Zukunft Wohnen

Berlin im Jahr 2050 – Wie wir in Zukunft wohnen

Berlins Zukunft hat bereits begonnen – in den Köpfen der Planer und Forscher. Wie diese aussieht, zeigen wir in Teil 1 unserer Serie.

So könnte die Stadt von morgen – hier der Blick entlang der Karl-Marx-Allee in Richtung Fernsehturm – aussehen. Entwickelt hat diese Vision LAVA/Fraunhofer IAO für das Innovationsnetzwerk Morgenstadt.

So könnte die Stadt von morgen – hier der Blick entlang der Karl-Marx-Allee in Richtung Fernsehturm – aussehen. Entwickelt hat diese Vision LAVA/Fraunhofer IAO für das Innovationsnetzwerk Morgenstadt.

Foto: © LAVA – Laboratory for Visionary Architecture

Berlin. Mietendeckel, Enteignungen, Bodenspekulation, Nachverdichtung in der Innenstadt und neue Großsiedlungen am Stadtrand: Kaum ein Thema bewegt die Berliner so wie die Wohnungsfrage. Doch wie wohnen wir wirklich – und wie wird sich das Wohnen in der Stadt verändern? In einer mehrteiligen Serie wird die Berliner Morgenpost diese Frage unter die Lupe nehmen, mit Experten und Betroffenen reden und Ihnen jede Menge Service rund um Miet- und Kaufpreise sowie die wichtigsten Projekte in Ihrer Nachbarschaft bieten. Den Auftakt bildet der Blick in die Zukunft.

Wir schreiben das Jahr 2050: Ganz entspannt mit dem Fahrrad oder zu Fuß treffen am Morgen Ingenieure, Studierende, Wissenschaftler und Firmenmitarbeiter im Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien, in der Urban Tech Republic, ein.

Kein Wunder, denn die meisten von ihnen haben es nicht weit, sie wohnen in den 5000 überwiegend aus Holz errichteten Wohnungen des Kurt-Schumacher-Quartiers oder den 4000 Wohnungen, die in den benachbarten Siedlungen Cité Pasteur und TXL Nord in den letzten Jahren entstanden sind. Mit der Schließung des Flughafens Tegel im November 2020 hat sich auf dem 461 Hektar großen Gelände Berlins modernstes Stadtviertel entwickelt. Und auch das gibt es: Eine eigene U-Bahnstation erschließt das einstige Flughafenareal.

Am ältesten Platz der Stadt wird in Zukunft wieder gewohnt

Berlins Mitte ist in 30 Jahren ebenfalls kaum wiederzuerkennen: Der Molkenmarkt, 2020 noch eine der verkehrsreichsten Kreuzungen im Herzen der Stadt, hat sich in ein Wohn- und Gewerbequartier unter anderem mit 450 Wohnungen entwickelt. Der älteste Platz Berlins östlich des Nikolaiviertels ist längst beliebtes Fotomotiv bei den zahlreichen Touristen, die sich im nahe gelegenen Humboldt Forum im rekonstruierten Berliner Schloss Ausstellungen über die außereuropäischen Kulturen angeschaut oder die Museumsinsel besucht haben.

Ebenfalls fußläufig und ein beliebtes Fotomotiv ist der Alexanderplatz, der im Jahr 2050 mit einer ganzen Riege neu errichteter Hochhäuser aufwartet. In den nunmehr neun 130 bis 150 Meter hohen Türmen sind neben Hotels, Einzelhandel, Büros und Restaurants auch Hunderte Wohnungen entstanden, die aus dem Platz, der 2020 noch kaum Wohnzwecken dient, ein auch nach Ladenschluss belebtes Stadtviertel machen.

Neue Gartenstädte beleben den Stadtrand

Doch nicht nur in der Mitte, auch am Stadtrand hat sich viel getan: Auf der 70 Hektar großen Elisabeth-Aue im Bezirk Pankow sind 5000 neue Wohnungen unter dem Leitgedanken der „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“ entstanden. Rund 10.000 Menschen leben hier, für die vielen Kinder sind Kitas und Schulen errichtet worden, die Nachbarschaftstreffs und Sportplätze sind besonders am Nachmittag stark frequentiert, eine neue Tramlinie verbindet das Wohnquartier, das auf einem städtischen Acker errichtet wurde, mit der Innenstadt.

