Ratgeber Recht

Erben: Kinder haben den höchsten Freibetrag

Dr. Max Braeuer ist Rechtsanwalt, Notar bei RAUE PartmbB und Experte für Familien- und Erbrecht.

Experte. Anwalt Max Braeuer (Familien- und Erbrecht)

Experte. Anwalt Max Braeuer (Familien- und Erbrecht)

Foto: Amin Akhtar

Leserfrage: Ich habe den Neffen (Sven, geb. 1972) meines Mannes (verstorben 2016) adoptiert. Dieser Vorgang ist abgeschlossen und ich habe die Möglichkeit genutzt, 400.000 Euro dem adoptierten Neffen zu schenken. Der Neffe Sven hat mit seiner Frau Nicole den zwölfjährigen Sohn Paul. Ist Paul für mich ein Enkel? Kann ich auch ihm den steuerfreien Betrag von 400.000 Euro schenken? Gibt es Besonderheiten bei Paul wegen des Alters?

Dr. Max Braeuer: Wenn eine wohlhabende Person Vermögen in die nächste Generation überträgt, kann dabei Erbschaftsteuer entstehen. Dabei ist es im Prinzip gleichgültig, ob das Vermögen vererbt oder verschenkt wird. In beiden Fällen ist die Steuer gleich zu berechnen. Von erheblicher praktischer Bedeutung sind allerdings die Freibeträge bei der Erbschaftssteuer. In Höhe eines Freibetrages muss der Beschenkte oder aber der Erbe das Vermögen, das er erhalten hat, nicht versteuern. Die Freibeträge können unter gewissen Voraussetzungen auch mehrfach in Anspruch genommen werden. Wenn z. B. Sie die Schenkung an Ihren Adoptivsohn Sven um zehn Jahre überleben, können Sie ihm weiteres Vermögen vererben, und er kann noch einmal den Freibetrag von 400.000 Euro in Anspruch nehmen.

Diese Freibeträge sind sehr unterschiedlich, je nach dem, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die Schenkerin und der Beschenkte stehen. Sie haben Sven adoptiert. In rechtlicher Hinsicht hat er dadurch dieselbe Position, als wenn Sie seine leibliche Mutter wären. Kinder können den höchsten Freibetrag bei der Erbschaftsteuer in Anspruch nehmen, nämlich 400.000 Euro. Das hat bei Ihrem Geschenk an Sven offenbar auch das Finanzamt so gesehen und deshalb keine Steuer erhoben. Ob der zwölfjährige Paul als Ihr Enkel anzusehen ist, weil Sie seinen Vater adoptiert haben, hängt davon ab, in welchem Alter Sie Sven adoptiert haben. Das Gesetz macht einen Unterschied, ob ein minderjähriges Kind adoptiert wird, oder ob Sie eine volljährige Person adoptiert haben. Ein minderjähriges Kind wird durch die Adoption vollständig in die Familie der Adoptiveltern integriert.

Es entstehen also weitere Verwandtschaftsverhältnisse. Die übrigen Kinder der Adoptiveltern werden Geschwister, die Eltern werden Großeltern. Anders ist es, wenn eine Person zum Zeitpunkt der Adoption schon erwachsen ist. Auch dann entsteht zwar ein echtes Eltern-Kind-Verhältnis zwischen dem Annehmenden und dem Adoptierten. Dieses Familienverhältnis beschränkt sich aber auf die beiden Personen. Weitere Personen, insbesondere die Kinder des Adoptierten, werden nicht einbezogen. Nur der adoptierte erwachsene Mensch erhält neue Eltern oder eine neue Mutter. Dessen Kinder bekommen keine neuen Großeltern. Das wirkt sich auch im Steuerrecht aus.

Wenn Sven bei der Adoption schon erwachsen war, dann ist Paul nicht Ihr Enkel. Wenn Sie ihm etwas schenken, kann er also nicht den Freibetrag für Enkelkinder geltend machen. Wenn Sven als Minderjähriger adoptiert worden ist, dann ist Paul Ihr Enkel. Wenn Sie Paul etwas schenken, gilt allerdings nicht derselbe Freibetrag wie bei Ihrem Sohn Sven. Ihrem Enkel können Sie nur 200.000 Euro steuerfrei schenken. Der Freibetrag ist bei Enkeln nur halb so groß wie bei Kindern. Der volle Freibetrag von 400.000 Euro ist nur dann anwendbar, wenn Ihr Sohn sterben und Sie ihn überleben sollten.

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