Exklusive Studie

Alle 17 Stunden ein neues Digital-Unternehmen in Berlin

Während der Pandemie konnte die Beschäftigung leicht ausgebaut werden. Neue Studie sieht in den digitalen Firmen Stützpfeiler für die Wirtschaft.

Trotz der Krise haben Berlins Digitalunternehmen während der ersten Corona-Welle mehr Stellen geschaffen. Eine neue Studie untermauert die gewachsene Bedeutung der Digital-Unternehmen in Berlin.

Trotz der Krise haben Berlins Digitalunternehmen während der ersten Corona-Welle mehr Stellen geschaffen. Eine neue Studie untermauert die gewachsene Bedeutung der Digital-Unternehmen in Berlin.

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Berlin. Eine neue Studie bescheinigt Digital-Unternehmen in Berlin eine gewachsene Bedeutung für die Hauptstadt-Wirtschaft insgesamt. Die Pandemie habe in vielen Bereichen zu unumkehrbaren strukturellen Veränderungen geführt, denen sich die Unternehmen nun stellen müssten. „Immer häufiger sind es beratend tätige Unternehmen aus Berlin, die diese Veränderungsprozesse begleiten“, heißt es in einer noch unveröffentlichten Untersuchung, die die Investitionsbank Berlin (IBB) in Zusammenarbeit mit der Berliner Sparkasse erstellt hat. Die Studie liegt der Berliner Morgenpost vorab vor.

Die erweiterte Rolle der Digitalwirtschaft habe sich demnach auch in der Beschäftigungsentwicklung während der Corona-Krise bemerkbar gemacht. Während der ersten Corona-Welle zwischen April und Juni dieses Jahres sei die Anzahl der Mitarbeiter saisonbereinigt noch um ein Prozent ausgebaut worden. In den unternehmensnahen Dienstleistungen insgesamt sei sie hingegen um 2,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal zurückgegangen.

Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt - mehr zum Thema

Sparkasse: Dynamik in der Digitalwirtschaft kein Selbstläufer

Die weltweite Wirtschaftskrise 2020 habe in der Berliner Wirtschaft tiefe Spuren hinterlassen, sagte IBB-Vorstandschef Jürgen Allerkamp mit Blick auf die Studie. „In der Krise zeigt sich die Beschäftigung in der Digitalwirtschaft viel robuster gegenüber dem Krisengeschehen als vergleichbare Wirtschaftsbereiche“, so Allerkamp weiter. Innovationsgeist und Tatendrang der Digitalwirtschaft seien gut für Berlin, erklärte Johannes Evers, Vorstandsvorsitzender der Berliner Sparkasse. „Doch die Dynamik ist kein Selbstläufer. Gefragt bleiben Offenheit gegenüber zukunftsstarken Ansiedelungen, eine gut funktionierende Infrastruktur und eine Neubaupolitik, die für mehr bezahlbares Wohnen sorgt“, sagte Evers.

Der Studie zufolge entfalle inzwischen jeder zehnte neue Job im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik in Deutschland auf einen Arbeitgeber in Berlin. Bundesweit zählt die deutsche Hauptstadt mit 108.905 Beschäftigten zum größten Standort der Digitalwirtschaft. In München (78.130), Hamburg (61.618), Frankfurt (34.119) und Köln (34.283) sind deutlich weniger Menschen in dem Wirtschaftsbereich tätig.

2019 hat Berlins Digitalwirtschaft etwa 10.000 neue Stellen geschaffen

Die Bedeutung der Digitalunternehmen sei für die Berliner Wirtschaft insgesamt in den letzten Jahren gestiegen. Abzulesen sei das, so die Studie, an der Entwicklung der Beschäftigtenzahlen: Zwischen 2008 und 2019 sind in dem Bereich 68.096 neue Arbeitsplätze entstanden. Das entspreche einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung von 9,3 Prozent. Das sei der höchste jährliche Beschäftigungszuwachs im Städtevergleich, heißt es in der Untersuchung. Besonders gut sei es 2019 für die Berliner Firmen gelaufen. In dem Jahr vor der Corona-Krise hätten rund 10.000 Arbeitnehmer in der Berliner Digitalwirtschaft eine neue Beschäftigung aufgenommen (+10,2 Prozent) – fast so viel wie in Hamburg, München und Frankfurt zusammen.