Unterdessen sind neue Arbeits- und Lebenswelten auch am alten Industriestandort Siemensstadt entstanden. Wie in der Urban Tech Republic wird hier im Umfeld des historischen Verwaltungsgebäudes gearbeitet, geforscht und vor allem auch gewohnt.

2018 hatte der Siemenskonzern Berlin als Standort für seinen Innovationscampus ausgewählt. Der Siegerentwurf für den Hauptbebauungsplan stammt von dem Architekturbüro Ortner & Ortner Baukunst. Nach dessen Plänen entstanden auf dem 100 Fußballfelder großen Areal rund 3000 Wohnungen, etwa ein Drittel davon als mietpreisgebundene Sozialwohnungen.

Neben den Forschungseinrichtungen und Produktionsstätten eröffneten auch ein Hotel, ein Studentenwohnheim sowie Kitas und Schulen. Wie es sich für einen Technologie-Konzern gehört, leben die Menschen im Quartier in sogenannten „Smart Homes“ und lassen sich von autonom fahrenden Shuttles in die benachbarten High-Tech-Fabriken fahren.

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Planer sind längst auf der Suche nach weiteren Flächenpotenzialen

Während die genannten Szenarien für Berlins Zukunft eine echte Chance auf Realisierung haben, weil sie teils bereits beschlossen oder sogar schon im Bau sind, hängen weitere Visionen, die die Nachverdichtung und teils auch die völlige Umnutzung – überwiegend von alten Industriequartieren – zum Ziel haben, von verschiedenen Faktoren ab: Von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung Berlins, der Entstehung weiterer Arbeitsplätze und nicht zuletzt dem Bevölkerungswachstum.

Davon allerdings gehen die Experten aus: Laut der aktuellen Senatsprognose vom August dieses Jahres wird die Bevölkerungszahl bis 2025 von derzeit 3,748 Millionen auf 3,888 Millionen Menschen wachsen – ein Zuwachs von rund 140.000, beziehungsweise rund 20.000 pro Jahr.

Ab 2025 soll dieser Trend dann aber um gut ein Viertel abflachen, auf nur noch rund 37.000 Menschen – 7000 pro Jahr. 2030 würden damit laut Prognose knapp vier Millionen Menschen in der Hauptstadt leben. Die Zuzügler brauchen Wohnungen, Platz zum Arbeiten und zur Erholung. Planer sind deshalb schon längst auf der Suche nach weiteren Flächenpotenzialen.

Ideen für die „Unvollendete Metropole“

Beim Internationalen Städtebaulichen Ideenwettbewerb Berlin-Brandenburg 2070, der im Juli dieses Jahres entschieden wurde und dessen Ergebnisse noch bis 3. Januar 2021 in der Ausstellung „Unvollendete Metropole“ im Kronprinzenpalais, Unter den Linden, gezeigt werden, sind solche visionären Vorschläge zu sehen.

Das Ziel des Wettbewerbs unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), den der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) ausgelobt hatte: Vorschläge für eine lebenswerte, stadträumliche Zukunft zu finden. Die 18 Entwürfe, die in die Endrunde kamen, sollen nun eine breite gesellschaftliche Debatte über die Zukunft der Metropolregion Berlin-Brandenburg in 50 Jahren anstoßen. „Anlass des Wettbewerbs, der sich an Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten gerichtet hat, ist das 100-jährige Jubiläum Groß-Berlins“, sagte AIV-Vorstand Tobias Nöfer.

Gefordert waren deshalb von den 18 Beiträgen nicht etwa die Darstellungen von Einzelgebäuden, sondern strukturelle Aussagen zu Stadt- und Freiraum, Städtebau, Nutzung, Verkehr und Bebauung. Die ausgewählten Entwürfe setzten sich dabei auch über das per Volksentscheid herbeigeführte Gesetz, wonach der Rand des Tempelhofer Feldes nicht bebaut werden darf, hinweg. „Wir schauen ja 50 Jahre voraus und sind in der Lage, da größer zu denken“, begründete Nöfer.

Bauen und mehr Grün sind kein Widerspruch

Trotz der Nachfrage nach freien Flächen, die sich bebauen lassen, wird das Berlin der Zukunft tendenziell sogar grüner werden. Davon ist zumindest der Berliner Architekt Christoph Langhof überzeugt, dessen „Upper West“ am Breitscheidplatz mit seinen 118 Metern zu den höchsten Gebäuden der Stadt gehört. Doch Berlin wird, um Platz zu sparen, künftig weit höhere Gebäude bekommen, die auf überdimensionierte und schlecht genutzten Verkehrsflächen entstehen, glaubt Langhof.

