Berlins Vorstände

Kaum Frauen in Berlins Vorstandsetagen

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Die Bundesregierung hat sich auf eine verpflichtende Frauenquote für börsennotierte Unternehmen geeinigt. In Berlin ist in dieser Hinsicht noch viel zu tun.

Die Bundesregierung hat sich auf eine verpflichtende Frauenquote für börsennotierte Unternehmen geeinigt. In Berlin ist in dieser Hinsicht noch viel zu tun.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Von 31 börsennotierten Unternehmen in Berlin haben lediglich zwei weibliche Vorstandsmitglieder.

Berlin. Deutschland diskutiert wieder einmal über die Frauenquote – und auch in Berlin sind Frauen in den Vorstandsetagen börsennotierter Unternehmen noch immer deutlich unterrepräsentiert. Wie eine Auswertung der Berliner Morgenpost ergab, haben von 31 an den Börsen gelisteten Konzernen lediglich zwei Frauen im Vorstand.

Aus der Landespolitik gibt es deswegen nun deutliche Kritik: „Die Bilanz der Berliner Konzerne, was die Frauenquote betrifft, ist wirklich peinlich. Wenn von 31 Konzernen gerade mal zwei eine Frau im Vorstand haben, muss man das leider als Armutszeugnis bezeichnen“, sagte die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Anja Kofbinger. Auch Maren Jasper-Winter von der FDP-Fraktion fällt auf Anfrage ein deutliches Urteil: „Es ist völlig aus der Zeit gefallen, dass fast alle Unternehmen noch nicht einmal eine Frau im Vorstand haben. Es zeigt um so deutlicher, wie weit der Weg zu einer selbstverständlichen Gleichberechtigung ist“, sagte sie.

„Die Frauen scheitern oft an alten, gut geölten Männernetzwerken“, befand auch Ines Schmidt, Sprecherin für Frauenpolitik der Linken. Selbst wenn es Frauen nach oben geschafft hätten, würden sie abserviert oder freiwillig das Handtuch werfen.

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Bisher konnten sich die Firmen auch die Zielgröße Null setzen

Die Große Koalition im Bund hatte sich in der vergangenen Woche grundsätzlich auf eine verbindliche Frauenquote in Vorständen geeinigt. In Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern muss demnach künftig ein Mitglied eine Frau sein.

Zuvor hatten sich die Unternehmen lediglich selbst Zielgrößen für den Frauenanteil geben müssen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass einige Konzerne das Ziel für den Anteil von Frauen im eigenen Vorstand auf null Prozent setzten. Eine solche Vorgabe hatten sich in Berlin etwa der Dax-Konzern Deutsche Wohnen und der im MDax notierte Online-Modehändler Zalando gegeben. In den Vorständen beider Unternehmen sitzen deswegen bis heute keine Frauen.

Deutsche Wohnen will künftig einen Posten im Vorstand mit einer Frau besetzen

Beide Firmen geloben nun Besserung. „Im Vorstand stellt sich die Situation so dar, dass vier von vier Vorständen mit laufenden Arbeitsverträgen aktuell männlich besetzt sind, weshalb die verpflichtend zu dokumentierende Zielquote für den Frauenanteil lange auch bei 0 Prozent lag. In diesem Jahr jedoch wurde diese Zielquote angepasst und auf aktuell 20 Prozent bis zum Jahr 2025 erhöht“, teilte ein Deutsche-Wohnen-Sprecher der Morgenpost mit.

Bedeutet: Von vier Vorstandsposten soll künftig einer von einer weiblichen Führungskraft besetzt werden. Zumindest die neue gesetzliche Vorgabe würde Berlins größter Vermieter dann erfüllen. Generell sei der Anteil weiblicher (48 Prozent) und männlicher (52 Prozent) Führungskräfte bei der Deutsche Wohnen nahezu ausgeglichen. Auch im Aufsichtsrat seien ein Drittel der Mitglieder Frauen, so der Sprecher weiter.

Zalando erweiterte erst 2019 den Vorstand – ohne Frau

Zalando teilte mit, dass man eine diverse und inklusive Unternehmenskultur schaffen möchte, weil der Modehändler davon überzeugt sei, nur so langfristig erfolgreich zu bleiben. Der Vorstand kommt aber seit Jahren ohne Frauen aus. Selbst als die Chefetage 2019 von drei auf fünf Mitgliedern erweitert wurde, ließ Zalando die Chance ungenutzt, einen Posten weiblich zu besetzen. Die Frage, warum lediglich Männer dem Vorstand angehören, ließ Zalando unbeantwortet. Eine Sprecherin erklärte lediglich folgendes: „Im Herbst 2019 hat sich Zalando das Ziel gesetzt, bis Ende 2023 auf den sechs obersten Führungsebenen im Unternehmen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis zu erreichen. [...] Im Zalando Vorstand ist bisher keine Frau vertreten, wir sind aber fest entschlossen das zuvor beschriebene Diversitätsziel bis Ende 2023 auf allen Ebenen zu erreichen, also auch auf der Vorstandsebene.“

