Candle Light Day

Wo verwaiste Eltern Trost finden

Der „Candle Light Day“ ist der Tag, an dem Eltern ihrer verstorbenen Kinder gedenken. Wir haben mit zwei verwaisten Müttern gesprochen.

Buchautorin Nikola Gazzo hat ihren Sohn Frederic verloren.

Buchautorin Nikola Gazzo hat ihren Sohn Frederic verloren.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Dana Woitas wird an diesem Sonntag in die St. Marienkirche am Alexanderplatz gehen und eine Kerze für ihre Tochter anzünden. Sie macht das jedes Jahr am zweiten Sonntag im Dezember. Mal ist es der zweite Advent, mal der dritte wie dieses Jahr. Während bei anderen Menschen der Jahreskalender von Geburtstagen, Weihnachten und Silvester bestimmt wird, ist dieser Tag einer der wichtigsten im Jahr von Dana Woitas. Sie sagt: „An diesem Tag bin ich die Mutter von Charlotte.“

Der Weltgedenktag für verstorbene Kinder findet seit 1996 an jedem zweiten Sonntag im Dezember statt. Der Tag geht auf eine US-Initiative von Eltern zurück, die ihre Kinder im Vietnamkrieg verloren haben. Seitdem zünden um 19 Uhr Ortszeit weltweit verwaiste Eltern eine Kerze in der Kirche an oder zuhause und stellen sie in ein Fenster. Es soll für die Verstorbenen stehen, die nicht vergessen werden. In der Idee ist in diesem Moment ein Lichtermeer in der ganzen Welt zu sehen.

„Frederic und Berlin, das war Liebe auf den ersten Blick“

Gerade in Zeiten, in denen wir wegen Corona unsere Kontakte reduzieren sollen, sich das Leben für viele in den eigenen vier Wänden abspielt, ist es wichtig, auch solche Gedenktage zu würdigen. Die Berliner Morgenpost hat mit zwei betroffenen Müttern gesprochen. Dana Woitas Tochter Charlotte starb den „plötzlichen Kindstod“, sie hörte auf zu atmen. Nikola Gazzos Sohn Frederic starb bei einem Unfall in der Karibik. Diese Ereignisse mögen fünf beziehungsweise sechs Jahre her sein, aber betreffen beide Frauen bis heute: Ihre toten Kinder wären 5 und 27 Jahre alt.

Die Geburt von Frederic war schwer, er war so groß, wog 4030 Gramm. „Sein Kopf drückte auf die Plazenta“, sagt Nikola Gazzos, „Fruchtwasser vermischte sich mit Blut.“ Draußen, sie lag in einem Krankenhaus in Brüssel, regnete es in Strömen. Die Hebamme hatte schon Angst um uns beide. Sie flog kurz darauf mit Baby im Arm nach Amman, Jordanien. Sie folgte ihm auf seine diplomatischen Einsätze in Jemen, in Äthiopien, auf die Philippinen, Paris und Rom. Frederic bekam drei Brüder. Sein Abitur machte er in Berlin, weil es hier ein Französisches Gymnasium gab. „Frederic und Berlin, das war Liebe auf den ersten Blick“, sagt die Mutter. Er machte seinen Bachelor an einer internationalen Uni und ging zu einem Praktikum nach San Francisco.

Bei einem Firmenausflug verletzt sich Frederic an der Wirbelsäule

Als Dana Woitas die Nachricht bekommt, sie sei schwanger, ist ganz Deutschland in der WM-Euphorie. In ihrem Kopf läuft noch heute das Lied von Andreas Bourani „Ein Hoch auf Uns“ in Dauerschleife, wenn sie an diese Zeit denkt. Sie erzählt, ein schönes Erlebnis folgt in dieser Zeit auf das nächste. An Heiligabend 2014 malt sie sich aus, wie es wohl im kommenden Jahr sein wird – mit Charlotte zusammen unter dem Weihnachtsbaum in der kleinen Wohnung in Berlin zu sitzen und Geschenke auszupacken.

Am 13. Februar muss Dana Woitas ins Krankenhaus, einige Woche zu früh. Ihre Tochter wird mit einem Kaiserschnitt geboren. Die Ärzte stellen keine Auffälligkeiten fest. Nach der Geburt wird Charlotte auf die Frühchenstation verlegt. Die Sauerstoffsättigung fällt kaum ab. Charlotte reißt sich die Kabel immer wieder raus. Eine Krankenschwester klebt das Kabel deshalb mit herzförmigen Pflastern an und stülpt dem Baby Fäustlinge über. „Sie hat es aber trotzdem geschafft“, erzählt Dana Woitas. Sie beschreibt ihre Tochter als willensstark.

Nikola Gazzo bekommt morgens um vier einen Anruf. Bei einem Firmenausflug sei ihr Sohn ins Wasser gesprungen, er sei schwer verletzt an der Wirbelsäule. Aber er lebe. Nach einigen Tagen sollte er nach Deutschland verlegt werden. Er starb im Flugzeug über Kanada. Im Nachhinein weiß sie nicht mehr viel von diesen ersten Wochen. „Man funktioniert ganz automatisch“, sagt sie.

450 Menschen kommen zu der Trauerfeier

Die Beerdigung war ein wichtiges Datum für sie. Frederics Freunde hatten sich gemeldet und die Trauerfeier mit organisiert. „Es waren 450 Leute da“, sagt sie, „die Zeremonie war schön, ich würde sagen, wir haben das gut überstanden.“ Frederic liegt jetzt auf einem Friedhof nicht weit von ihrer Wohnung in Charlottenburg. „Mindestens einmal in der Woche gehe ich dort vorbei.“ Es ist ein schöner Ort für mich.

