Berliner Reise-Start-up

Start-up Getyourguide denkt bereits an Übernahmen

Das Start-up leidet unter Corona. Für ein Wieder-Anziehen des Tourismus sieht sich die Firma aber gut aufgestellt und denkt an Zukäufe.

Getyourguide-Geschäftsführer Johannes Reck: „Allein im Tourismus zu überleben, wird in den nächsten Jahren ein enormer Wettbewerbsvorteil sein.“

Getyourguide-Geschäftsführer Johannes Reck: „Allein im Tourismus zu überleben, wird in den nächsten Jahren ein enormer Wettbewerbsvorteil sein.“

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Der Gründer und Geschäftsführer der Berliner Reiseerlebnis-Plattform Getyourguide geht als Folge der Corona-Pandemie von deutlichen Umwälzungen im internationalen Tourismus aus. Johannes Reck sagte im Gespräch mit der Berliner Morgenpost, er rechne damit, dass es Marktteilnehmer, die auf Gäste aus Übersee angewiesen sind, in nächster Zeit sehr schwer hätten. Das biete aber Chancen für sein Unternehmen.

„Allein im Tourismus zu überleben, wird in den nächsten Jahren ein enormer Wettbewerbsvorteil sein, weil ganz viele Mitbewerber das nicht schaffen werden“, sagte Reck. Das Wettbewerbsumfeld werde daher weniger intensiv sein als vor der Corona-Krise. „Das ist eine riesige Chance für uns, weil wir als Plattform dann noch relevanter werden für die Kunden. Darauf fokussieren wir uns. Wenn das Reisen wieder anzieht, wollen wir ein besseres Produkt und mehr Auswahl anbieten als zuvor“, erklärte Reck.

90 Mitarbeiter mussten Getyourguide wegen Corona verlassen

Getyourguide mit Sitz in Berlin bietet Kunden über seine Plattform Erlebnisse in zahlreichen Regionen der Welt an. Seit der Gründung 2009 haben Reisende aus 170 Ländern nach Angaben des Unternehmens mehr als 45 Millionen Touren, Aktivitäten und Tickets für Attraktionen über die Plattform gebucht. Getyourguide beschäftigt rund 550 Mitarbeiter verteilt auf den Hauptsitz in Berlin sowie Niederlassungen an 14 Standorten weltweit.

Die wegen Corona weltweit bestehenden Reisebeschränkungen hatten Getyourguide bereits im Frühjahr hart getroffen. Wegen Stornierungen musste das Unternehmen seinen Kunden einen zweistelligen Millionenbetrag zurückzahlen. Zusätzlich waren wegen Lockdowns und Reisewarnungen nahezu keine Buchungen zu verzeichnen.

Erst vor einigen Wochen hatte Getyourguide verkündet, 90 Mitarbeiter entlassen zu müssen. Der Langstrecken-Reiseverkehr werde in den nächsten sechs bis zwölf Monaten nicht wieder zurückkehren. „Das ist der Grund, warum wir in den betroffenen Büros nicht alle Mitarbeiter mitnehmen konnten“, sagte Reck. Betriebswirtschaftlich seien die Kündigungen leider notwendig gewesen, so der Gründer.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengetragen. In unserem Newsblog berichten wir über die aktuellen Corona-Entwicklungen in Berlin und Brandenburg. Die deutschlandweiten und internationalen Coronavirus-News können Sie hier lesen. Welche Corona-Regeln im Teil-Lockdown in Berlin gelten, erfahren Sie hier. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Berlin, Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet.

Buchungen sollen 2021 wieder an Fahrt aufnehmen

Getyourguide hatte erst Ende Oktober 114 Millionen Euro Kapital in Form einer Wandelanleihe erhalten. Reck sieht darin ein starkes Zeichen der Investoren, die an das Geschäftsmodell von Getyourguide weiter glauben würden, sagte er. Für ihn sei klar, dass der Tourismus im nächsten Jahr wieder in den Startlöchern stehen werde.

