Trotz Corona-Krise

20 Millionen US-Dollar für Berliner Reise-Start-up Tourlane

Tourlane setzt darauf, dass Corona das Reisen verändern wird. Das ist den Investoren trotz aktueller Reisebeschränkungen eine Finanzspritze wert.

Die Tourlane-Gründer Julian Weselek (r.) und Julian Stiefel haben individuelle Reisen als Geschäftsmodell. Nun stecken die bestehenden Investoren erneut viel Geld in das Unternehmen.

Die Tourlane-Gründer Julian Weselek (r.) und Julian Stiefel haben individuelle Reisen als Geschäftsmodell. Nun stecken die bestehenden Investoren erneut viel Geld in das Unternehmen.

Foto: Matti Hillig

Berlin. Man könne schon sagen, dass das Reisen in den vergangenen Jahren an Magie verloren habe, sagt Julian Stiefel und verweist auf volle Billig-Flieger und Menschenmassen, die sich vor Sehenswürdigkeiten drängeln. Durch die Corona-Krise allerdings würden sich Urlaube verändern. Authentische Erlebnisse stünden nach der Pandemie mehr und mehr im Vordergrund. Die Menschen würden Land und Leute kennenlernen wollen. „Reisen wird an Bedeutung gewinnen“, sagt Stiefel, der 2016 mit seinem Geschäftspartner Julian Weselek das Start-up Tourlane gegründet hat.

Der Glaube an den nachhaltigen Wandel von Reisen ist den Investoren des jungen Start-ups jetzt trotz der derzeitigen Reisebeschränkungen eine Finanzspritze wert: In einer weiteren, am Mittwochmorgen verkündeten, Finanzierungsrunde erhält Tourlane 20 Millionen US-Dollar. Kapitalgeber ist ein Gruppe um die bestehenden Finanziers, zu denen unter anderem die Beteiligungsgesellschaft Sequoia Capital gehört. Insgesamt hat Tourlane seit der Gründung im Jahr 2016 nun bereits 100 Millionen US-Dollar eingesammelt.

Investoren rechnen mit baldiger Wiederaufnahme des Reiseverkehrs

Für das Start-up kommt die neue Investitionsrunde zur rechten Zeit. Wegen der Corona-Krise sind die Buchungszahlen eingebrochen. Gleichzeitig ist die Millionenspritze ein Signal dafür, dass bestehende Geldgeber an das Geschäftsmodell glauben und auch daran, dass die Reisefreudigkeit bald wieder zunimmt.

Das junge Berliner Unternehmen hat die Ferntrip-Planung neu gedacht und nach eigenen Angaben das Beste aus der Beratung in einem Reisebüro mit der Informationsflut und der Schnelligkeit des Internets kombiniert. Tourlane plant und bucht für seine Kunden individuelle Urlaube und geht dabei auf die Wünsche der Reisewilligen ein. „Wir vereinen die Expertise aus dem Reisebüro mit der Individualität, Leichtigkeit und Schnelligkeit des Internets“, sagt Stiefel. Jeder Wunsch, ganz gleich ob Safari-Reise in Tansania, Tauchurlaub auf den Galapagos-Inseln oder eine Wanderung mit Grizzly-Bären in Kanada, soll wahr werden.

Tourlane-Mitarbeiter beraten telefonisch

Für Tourlane-Kunden ist der Service des Unternehmens kostenlos. Erst bei Buchung der gemeinsam geplanten Reise zahlt der Kunde. In dieser Hinsicht gleicht sich das Berliner Start-up dem analogen Reisebüro an. Auch in Sachen Betreuung ist das so. Über die Internetseite geben Kunden Wunsch-Reiseziel, Dauer, verfügbares Budget und die Zahl der Mit-Urlauber an. Wenig später ruft ein Tourlane-Mitarbeiter den Reiselustigen an und vereinbart einen individuellen Beratungstermin. Die Mitarbeiter der Firma sollen so ein maßgeschneidertes Angebot erstellen.

Im Morgenpost-Test funktioniert das erstaunlich gut. Innerhalb von 30 Minuten nimmt die Mitarbeiterin Wünsche auf, bespricht eine mögliche Route, Attraktionen, Ausflugstipps und Erlebnisse ab. Die Beraterin gibt zudem Empfehlungen, berichtet von eigenen Erfahrungen, denn sie habe selbst bereits in dem Land gelebt und Teile des Reiseziels selbst erkundet. Für 50 verschiedene Destinationen gestaltet Tourlane nach eigenen Angaben Traumreisen. Der Autor dieses Textes hat testweise eine Rundreise durch den Westen der USA als Wunsch-Urlaub angegeben.