Am Abend des 6. März, nach 22 Uhr schläft Dana Woitas aus Erschöpfung für einen Augenblick ein. Als sie wenige Minuten später wieder aufwacht, atmet ihre Charlotte nicht mehr. Sie ruft den Notarzt. „Meine Tochter atmet nicht mehr.“ Ein Rettungssanitäter nimmt sie ihr ab und bringt das kleine Mädchen in das Wohnzimmer. Ein weiterer Rettungshelfer schiebt Dana Woitas in ihr Schlafzimmer. Die Mutter setzt sich auf die Bettkante und klammert sich an eine Wasserflasche. Da denkt sie zum ersten Mal: „Charlotte stirbt“.

Die Rettungskräfte fahren mit Charlotte in die Charité. Fast drei Stunden versuchen Notärzte das kleine Baby zu reanimiert. Nach Mitternacht kommt eine Ärztin aus dem Saal. „Sie können jetzt reinkommen und sich verabschieden“, sagt sie. Als sich Dana Woitas neben sie auf das Bett setzt, nimmt sie ihre Hand und sagt: „Es tut mir so leid.“ Als Todesursache nennt Dana Woitas plötzlicher Kindstod. Er tritt vor allem im Alter zwischen zwei und sechs Monaten auf. Frühgeborene gelten als Risikogruppe. Im vergangenen Jahr sind laut Todesursachenstatistik des Bundesamts 108 Säuglinge am plötzlichen Kindstod verstorben.

In der Trauergruppe teilen alle den Schmerz

Nikola Gazzo beginnt zu lesen. Sie zieht sich mit Büchern zum Thema Kindstod zurück. Ihr fällt auf, dass das Thema eigentlich überall vorkommt, aber selten besprochen wird. Sie geht häufiger in die Kirche, sie sagt: „Auch deshalb, weil an diesem Ort jeden Sonntag jemand steht und öffentlich an die Verstorbenen erinnert.“ Das passiere im Alltag sonst nicht. Sie beschäftigt sich mit Resilienzforschung und wie Menschen traumatische Ereignisse aufarbeiten.

Sie beschließt für sich, hineinzugehen in den Schmerz, den sie fühlt, auch wenn ihr das manchmal schwer fällt. Sie entdeckt die Trauergruppe für sich. Dort treffen Väter und Mütter aufeinander, die einen Schmerz über ein verstorbenes Kind teilen, die wissen, dass Schwarz manchmal keine Modeentscheidung, sondern ein Gefühl, dass man als Stoff auf der Haut tragen will. „Es gab Tage, da wünschte ich, ich lebte in Griechenland, wo Frauen ihren Schmerz hinausschreien dürfen.“

Aus ihrem Umfeld bekommt Dana Woitas viel Unterstützung

Dana Woitas erfährt viel Unterstützung aus ihrem Umfeld, Freunde schreiben Trauerbriefe. Dana Woitas hat sie alle aufgehoben und zweimal kopiert. Sie sollen nicht verloren gehen. Ein befreundeter Pfarrer kümmert sich um offizielle Angelegenheiten. Die Beerdigung von Charlotte war am .20. März 2015. „Dieser Tag war grausamer als der Todestag“, sagt Dana Woitas. Während die Todesnacht unter Schock passiert, erlebt sie diesen Tag bei vollem Bewusstsein.

Als die Trauergemeinde die kleine Kapelle mit dem Sarg verlässt, spielt der Kirchmusiker langsam und getragen: „Ein Hoch auf Uns“. „Erst da habe ich realisiert, dass ich nicht um Erinnerungen trauere, sondern um eine nicht eingetroffene Zukunft.“ Sie trauert um Heiligabend 2015 – und jedes andere Weihnachtsfest danach, das sie nicht mit Lotte oder Charlie verbringen darf. Auch, dass sie die Spitznamen nie benutzen wird.

Für Mütter und Väter verstorbener Kinder gibt es in Berlin Trauergruppen und Geschwistergruppen, die vom Verein Verwaiste Eltern und Geschwister Berlin betreut werden. Die Eltern können in einem geschützten Raum über ihre Erfahrungen und Probleme sprechen. Beide Frauen haben diese Gruppen besucht und tun das zum Teil heute. Es gibt Gruppe von Eltern mit sogenannten Sternenkindern, Babys, die vor, während oder kurze Zeit nach der Geburt sterben.

Von allein heilen Wunden nicht

Trauer bleibt. Das wissen jetzt beide Müttern. „Es gab Menschen, die sagten zu mir, dass es doch auch mal gut sei jetzt mit der Trauer“, sagt Nikola Gazzo. „Aber ich sage dann: ‚Frederic ist immer noch tot.’“ Der Schmerz könne sich verändern oder weniger werden. Zeit ist notwendig. Ohne funktioniert die Verarbeitung nicht. Und von alleine heilen die Wunden nicht. „Ich fühle mich, als hätte ich durch meine Trauerarbeit ein Polster zwischen mir und dem Schmerz.“

Die Eltern reden auch über die Frage: „Bin ich Mutter?“ Jeder in ihrem Umfeld sehe in Dana Woitas die Freundin, die Mathematikerin aber niemand sieht sie als Mutter. Wenn sie jetzt gefragt werde, ob sie Kinder habe, sagt sie: „Ja.“

In Berlin können trauernde Eltern den Gottesdienst für verwaiste Eltern am Sonntag in der St. Marienkirche, in der Karl-Liebknecht-Straße 8 in Mitte besuchen. Um 15.30 Uhr, 16.30 Uhr und 17.30 Uhr finden drei Kurzgottesdienste unter Einhaltung der Corona-Hygieneregeln statt. Für die Gottesdienst stehen jeweils 103 Plätze zur Verfügung.