Reck sagte, er rechne in den ersten drei Monaten des nächsten Jahres mit einem Buchungsvolumen von 30 Prozent des Stands von 2019, im zweiten Halbjahr sollten die Buchungen dann 50 bis 70 Prozent aus dem Jahr vor Corona erreichen. „Für die nächsten zwei, drei Jahre gehe ich davon aus, dass der Tourismus innerhalb Europas stark profitieren und auch in Deutschland der Binnentourismus wachsen wird“, so der Firmengründer weiter.

Während der Pandemie habe Getyourguide nach Angaben des Gründers auch daran gearbeitet, seine Technologie zu verbessern. So sei etwa die Suchfunktion in der App optimiert worden, auch hätten Nutzer nun die Möglichkeit, Wunschlisten zu erstellen. Das sei während der Reisebeschränkungen bereits gut angenommen worden. „Die Menschen sind auf die Seite gekommen, um zu träumen und zu planen“, erklärte er. Sein Unternehmen habe darüber hinaus an mehr Flexibilität für die Nutzer gearbeitet. Mehr als 60.000 Erlebnisse und Attraktionen von Disneyland Paris bis zu Kreuzberger Graffiti-Touren seien nun laut Reck bis zu 24 Stunden vorher kostenlos stornierbar.

Kasse für mögliche Ankäufe „prall gefüllt“

Reck kündigte auch an, die Augen für mögliche strategische Übernahmen offen halten zu wollen. Die Kasse des Unternehmens sei dafür „prall gefüllt“. Neben der Wandelanleihe hatte Getyourguide im Mai 2019 eine der größten Finanzierungen überhaupt für deutsche Start-ups eingesammelt. 433 Millionen Euro stellten Investoren rund um den japanischen Tech-Konzern Softbank damals zur Verfügung. Ein großer Teil dieses Geldes sei nach wie vor noch da, so Reck. „Wir sind sehr technologiegesteuert und dort, wo wir unsere Produkt-Roadmap durch Technologiezukäufe schneller aufstellen können oder auch in neue Kundensegmente reinkommen, werden wir uns das anschauen“, sagte er mit Blick auf mögliche Zukäufe. Es liege aber weiterhin ein Fokus auf organischem Wachstum.

Einen zeitnahen Börsengang schloss Reck erneut aus: „Für uns spielt das kurzfristig keine Rolle.“ Der US-amerikanische Ferienwohnungen-Vermittler Airbnb bereitet Medienberichten zufolge hingegen einen Börsengang vor. Möglicherweise noch in diesem Jahr. Wenn Airbnb die Wahl hätte, würde der Konzern einen solchen Schritt derzeit wohl nicht wagen, mutmaßte Reck. „Es ist keine gute Idee, in so einem Umfeld an die Börse zu gehen“, sagte der Getyourguide-Geschäftsführer.

Getyourguide legte sich mit Google an

Reck hatte sich als einer der ersten deutschen Digital-Unternehmer im August dieses Jahres mit dem US-Technologieriesen Google angelegt. Der Gründer kritisierte ihn gleich in zweifacher Hinsicht. Einerseits war Google den Digitalunternehmen nicht entgegengekommen, als deren Umsätze wegen der Corona-Pandemie einbrachen. Die Suchmaschine habe weiterhin auf Werbezahlungen bestanden. Unternehmen wie Omio, Flixbus oder Trivago zahlten nach eigenen Angaben allein im ersten Quartal 75 Millionen Euro an Google.

Andererseits kritisierte Johannes Reck das Unternehmen dafür, dass es auf Kosten seiner Werbepartner Daten sammle, um damit Konkurrenzprodukte aufzubauen. „Google ist für uns ein Partner, der aber in manchen Bereichen über das Ziel hinaus geschossen ist und rote Linien überschritten hat“, sagte Reck. Es gehe darum, die Partnerschaft so zurechtzurücken, dass sie fair für alle Seiten ist. Auch aus der Politik habe er dafür Unterstützung erfahren. „Auch die Bundesregierung hat mittlerweile begriffen, dass digitale Souveränität nicht nur ,nice to have’, sondern ein ,must have’ sein muss“, erklärte er.