Rund um den S-Bahnhof Westkreuz und das Autobahndreieck Funkturm hat der Architekt Platz für „mindestens neun Hochhäuser mit einer Höhe von 150 bis 250 Metern“ ausgemacht. Diese sollen jedoch Kleingartenanlagen und Freiflächen völlig unberührt lassen. Aufgeständert auf Stelzen über und zwischen den Gleisen und Autobahnzubringern sollen die Hochhäuser ganz oben auf den Türmen eine neuartige Nutzung bekommen: Windfarmen, die gemeinsam mit den Fotovoltaikmodulen an den Fassaden wesentlich zur Gewinnung von Primärenergie für den Eigenbedarf beitragen sollen.

„Im Städtebau hinken wir den realen Erfordernissen hinterher, wenn Berlin bis 2050 CO2-neutral werden soll“, sagt Alexander Rieck vom Laboratory for Visionary Architecture (Lava) und Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Er setzt wie Langhof unter anderem auf die Nutzung von Wind. Von Lava stammt auch die Ansicht der Karl-Marx-Allee, in der die Gebäude ebenfalls mit Windkraftanlagen auf dem Dach ihren Energiebedarf selbst erzeugen, die Menschen auf der autofreien Straße flanieren.

Aktuell liegt der Grünflächenanteil in der Stadt bei lediglich zwölf Prozent, 2039 könnte er sich in einigen Bezirken der Stadt verdoppelt haben, ist eine weitere Vision der Morgenstadt-Initiative des Fraunhofer-Instituts, denn die alten Industriebrachen werden nicht nur neu bebaut. Das starke Interesse in der Bevölkerung am Urban Farming, der lokalen Nahrungsmittelherstellung für den Eigenbedarf, wird nach Ansicht der Forscher weiter zunehmen und dazu führen, dass etwa die Amateurgärten auf dem Tempelhofer Feld weiter ausgebaut und professionalisiert werden. Und eben auch die Gebäude selbst der Sehnsucht nach mehr Grün Rechnung tragen. „Die Natur muss in die Stadt kommen, schon um die Aufheizung der Stadt zu verhindern“, sagt Langhof.

Die Verdichtung ist der Stadt muss also nicht notwendigerweise mit einem Verlust an Freiräumen und Lebensqualität einhergehen. Zumal Experten der unterschiedlichsten Disziplinen, von Frauenhofer Institut bis zum Unternehmens- und Strategieberatungsunternehmen McKinsey, Berlin das Ende der Verbrennungsmotoren voraussagen. Die Fahrzeuge werden im Jahr 2050 elektrisch fahren und etwa an der Ampel per Induktionsschleifen im Asphalt aufgeladen.

„Auch das autonome Fahren wird sich im Jahr 2050 ganz sicher durchgesetzt haben“, sagt Alexander Rieck. Und weil Car-, Bike- und Roller-Sharing und der öffentliche Nahverkehr durch Digitalisierung 2050 besser vernetzt sind und Lieferdrohnen eingesetzt werden, wird der Individualverkehr abnehmen – und mehr Platz fürs Wohnen und Freizeitgestaltung bleiben.

„Der ganze Warenverkehr erfolgt nur noch über den Luftraum, denn der Boden ist viel zu kostbar, um ihn für Auto-Mobilität zu nutzen. Der Fußabdruck für das Gebaute ist meiner Vorstellung nach ziemlich klein, die Menschen bewegen sich vor allem in den Grünräumen“, schildert auch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ihre Vision in einer Videoaufzeichnung, die auf www.unvollendete-metropole.de und Youtube zu sehen ist.

Die Senatsbaudirektorin verweist darin auch auf die 16 neuen Stadtquartiere, etwa die Siemensstadt, das Schumacher-Quartier oder die Wasserstadt Oberhavel. Dort könnten neue Technologien und neue Erkenntnisse zum Thema Stadtentwicklung direkt umgesetzt werden. „Ich wünsche mir auch in der Politik den Mut, diese Zukunftschancen zu nutzen. Das hippe Berlin könnte so in fünfzehn Jahren die Vorzeigestadt des 21. Jahrhunderts werden“, so ihre Hoffnung.

Alle Teile der Serie "Wie wir in Zukunft wohnen" finden Sie HIER!