Der Konzertveranstalter Deag, bei dem vier von vier Vorstandsposten mit Männer bekleidet sind, begrüßte auf Anfrage, dass sich die Koalition auf eine neue Regelung für eine Frauenquote in Vorständen geeinigt habe. Ändern will Deag selbst aber offenbar nichts. „Es muss angemerkt werden, dass diese Regelung ausschließlich für börsennotierte Unternehmen mit Mitbestimmung gilt. Die Deag zählt nicht zu jenen börsennotierten Unternehmen“, ließ sich Konzernchef Peter Schwenkow auf Anfrage zitieren. Schwenkow verwies zudem darauf, dass „bereits eine Frau die Position des COO der Deag Tochtergesellschaft Deag Classics AG ausfüllt“. Zudem hätten in einem halben Dutzend Tochterunternehmen der Deag Frauen die Geschäftsführungsposition inne. Eine Sprecherin des Online-Kochboxenversenders Hello Fresh erklärte, Frauen auf allen Ebenen zu fördern. Im Vorstand sind derzeit allerdings vier von vier Posten mit Männern besetzt.

Wirtschaftssenatorin Pop: Noch viel zu tun in Sachen Gleichberechtigung

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) erklärte, noch deutlich Luft nach oben bei dem Anteil von Frauen in den Vorständen der börsennotierten Unternehmen zu sehen. „Die Zahlen zeigen, dass es in der Berliner Wirtschaft noch viel zu tun gibt in Sachen Gleichberechtigung. Hier unterstützen wir als Land Berlin und legen einen besonderen Fokus auf die Förderung und Stärkung von Frauen in der Wirtschaft, beispielsweise mit Maßnahmen wie dem Unternehmerinnenpreis oder Vernetzungs- und Informationsformaten“, so Pop. Gleichzeitig verwies sie auf den Anteil weiblicher Vorstände bei den Landesunternehmen. Dem aktuellen Beteiligungsbericht Berlins zufolge lag 2020 der Anteil von Frauen in Vorständen von Landesunternehmen bei 38,7 Prozent (2019: 41,7 Prozent). Zuletzt waren unter anderem die Chefposten bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und der Berliner Stadtreinigung (BSR) mit einer Frau besetzt worden.

Ob die neue Frauenquote der Bundesregierung nun wirklich Fortschritte bringt? Berliner Politikerinnen bezweifeln das. „Eine Quote ohne Sanktionen nutzt zu wenig. Man muss außerdem in die Fortbildung der geeigneten Frauen investieren und als Regierung auch mit positiver Öffentlichkeitsarbeit aktiv vorangehen. So hätte es auch die Bundesregierung machen können. Aber leider wurde hier wieder einmal ein Chance vertan, schade“, sagte Grünen-Politikerin Anja Kofbinger.

FDP: Quote generell der falsche Weg

Die FDP-Abgeordnete Maren Jasper-Winter hält eine Quote für den gänzlich falschen Weg. „Die FDP spricht sich deshalb für Zielverpflichtungen der Unternehmen aus, die auch eine Verbesserung des Anteils von Frauen in Vorständen enthalten müssen. Eine Zielgröße Null, wie sie bisher möglich und üblich ist, ist vollkommen inakzeptabel“, so Jasper-Winter. In den Zielverpflichtungen sollten aber auch weitere Maßnahmen für eine offene Unternehmenskultur enthalten sein. „Wir müssen dazu kommen, dass für ganz unterschiedliche Menschen der Aufstieg möglich ist“, sagte sie. Dabei gehe es auch um Menschen mit Migrationshintergrund, um Menschen aus einem nicht-akademischen Elternhaus und um Menschen, die nicht heterosexuell orientiert seien, so die Politikerin.

Die Linken-Politikerin Ines Schmidt hält die von der Bundesregierung beschlossene Quote sogar für „eine eine Beleidigung unserer Intelligenz“. „Wir Frauen, haben bundesweit die besten Abschlüsse und sollen uns mit einem Platz zufrieden geben? Aktuell würde das in Berlin nur in drei Unternehmen etwas ändern, dann wären im besten Fall auch gerade mal 5 von 65 Vorständen weiblich“, sagte sie. Das könne es nicht gewesen sein. Schmidt fordert hingegen eine geschlechtergerechte Aufteilung der Macht. Das wäre, so die Linken-Politikerin, auch besser für die Unternehmen.

Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) hält eine Quote zwar für den falschen Weg. Größere Konzerne ohne eine Frau im Vorstand hätten aber die Zeichen der Zeit nicht erkannt und würden sich zudem anderer Sichtweisen berauben, sagte er.