Tourlane arbeitet mit Touristen-Büros in den jeweiligen Ländern zusammen

Auf den Vorschlag des Redakteurs, einen Maultier-Trip am Grand Canyon zu buchen, geht die Tourlane-Mitarbeiterin ein, indem sie einen Hubschrauber-Rundflug über die Schlucht und für den Bryce Canyon einen Ausritt mit Pferden empfiehlt. Eine kurze Internet-Recherche verrät allerdings, dass ein tierischer Ausflug auch am Grand Canyon möglich wäre. Die Tourlane-Gründer erklären auf Nachfrage, dass sie mit den Tourismus-Büros der jeweiligen Ländern eng zusammenarbeiten, aber auch selbst Erlebnisse und Unterkünfte auswählen und kuratieren würden.

Die Partner-Hotels oder Erlebnisse würden dabei durch Tourlane gewissermaßen digitalisiert und so den eigenen Reise-Beratern für die Planung und Buchung der oft mehrwöchigen Fernreisen zur Verfügung gestellt. „Anderen Anbietern geht es eher darum, viele Angebote aufzubauen. Das hat zu einem extremen Informationsüberfluss geführt. Wir hingegen wollen eine gute und geprüfte Auswahl bieten“, sagt Julian Weselek.

Im Morgenpost-Test hinterlassen sowohl die Beratung als auch der abschließende Vorschlag zu Reiseroute, Ziele, Hotels und Aktivitäten einen guten Eindruck. Das Preisniveau ist angemessen. Wer aber eine preisgünstige Reise sucht, ist bei Tourlane falsch.

Die Nachfrage wegen Corona ist deutlich eingebrochen

Zahlen zu Umsatz und Buchungen nennt das Unternehmen nicht. Seit der Gründung habe Tourlane aber ein jährliches Wachstum von 400 Prozent verzeichnet. Derzeit befinde man sich aber bei lediglich 20 Prozent des Nachfragenniveaus vor der Corona-Krise. Die Pandemie hatte das Touristik-Unternehmen voll erwischt: Im Frühjahr während des Lockdowns sei es zunächst darum gegangen, alle Kunden sicher wieder nach Deutschland zu bringen. Zusätzlich hätte das Start-up auch Prozesse und Stornierungsmöglichkeiten überarbeitet. Mittlerweile sei es möglich, bei Tourlane gebuchte Reisen bis zu 30 Tage vorher kostenlos umzubuchen oder zu stornieren

Tourlane hat rund 250 Mitarbeiter aus 40 Nationen, ein Großteil davon sei aber noch immer in Kurzarbeit. „Das ist ein großes Glück für Unternehmen wie uns, weil die Kurzarbeit uns die Möglichkeit gibt, an Mitarbeitern festzuhalten, obwohl die Nachfrage derzeit nicht da ist“, sagt Mitgründer Julian Stiefel. Eine Prognose, wann das Reisen wieder Fahrt aufnimmt, will Tourlane nicht abgeben. Möglicherweise werde sich ab Mitte nächsten Jahres die Buchungsnachfrage wieder stabilisieren.

Alles aus einer Hand

Neben einer stärkeren Individualität geht Tourlane auch davon aus, dass Menschen es verstärkt schätzen werden, lediglich einen verlässlichen Ansprechpartner für individuelle Reisen zu haben. Flug, Mietwagen, Unterkünfte – wer selbst bucht, ist mitunter tagelang beschäftigt. Geht mal was schief, trägt der Urlauber selbst das Risiko. Tourlane hingegen bietet jegliche Reisekomponenten aus einer Hand an. Das soll sich auch preislich bemerkbar machen. Der Reisemarkt sei zwar sehr transparent, allerdings sei es eine Fehleinschätzung zu glauben, man könne individuell bessere Preise erzielen. „Wir haben sehr gute Konditionen mit unseren Partnern verhandelt“, verspricht Julian Weselek.

Die Tourlane-Gründer haben früher auch selbst erlebt, was es bedeutet, individuelle Reisen selbst zu organisieren. Beide kennen sich seit der Schulzeit, haben auch einige Urlaube zusammen verbracht. „Wir haben immer festgestellt, dass die Planung sehr zeitaufwenig ist und am Ende weiß man immer noch nicht, ob die Unterkunft wirklich gut oder das Ausflugsziel das richtige ist. Das wollten wir ändern“, erzählt Weselek.

Julian Stiefel hatte darüber hinaus den Zimmervermittler Accoleo mitgegründet, der 2011 an den US-Anbieter Airbnb verkauft wurde. Gewissermaßen hatte Stiefel also auch vor einigen Jahren den Bettenburgen bereits abgeschworen. Jetzt hoffen die Gründer, dass nach Corona die Lust der Deutschen auf Individualreisen noch größer wird.