Corona-Pandemie

Corona-Krise: Aufgeben ist keine Option für die Schausteller

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Schausteller Thilo-Harry Wollenschlaeger auf seinem Betriebsgelände in Oberkrämer

Schausteller Thilo-Harry Wollenschlaeger auf seinem Betriebsgelände in Oberkrämer

Foto: David Heerde

Für Schausteller war das Corona-Jahr eines fast vollkommen ohne Einnahmen. Dennoch bewahren sie sich ihren Optimismus.

Berlin. Eigentlich wären die vergangenen Wochen für Thilo-Harry Wollenschlaeger und seine Frau Diana „Hochleistungszeit“ gewesen. Zwei Weihnachtsmärkte – vor dem Spandauer Rathaus und auf dem Alice-Salomon-Platz in Hellersdorf – und eine Weihnachtskirmes auf dem alten Postgelände in Spandau hatte der Schausteller geplant. „Wir haben gehofft, die Weihnachtsmärkte retten uns“, sagt Wollenschlaeger. Doch statt auf einer der drei Veranstaltungen stehen die zweistöckige Losbude Jolly Joker, der Stand „Zum Feurigen Herd“, der große Nussknacker und zahlreiche weitere Attraktionen nun auf dem Betriebsgelände der Wollenschlaegers in Bötzow. Denn Weihnachtsmärkte sind in der aktuellen Situation verboten, wie größere Veranstaltungen schon seit dem Frühjahr kaum möglich waren.

Lediglich 19 Geschäftstage habe er in diesem Jahr gehabt, sagt Wollenschlaeger. Und wie ihm geht es der gesamten Schausteller-Branche. Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbunds, nennt die aktuelle Lage „dramatisch“, auch wenn die Novemberhilfe – immerhin – langsam bei den Mitgliedern ankomme. Richtige Einnahmen hätten die meisten zuletzt beim Weihnachtsmarkt 2019 gehabt. Nun steht die nächste Winterpause an, traditionell beginnt die Volksfeste-Saison im April. Inwieweit Jahrmärkte dann möglich sein werden, lässt sich heute kaum sagen. „Wir stehen Gewehr bei Fuß“, sagt Ritter. „Zu Hause sitzen ist für uns eine absolute Katastrophe.“ Und dabei geht es den Schaustellern nicht nur darum, dass sie wieder Geld verdienen müssen.


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Der Beruf ist für die meisten vielmehr eine Berufung, ein anderer Job kaum vorstellbar. Das Gewerbe hat eine jahrhundertealte Tradition und dann kommt noch die familiäre Verbundenheit hinzu: Schaustellerbetriebe sind in der Regel Familienbetriebe. „Uns gibt’s seit 1200 Jahren“, sagt Ritter. Er selbst sei Schausteller in der fünften Generation, auch die sechste will den Betrieb weiterführen. Denn ein Aufgeben, das zeigt sich in den Gesprächen, ist keine Option. „Man versucht, die schlechte Situation zu überbrücken, so lange es geht. Auf meinem Hof steht eine Konzertorgel von 1906. Sowas lässt man nicht so leicht los. Das ist nicht so, als wenn man einfach den Arbeitsplatz wechselt.“

Das Zwischenmenschliche fehlt besonders

Auch Thilo-Harry Wollenschlaeger führt den Familienbetrieb in der fünften Generation, seine Tochter studiert Eventmanagement und will ebenfalls ins Unternehmen einsteigen. Er sagt, Schausteller seien Berufsoptimisten. „Das muss man sein, in unserer Branche“, so der 54-Jährige. Immerhin gibt es schon ohne Pandemie viele Unsicherheiten, allein durch die Unvorhersehbarkeit des Wetters. Und trotzdem findet Wollenschlaeger auch: „Wir haben den schönsten Beruf der Welt. Wir bringen den Menschen Freude und Vergnügen und verdienen sogar noch Geld damit.“

Und so ist es auch das Zwischenmenschliche, das den Schaustellern besonders fehlt. Der Austausch mit Kollegen, die Gespräche mit den Besuchern. „Wir sind immer dicht dran an den Leuten“, sagt der 54-Jährige. Dennoch, zumindest im Kleinen, hat auch die derzeitige Situation positive Effekte. Obwohl die Wollenschlaegers selbst ohne Weihnachtsmarkt täglich arbeiten – damit der Kopf freibleibt, wie sie sagen – bleibt etwas mehr freie Zeit als in gewöhnlichen Jahren. Neulich sei die Tochter mit einem riesigen Berg Teig vorbeigekommen, die Familie habe dann zusammen Plätzchen gebacken. „Das haben wir noch nie gemacht“, erzählt Wollenschlaeger.

Die Familie spielt bei Schaustellern eine besondere Rolle, sie ist es auch, die den Einzelnen durch die schwierige Lage trägt. „Unsere Stärke ist der Familienzusammenhalt“, sagt die Berliner Schaustellerin Jacqueline Hainlein-Noack. „Wenn der eine nicht gut drauf ist, baut der andere ihn wieder auf.“ Die 58-Jährige kommt ebenfalls aus einer Schaustellerfamilie, schon ihre Ur-Ur-Großeltern seien in der Branche tätig gewesen. Heute arbeiten neben Hainlein-Noack auch ihr Bruder, ihre beiden Schwestern und ihr Sohn im Schaustellergewerbe.

„So nette Gespräche hatte ich noch nie“​

Die Berlinerin gehörte zu denen, die in der Weihnachtszeit zumindest für knapp zwei Wochen einen Stand in Charlottenburg-Wilmersdorf betreiben konnten. Sehr dankbar sei sie dafür, sagt Hainlein-Noack. So habe sie die Möglichkeit gehabt, zumindest etwas dazuzuverdienen. Vor allem nimmt sie aber etwas anderes mit: „So nette Gespräche mit Besuchern hatte ich noch nie. Sie interessieren sich wirklich für uns und das, was mit uns passiert“, erzählt die Vorsitzende des Interessenverbands Berlin-Brandenburgischer Schausteller. „Diese Menschlichkeit ist bei all dem Negativen von Corona etwas Positives.“

Trotz der wirtschaftlich schlimmen Lage, in der einige Schausteller an ihre Altersvorsorgen gehen oder sogar „das Handtuch werfen müssen“, hat Hainlein-Noack Verständnis für die geltenden Regeln. „Die Gesundheit hat immer Vorrang.“ Natürlich hofft die Unternehmerin dennoch, dass spätestens im Herbst ein Stück weit die Normalität zurückkehrt und sie ihren Beruf, den Hainlein-Noack eine Lebenseinstellung nennt, wieder richtig ausüben kann. Solange verbringt sie Zeit mit ihren vier Enkeln und der restlichen Familie. Die sei in den vergangenen Monaten noch enger zusammengerückt. Und es gehe allen gut. Für die 58-Jährige ein Grund, trotz aller Schwierigkeiten zufrieden zu sein. Denn die Menschen, sagt Hainlein-Noack, „sind wichtiger als alles andere“. ​