In Berlin sei der Studie zufolge seit 2008 zudem jeder sechste neue Job in einem Digitalunternehmen entstanden. Das sei ein Anteil von 15,6 Prozent an allen neuen Beschäftigungsverhältnissen. „Eine vergleichbar hohe Bedeutung als Jobmaschine erreicht die Digitalwirtschaft mehr als drei Dekaden nach Erfindung des World Wide Web und der deutschen Wiedervereinigung nur in den beiden Städten Dresden (14,6 Prozent) und Leipzig (14,4 Prozent)“, schreiben die Studien-Autoren.

Viele Digital-Firmen siedeln sich im Wissenschafts-Umfeld an

2018 waren die 10.800 Berliner Internetunternehmen für insgesamt 13,8 Milliarden Euro Umsatz verantwortlich. Seit 2008 hätten sich die Umsätze damit verdreifacht. Die Wirtschaftsleistung der Digitalwirtschaft übersteigt demnach mittlerweile auch die der Bauwirtschaft in der Hauptstadt (2018: 11,7 Milliarden Euro). Für den Zeitraum 2010 bis 2018 lässt sich der Studie zufolge rund 15 Prozent des gesamten Berliner Wirtschaftswachstums auf die Digitalwirtschaft zurückführen.

509 Digitalunternehmen gingen in Berlin 2019 neu an den Start. Der Studie zufolge wurde somit alle 17 Stunden eine neue Firma in dem Segment gegründet. Vor allem Firmenzentralen entstehen in der deutschen Hauptstadt. Lediglich bei 21 Prozent der Neugründungen habe es sich um Zweigstellen gehandelt, so die Erhebung. Viele neue Digitalwirtschaftsunternehmen entstehen im Umfeld von Universitäts- und Hochschulstandorten. Beispielsweise gründeten sich seit 2013 insgesamt 52 neue Digitalunternehmen im unmittelbaren Umfeld der TU Berlin am Ernst-Reuter-Platz und in der Spreestadt Charlottenburg.

Firmen zieht es in Büros innerhalb des S-Bahn-Rings

Rund zwei Drittel der Unternehmen hätten sich im inneren S-Bahn-Ring angesiedelt. Vor allem die großen Player wie Delivery Hero oder Zalando zieht es in die Innenstadt-Lagen: Der Modeversandhändler Zalando hat zum Beispiel am Ostbahnhof für seine etwa 6000 Berliner Mitarbeiter einen rund 100.000 Quadratmeter großen Campus in bester Spreelage errichten lassen. In unmittelbarer Nachbarschaft plant zudem Amazon die Erweiterung seines Berliner Standortes.

Dass die Berliner Digitalwirtschaft nicht nur auf die Mitte beschränkt ist, zeigt das Beispiel Adlershof. In dem Ortsteil von Treptow-Köpenick haben sich inzwischen fast 100 Unternehmen der Digitalwirtschaft niedergelassen – ein Viertel davon erst nach 2016.

In Berlin verdienen IT-Spezialisten noch immer weniger als im Bundesschnitt

Das starke Wachstum und die Nachfragen nach digitalen Dienstleistungen ist auch gut für die Beschäftigten an sich. „Potenzielle Bewerber erwarten gute Arbeitsbedingungen und hohe Gehälter“, so die Studienautoren. Verglichen mit anderen Berliner Branchen wurde 2019 in dem Bereich im Schnitt mit rund 4.800 Euro pro Monat Bruttogehalt inklusive Sonderzahlung bereits deutlich überdurchschnittlich verdient.

Allerdings: Wie in vielen anderen Berufen existiert auch im IT-Bereich noch immer eine Entgeltlücke im Vergleich zum Rest des Landes. Diese nimmt zwar ab. 2019 lag das Gehalt bei den Programmierern in Berlin aber immer noch rund 1,5 Prozent unter dem Bundesschnitt.