Wohnen in der Zukunft

Berlins Stadtrand – Wo die Jugend unbedingt weg will

Immer mehr Wohnungen entstehen in den Randbezirken, vor allem im ehemaligen Ost-Teil Berlins. Doch wie lebt es sich dort?

Wohnen im Grünen und die Großstadt vor der Tür.

Wohnen im Grünen und die Großstadt vor der Tür.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin.  Berlin wächst. Trotz zuletzt leicht nachlassender Dynamik wird die Hauptstadtbevölkerung 2030 wohl an der Vier-Millionen-Marke kratzen. Die meisten Neuberliner zieht es dabei in die Innenstadtbezirke. Nach Spandau oder Hellersdorf zu ziehen, gilt für viele als wenig verlockend. Doch gerade der Stadtrand wird in den nächsten Jahren an neuen Bewohnern zulegen. Ist die Kreuzberg-Euphorie vorbei?

Schaut man sich aktuelle Bevölkerungsprognosen genauer an, wird eins schnell klar: Der Osten profitiert. Angeführt vom Bezirk Pankow, der bis 2030 um elf Prozent wachsen soll, werden die ersten Plätze der am stärksten wachsenden Bezirke von Ost-Bezirken belegt: Treptow-Köpenick, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf folgen mit neun bis sieben Prozent. Grund für den neuen Run auf Ost-Berlin ist auch die hohe Bautätigkeit. Treptow-Köpenick wird im nächsten Jahr berlinweit am meisten Wohnungen bauen, Marzahn-Hellersdorf folgt dicht dahinter.

Ruhe, Natur und die Hauptstadt direkt vor der Tür – am Stadtrand ist das möglich. Vor allem Familien entdecken die Randbezirke für sich. Fünf Bezirke erlebten im vergangenen Jahr einen Zuzug von Kindern im Kitaalter – allesamt Außenbezirke. Doch wie spannend ist das Aufwachsen am Stadtrand wirklich?

Benjamin Kramer kennt die Probleme und Wünsche von Jugendlichen. Als Sozialarbeiter des Jugendzentrums „Anna Landsberger“ hat er täglich mit jungen Marzahnern zu tun. Die Jugendlichen seien oft perspektivlos, sagt er. „Die wenigsten wollen nach der Schule wirklich im Bezirk wohnen bleiben.“ Zu wenige Möglichkeiten, in der Freizeit etwas zu erleben, und der Wunsch nach einem Neuanfang treibe die Jugendlichen in die Innenstadt. Zudem sehnten sich einige nach einem Leben mit weniger Rassismus, als sie es in Marzahn-Hellersdorf erführen. Im Bezirk schneidet die AfD berlinweit am stärksten ab. Generell mache das schlechte Image des Bezirks den Jugendlichen zu schaffen.

„Das Bild, das Außenstehende mitunter von Marzahn-Hellersdorf haben, wollen die Jugendlichen nicht mit sich in Verbindung bringen“, meint Kramer. „Dabei geht es aber auch darum, die Schuld für das eigene Nicht-Vorankommen von sich zu weisen.“ Denn wirklich aus dem Bezirk wegzuziehen, schaffen am Ende die wenigsten. Kramer selbst ist übrigens bewusst an den Stadtrand gezogen. „Weil es ländlicher ist“, sagt er. Außerdem habe man trotzdem alles, was man brauche, in der Nähe.

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Es mangelt an Kultur – aber auch schon an Cafés

Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Kitas – Infrastruktur ist auch am Stadtrand vorhanden. Doch wie sieht es mit Kultur und Abendunterhaltung aus? Nun ist Stadtrand nicht gleich Stadtrand. Steglitz-Zehlendorf etwa kann mit Theatern, Museen und Galerien eine lebendige Kulturlandschaft vorweisen. In Reinickendorf ist das Angebot eher dürftig, die vergleichsweise geringe Entfernung zu Mitte macht das in Teilen jedoch wett. In Spandau gibt es immerhin eine historische Altstadt; kulturaffinen Bewohnern steht dort die Zitadelle Spandau oder eins der Theaterhäuser offen.

