Wirtschaft

Berliner Unternehmen sind Börsen-Gewinner 2020

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Deutsche Unternehmer gehören zu den Börsengewinnern.

Deutsche Unternehmer gehören zu den Börsengewinnern.

Foto: picture alliance / Frank Rumpenhorst/dpa

Aktienkurse der Hauptstadt-Firmen haben im Corona-Jahr deutlich gewonnen. Anlegerschützer sehen aber auch Schattenseiten.

Berlin . Die Aktienkurse von Berliner Unternehmen haben im Corona-Jahr 2020 deutlich besser abgeschnitten als die anderer deutscher Großstädte. Das hat eine Analyse von Wikifolio, der nach eigenen Angaben führenden Online-Plattform für private und professionelle Trader in Europa, ergeben. Die Auswertung liegt der Berliner Morgenpost exklusiv vor. Demnach waren die Aktien der Hauptstadt-Unternehmen mit einem durchschnittlichen Kursplus von etwa 52 Prozent die unangefochtene Nummer eins im deutschen Großstadtvergleich vor Hamburg (+ 15 Prozent) und München (+ zehn Prozent).

Börsennotierte Firmen in Berlin hätten dabei laut Wikifolio vor allem mit innovativen Geschäftsmodellen und einem klaren Fokus auf digitale Zukunftsbranchen gepunktet, die von den Folgen der Corona-Pandemie deutlich weniger betroffen gewesen seien als viele traditionelle deutsche Industriezweige. Von einem deutlichen Einbruch im Frühjahr wegen des ersten Lockdowns hatten sich die Börsen zwischenzeitlich schnell erholt. Erst am Montag war der deutsche Leitindex Dax auf ein neues Rekordhoch geklettert.

Hello Fresh, Delivery Hero und Zalando zählen zu den Überfliegern

Berlin habe sich als Zentrum für die digitale Gründerszene in Deutschland etabliert, sagte Wikofolio-Chef Andreas Kern mit Blick auf die Auswertung. „Die besondere Technologiekompetenz der Hauptstadt-Unternehmen lässt auch für die nächsten Jahre auf weiteres dynamisches Wachstum hoffen“, erklärte er.

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Die Börsen-Überflieger werden laut Wikifolio angeführt von dem Kochboxenversender Hello Fresh, der seinen Börsenwert mehr als verdreifachen konnte. Auch der Plattformbetreiber für Essenslieferungen, Delivery Hero, konnte von den weltweiten coronabedingten Restaurantschließungen profitieren und legte um rund 70 Prozent zu. Zu den Corona-Gewinnern zählt auch der Online-Modehändler Zalando. Das Unternehmen konnte seinen Aktienkurs verdoppeln.

Berlin vor Hamburg und München

Die börsennotierten Hauptstadt-Unternehmen gelang es vor allem nach dem ersten Lockdown im Frühjahr, sich deutlich von den Entwicklungen an anderen Standorten abzusetzen. Bis zu den Höchstständen Mitte Februar lagen etwa die Aktienkursentwicklungen in Berlin und Frankfurt noch fast gleichauf.

Nach dem ersten Lockdown kamen laut Wikifolio die Frankfurter Banken und die deutsche Börse aber nicht mit dem gleichen Elan aus der Krise und verzeichneten seit Jahresbeginn ein Minus von knapp neun Prozent. Besonders betroffen ist auch der Flughafenbetreiber Fraport, der unter der Corona-Krise leidet und das Jahr mit einem Kursverlust beenden muss.

Hamburger Aktiengesellschaften waren hingegen deutlich robuster und breiter aufgestellt und liegen hinter den Berlinern mit einem Plus von gut 15 Prozent auf Rang zwei. Zu den Gewinnern in der Hansestadt zählten unter anderem der erneuerbare Energieproduzent Encavis (+ 114 Prozent), der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich (+ 76 Prozent) und das Biotech-Unternehmen Evotec (+ 28 Prozent).

Deutsche Wohnen profitiert von Lufthansa-Schwäche

Auch die börsennotierten Unternehmen in München haben sich der Auswertung zufolge gut entwickelt, liegen mit einem Plus von zehn Prozent im Städtevergleich auf Rang drei. Schwergewichte wie Siemens oder BMW seien aber von einem Unternehmen überholt worden, das dem Virus seinen steilen Kursanstieg zu verdanken hat, so Wikifolio. Der Wertzuwachs von Wacker Chemie von knapp 69 Prozent hängt auch mit der Ankündigung zusammen, mehr als 100 Millionen Dosen des Covid-19-Impfstoffs für Curevac zu produzieren.

Der Börsen-Absturz von Deutschlands größter Airline Lufthansa hat sich unmittelbar auf die Region Köln/Düsseldorf nieder geschlagen (- zwei Prozent). Die Kranich-Airline hat ihren Sitz in Köln und flog wegen der schlechteren Geschäfte sogar aus dem deutschen Leitindex Dax.

Von der Schwäche der Lufthansa konnte in diesem Jahr ein Berliner Unternehmen unmittelbar profitieren. Der in der deutschen Hauptstadt umstrittene Immobilienkonzern Deutsche Wohnen rückte für die Fluggesellschaft in den Dax auf. Damit war Berlin erstmals seit dem Schering-Aus 2006 wieder mit einem Unternehmen in Deutschlands erster Börsenliga vertreten. Im August gesellte sich dann auch noch Delivery Hero als Dax-Neuling dazu.

Anlegerschützer kritisiert Vorgehen bei Rocket Internet und Springer

Michael Kunert, der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) für die Region Berlin-Brandenburg, zieht dennoch nur eine gemischte Bilanz für die börsennotierten Unternehmen in der deutschen Hauptstadt. Deutliche Kritik übt Kunert vor allem an der Auflösung des Aktien-Streubesitzes bei dem Medienkonzern Axel Springer. Und auch der Börsen-Abgang von Rocket Internet hat dem Aktionärsschützer nicht gefallen.

„Das sind zwei Fälle, bei denen die Aktionäre dramatisch übers Ohr gehauen worden sind“, sagte Kunert, der auch politisches Versagen sieht. „Die Politik hat kein Interesse an Anlegerschutz. In dem Bereich befindet sich Deutschland auf dem Niveau einer Bananenrepublik“, so Kunert weiter.

Im neuen Jahr stehen unter den börsennotierten Unternehmen Berlins möglicherweise weitere Neuzugänge an. Zuletzt hielten sich etwa nachhaltig Spekulationen, dass der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto1 sein Geschäft an die Börse bringen könnte. Auch der Internet-Optiker Mister Spex zählt zu den künftigen Börsen-Kandidaten aus Berlin.

Kunert rechnet zudem mit einem Neu-Anlauf des Wissenschaftsverlags Springer Nature, der in diesem Jahr seinen Start auf dem Börsenparkett verschoben hatte. Auch das Berliner Social-Media-Unternehmen Social Chain ist laut Kunert ein Kandidat für einen regulären Börsengang. Bislang sind die Aktien nur im unregulierten Teil des Marktes, dem sogenannten Freiverkehr, handelbar.