Michael Mittermeier

„Es darf nicht alles schlecht sein, sonst geht man zugrunde“

Comedian Michael Mittermeier hat ein Buch über die Corona-Zeit geschrieben. Zur Unterhaltung und Selbsttherapie.

Comedian Michael Mittermeier hat über den ersten Lockdown das Buch „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“ (Kiepenheuer & Witsch, 12 Euro) geschrieben.

Comedian Michael Mittermeier hat über den ersten Lockdown das Buch „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“ (Kiepenheuer & Witsch, 12 Euro) geschrieben.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin.  Jogginghose, Homeschooling, Kampf ums Klopapier: Im ersten Lockdown Anfang des Jahres machte Michael Mittermeier die gleichen Erfahrungen wie seine Mitmenschen. Zur Unterhaltung seiner Fans in der auftrittsfreien Zeit für Comedians und andere Unterhaltungskünstler, aber auch zur Selbsttherapie hat der 54-Jährige das Buch „Ich glaube, ich hatte es schon. Die Corona-Chroniken“ (Kiepenheuer & Witsch, 12 Euro) geschrieben. Bei seinem Besuch in der Redaktion der Berliner Morgenpost erzählt Mittermeier, was er sich für seine Branche von der Politik wünscht, wie es ihm gelingt, positiv zu bleiben, und warum er mit seinem einstigen Freund, dem Sänger Xavier Naidoo, nicht über dessen Verschwörungstheorien diskutiert.

Berliner Morgenpost: Herr Mittermaier, es ist also so weit, Corona ist mit Ihrem Buch in der Literatur oder mindestens in der Popkultur angekommen.

Michael Mittermeier : Ich wundere mich ehrlich gesagt, dass es nicht viel mehr gibt. Das ist doch eigentlich die Aufgabe des Satirikers, das aufzugreifen, was gerade da ist. Vielleicht haben sich viele aber auch nicht getraut, über diese Zeit ein heiteres Buch zu schreiben. Aber das ist eben mein Job. Und es war auch ein Stück Selbsttherapie.

Inwiefern?

Weil ich als Künstler einen Weg finden musste, wie ich in einer Zeit, in der ich nicht auftreten kann, trotzdem stattfinden kann. Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht, wir befinden uns gerade im zweiten Lockdown. Und bei den paar Auftritten, die ich dann hatte, haben die Leute so über die Geschichten gelacht, die ich von zu Hause erzählt habe, dass aus dem Bauch heraus die Idee entstanden ist, dass ich das aufschreibe.

Ihr Buch heißt „Ich glaube, ich hatte es schon“. Und, hatten Sie?

Ich weiß, dass ich es nicht hatte, ich bin häufig genug getestet worden. Vorher dachte ich allerdings, dass ich es hatte, weil ich Anfang des Jahres im Hotspot Südtirol im Urlaub war.

Merken Sie, dass die Einschläge näher kommen oder ist die Gefahr an Corona zu erkranken für Sie noch relativ abstrakt?

Ich kenne einige, die es hatten, die es sehr, sehr heftig hatten. Ich kenne jemanden, bei dem sind beide Eltern gestorben. Wenn ich Menschen hören, die sagen „Das gibt es nicht“, denen würde ich gerne mal die Telefonnummer von meinen Bekannten geben. Auf diesem Level diskutiere ich gar nicht.

Der Aspekt Gesundheit spielt in Ihrem Buch dennoch eine sehr kleine Rolle. Hatten Sie keine Angst vor einem Shitstorm, wenn Ihre größte Sorge ist, ob es im Lockdown okay ist, schon mittags einen Wein aufzumachen?

Gar nicht. Das ist auch bisher nicht passiert. Es ist ja bewusst humoristisch geschrieben. Meine Kunst ist es, ein schweres Thema leicht zu machen. Und lachen tut gut. Mir auch. Die Reaktionen waren sehr positiv. Ein paar Verspannte hat man natürlich immer. Aber das hat nichts mit dem Thema zu tun.

Was trifft Sie als Comedian denn schlimmer, die fehlende Möglichkeit, vor Ihren Fans aufzutreten oder der Verdienstausfall?

Für mich persönlich ist der Verdienstausfall nicht so dramatisch. Ich habe bei meinen Auftritten aber auch noch nie an Geld gedacht. Sonst würde ich nicht vor 30 Leuten bei Open-Mic-Nights auftreten. Das mache ich, weil ich Spaß daran habe. Ich war nie in einer Sendung, in der ich nicht sein wollte. Ich habe so etwas auch abgelehnt, als ich es wirklich gebrauchen konnte. Die Menschen, die da zugucken, wären sowieso nicht mein Publikum gewesen. Das ist eine Grundsatzentscheidung. Und dann musste es anfangs eben auch mit wenig Geld gehen.

Und dank dieser Einstellung sind Sie gut durch die auftrittsfreie Zeit gekommen?

