging es hin und her, ob sie ein eigenes Forschungsgebäude bekommt oder nicht - Michael Müller hat es dann entschieden. Deswegen ist sie unter anderem hier geblieben. Drittes Beispiel: Das Herzzentrum. Müller vermittelte an entscheidender Stelle zwischen den Beteiligten und sicherte auch die riesige Investitionsmaßnahme von 389 Millionen Euro. Drei Beispiele, die zeigen: Wer aus Berlin einen führenden Innovationsstandort machen will, muss sich durchsetzen und entsprechende Investitionen sichern. Wenn man da nachlässt, dann wird es schwierig.

Sie haben das Image Berlins als „Brain City“ ziemlich gepusht. Können Sie kurz erklären, was das über den Slogan hinaus genau ist?

Vor allem die Viertelmillion Menschen, die hier studieren und in der Wissenschaft arbeiten. Und eben unser Anspruch, schlaue Köpfe für Berlin zu gewinnen, von dem Studi im ersten Semester bis zur Nobelpreisträgerin. Das gilt natürlich auch für Topmanager wie Heyo Kroemer, den wir als neuen Charité-Chef holen konnten. Er ist für den Standort unglaublich wichtig und ich hoffe, dass die Stadt das auch merkt. Ihn zu bekommen, war kein Selbstläufer. Wir haben uns richtig um Kroemer bemüht, weil wir überzeugt waren, dass er den Gesundheitsstandort weiterentwickeln kann. Das muss auch in anderen Bereichen gelingen.

Und was bedeutet es über die besten Köpfe hinaus?

Brain City steht auch dafür, dass wir ein gemeinsamer Wissenschaftsstandort sind. Es wächst ein gemeinsamer Spirit, wir ziehen alle an einem Strang. Als ich hier anfing, begriff sich Berlin nicht als ein Standort, der in Konkurrenz zu anderen Standorten steht. Natürlich wird es immer Wettstreit zwischen FU, HU und TU oder den Fachhochschulen geben, aber der Grundgedanke ist, dass man zusammen eben mehr erreichen kann, als jeder für sich.

Das Jahr ist ganz stark geprägt von der Corona-Pandemie. Das hat einerseits dazu geführt, dass die Wissenschaft stark in den Vordergrund gerückt ist – vor einem Jahr wusste niemand, was Virologen so machen und dass es einen Christian Drosten gibt – andererseits hat sich die Lehre komplett verändert. Ist ein geregeltes Studium unter diesen Bedingungen überhaupt möglich?

Corona hat der Digitalisierung von Hochschulen einen unglaublichen Schub gegeben. Als klar wurde, dass wir innerhalb weniger Wochen auf digitale Lehrformate umsatteln müssen, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass es letztlich so schnell und so umfassend gelingt. Ich habe absoluten Respekt vor dieser Leistung der Hochschulen und ihrer Mitarbeiter. Natürlich wollen wir wieder zurück zu einem Campus-Leben, das ist wichtig für Studierende und Lehrende. Für ein Studium nach Berlin zu kommen, seine Universität, Kommilitonen und Dozenten nicht kennenlernen zu können, und auch auf keine Party gehen zu können, das wäre mir zu meiner Studienzeit schwergefallen. Wir wollen unsere Präsenzuniversitäten erhalten. Trotzdem bin ich mir sicher, die Art und Weise, wie wir lehren und studieren, wird sich dauerhaft verändern.