Anders in Marzahn-Hellersdorf: Kulturangebote gibt es hier wenige, das Theater am Park ist aufgrund von Sanierungsmaßnahmen seit vielen Jahren geschlossen. Doch man müsse Angebote schaffen, die sich auch wirklich am Bedarf der Bewohner orientieren, meint Jennifer Hübner, die sich schon länger für die Kultur im Bezirk einsetzt. Damit meint sie weniger Hochkultur als sogenannte Kultur im Sozialraum. „Bei uns mangelt es ja schon an Cafés“, so die SPD-Fraktionsvorsitzende im Bezirk. Ohne eine gewisse Dichte an Angeboten bleiben die einzelnen Initiativen Satelliten im kargen Raum. Hübner wünscht sich dabei mehr Eigeninitiativen; kleine Kulturräume oder Galerien im Wohnumfeld. Größere Häuser sind zur Belebung also womöglich gar nicht notwendig. „Unsere Bibliotheken kompensieren etwa mit Lesungen schon, was an kulturellen Angeboten fehlt“, sagt Hübner.

Braucht also gar nicht jeder Stadtteil sein eigenes Kulturzentrum? Das Konzept Stadtrand stellt Ulrich Schiller in Frage. Der Geschäftsführer des Wohnungsunternehmens Howoge will den Fokus auf klimagerechtes Bauen legen. Kürzlich hat das Unternehmen für ein klimaneutrales Wohnquartier sogar den Bundespreis „Umwelt und Bauen“ erhalten. „Wir machen das nicht für uns, wir bauen für die nächsten Generationen“, sagt Schiller. Bei dem jüngsten Howoge-Projekt, dem Q18-Wohnhochhaus mit fast 400 Wohnungen, entsteht kein einziger Pkw-Stellplatz. Schiller will die Stadt der kurzen Wege vorantreiben. Ob man ein Gebiet Stadtrand nennt, hängt nämlich maßgeblich von einem Faktor ab: Wie lange man von dort bis ins Zentrum braucht.

Der Vorortcharakter stärkt Freundschaften

Karlshorst gehört streng genommen nicht zum Stadtrand, mit der S-Bahn ist man in wenigen Minuten in der Innenstadt. Trotzdem verirrt sich der Mitte-Berliner wohl eher selten hier hin. Hannes Husten ist in Karlshorst aufgewachsen. Über den Stadtteil hat er sogar einen Song geschrieben, den er mit seiner Band „SIND“ veröffentlicht hat. „Der unendlich große Freiheitsdrang, nur über Ampeln nie hinausgekommen“, heißt es da.

„Es war wenig Trubel in Karlshorst, da haben wir eben selbst Trubel gemacht“, erzählt der Sänger. Der Vorortcharakter hätte auch seine guten Seiten. „Unsere Freundschaften sind viel enger geworden, da man eben jeden Tag aufeinander hockte.“ Karlshorst, das sei für Husten und seine Freunde oft ein großes Abenteuer gewesen. Alte russische Kasernen, Ruinen und Erzählungen über die Zigarettenmafia – für Jugendliche gab es im Stadtteil viel zu entdecken. „Nachts mal raus auf die Trabrennbahn, eine Runde drehen, in Mamas Wagen“, singt Husten.

Der Vorteil für Kreative: Sie werden weniger abgelenkt

Für die Kreativität sei ein Leben am Stadtrand gar nicht mal so schlecht. „Sozialleben, mit Bars und so weiter, lenkt schon ab“, sagt Husten, der heute in Prenzlauer Berg lebt. Geblieben ist er in Karlshorst nämlich nicht. Als er 2013 von längeren Auslandsaufenthalten zurück nach Berlin kommt, sind auch seine Freunde längst in zentralere Bezirke gezogen. In zehn Jahren vielleicht, sagt der 29-Jährige, könne er sich aber gut vorstellen, nach Karlshorst zurückzuziehen.

Vielleicht ist die Beziehung zum Stadtrand einfach komplizierter. Ein bisschen Abstand, eine Pause tut gut, um später zurückkehren zu können. Klar abgrenzen lässt sich der „Stadtrand“ ohnehin nicht. „Ich frage mich, wie sich der Stadtrand verändern wird“, überlegt auch Husten. „Verlagert er sich durch den Zuzug nach Brandenburg und der heutige Stadtrand gehört zur Innenstadt?“ Tatsächlich stiegen die Mieten im Berliner Speckgürtel 2018 stärker als in der Stadt selbst. Von der Abwanderung aus Berlin können vor allem Gemeinden profitieren, die über einen zentralen S- oder Regionalbahnhof verfügen. Denn auch die Zahl der Pendler steigt stetig, heute pendeln über 60 Prozent mehr Menschen zwischen Brandenburg und Berlin als noch im Jahr 2000. Die Stadt der kurzen Wege – auch für den Stadtrand wird sie in den nächsten Jahren immer wichtiger werden.