Am Anfang hatte ich ein sauschlechtes Gewissen. Viele Kollegen haben Dinge wie Livestreams gemacht, aber ich habe das einfach nicht gespürt. Ich habe das als Entwertung der Kunst empfunden. Da wurde in schlechter Qualität einfach irgendwas umsonst rausgehauen. Und die Kunst wird schon viel zu oft entwertet, weil die Leute kein Geld mehr dafür ausgeben wollen. Deshalb habe ich mich dagegen entschieden und eher Dinge gemacht, die mir Spaß gemacht haben. Aber natürlich hat mir das Auftreten gefehlt. In 34 Jahren bin ich noch nie so lange nicht getourt. Die längste Zeit waren wahrscheinlich die zwei Monate, die ich damals mit meiner Frau auf Hochzeitsreise war.

Verstehen Sie, dass es Kollegen und auch Menschen hinter den Kulissen des Kulturbetriebes gibt, die das nicht so entspannt sehen?

Natürlich verstehe ich das. Ich bin nicht der Maßstab. Aber wenn ich seit 34 Jahren touren würde und trotzdem nicht wüsste, wie ich im nächsten Monat meine Miete zahle, hätte ich etwas falsch gemacht. Aber ich kenne genügend Musiker, die am Existenzminimum darben. Die Menschen um mich herum versuche ich zu stützen. Ich nehme meinen Lichttechniker auch zu kleinen Auftritten mit, auch wenn ich vor 150 Menschen kein großes Feuerwerk bräuchte. Und ich spiele auch vor 80 Menschen, wenn der Veranstalter das zulässt. Das ist das, was ich tun kann: Die Maschinerie am Laufen halten. Da geht es dann nicht darum, dass ich Geld verdiene. Sondern darum, den Leuten zu zeigen, dass es geht. Der Politik zu zeigen, dass es geht. Das ist mir wichtig. Eine Art, mit dieser neuen, schrägen Realität umzugehen. Denn das wird uns noch eine Weile beschäftigen. Es braucht keiner glauben, dass 2021 ein normales Jahr wird. Ich hoffe, dass die Politik uns damit umgehen lässt.

Fühlen Sie sich als Künstler von der Politik gesehen?

Ich glaube, auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Ich fand, dass die Maßnahmen, die ergriffen wurden, notwendig waren. Ich bin aber auch kein Fachmann. In Bayern wurde es uns ex-trem schwer gemacht, aber wir sind trotzdem damit umgegangen. Der zweite Lockdown ist noch einmal härter, weil die Branche sich den Arsch aufgerissen hat, um Veranstaltungen mit Hygienekonzept umzusetzen. Da ist eine zarte Pflanze wieder gewachsen. Aber wer kauft denn jetzt nach einem zweiten Lockdown noch ein Ticket? Denn offensichtlich ist es ja doch nicht so sicher. Ich finde, das wird von der Politik falsch kommuniziert. Oder wenn ich im Oktober in München in eine überfüllte U-Bahn steige, um in mein Lieblingsrestaurant zu fahren, wo extra eine neue Lüftung und Plexiglasscheiben eingebaut wurden, und die dann schließen müssen, dann fehlt mir das Verständnis. Aber der Künstler in mir nimmt auch Corona als Challenge. Mich muss keiner stützen, aber die Branche muss gestützt werden.

Wie planen Sie denn aktuell Ihr nächstes Jahr?

In meiner Branche sind wir mit Touren alle bis Ende 2021 durchgebucht. Aber das wird natürlich nicht stattfinden. Und wenn doch, werden kaum Tickets verkauft. Im Moment kämpfen wir um 100 Zuschauer – als bekannter Künstler. Sie können sich vorstellen, was das für junge Künstler bedeutet. Das Risiko werden Veranstalter gar nicht eingehen. Ich bin dafür, dass man mit Distanz und wenig Zuschauern in großen Hallen alles stattfinden lässt, aber das ist häufig gar nicht finanzierbar.

Sie rechnen im Buch auch mit Corona-Verschwörungstheoretikern ab. Mit Xavier Naidoo sind Sie eine Weile getourt. Kennen Sie sich gut genug, als dass Sie versucht hätten, mit ihm über das Thema zu sprechen?

Wir haben schon eine Weile keinen Kontakt mehr, das hat auch seine Gründe. Aber ich kann sagen, dass wir einmal befreundet waren. Ich habe ihn vor ein paar Jahren noch verteidigt, als ich das als Freund vertreten konnte. Ich fand es nicht immer gerechtfertigt, was ihm vorgeworfen wurde. Aber mittlerweile ist natürlich eine Grenze überschritten. Da diskutiere ich nicht. Ich diskutiere ja auch nicht darüber, ob die Welt eine Scheibe ist.

Gibt es etwas Positives, das Sie aus dieser Zeit mitnehmen werden?

Als Familie werden wir an diese Zeit auch positiv zurückdenken, weil wir sehr viel Zeit zusammen verbracht haben. Wir haben das sehr genossen. Und das nehme ich mit. Es darf nicht alles schlecht sein, sonst geht man zugrunde. Und das lässt einen dann in die falsche Richtung abbiegen.