Ortsverein gegen Besitzer

Wirbel um das Funkhaus Grünau

„Vernachlässigung und Spekulation müssen sofort ein Ende finden!“ Ein Banner vor dem Denkmal sorgt für Streit. Was plant der Eigentümer?

Das denkmalgeschützte Funkhaus Grünau an der Regattastraße ist heruntergekommen. Der Ortsverein Grünau prangert den Eigentümer an.

Das denkmalgeschützte Funkhaus Grünau an der Regattastraße ist heruntergekommen. Der Ortsverein Grünau prangert den Eigentümer an.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Treptow-Köpenick. Wo früher einmal Aufnahmestudios waren, herrscht mittlerweile Funkstille – schon seit Jahren. Seit das denkmalgeschützte Funkhaus Grünau 2008 versteigert wurde und im Besitz eines Hamburger Eigentümers ist, lassen konkrete Pläne für den geschichtsträchtigen Backsteinbau an der Regattastraße 277 auf sich warten. Das um 1929 erbaute Haus am Wasser modert vor sich hin. Bäume wachsen aus dem Dach. Einige Menschen in Grünau bringt das auf die Palme.

Seit kurzer Zeit regt sich Protest gegen den Besitzer aus der Hansestadt. Der Ortsverein Zukunft in Grünau, der sich für viele Projekte einsetzt, auf Verkehrsprobleme hinweist und Geschichtliches aufarbeitet, hat vor allem die Baudenkmäler in seinem Ortsteil fest im Blick und schreibt im Internet: „Leider häufen sich die Ereignisse im Ort, bei denen Denkmale vernachlässigt und am Ende zerstört werden. Das hervorragende Beispiel der Architektur der Moderne, das Funkhaus Grünau, ist in Gefahr.“ Es müsse gerettet werden. Doch der Eigentümer lasse das Gebäude zerfallen „und die Untere Denkmalpflege Treptow-Köpenick schaut zu“.

Banner prangert Eigentümer an und nennt Handynummer

Vom Bezirksamt, genauer: von Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD), sei stets zu hören, man würde sich kümmern. „Aber vor Ort passiert nichts“, so der Verein. Auf eine Bürgeranfrage in der Bezirksverordnetenversammlung Ende August, wie denn das Funkhaus vor dem Verfall geschützt werde, hatte Hölmer gesagt: Das Gebäude werde ungefähr einmal jährlich durch die Untere Denkmalschutzbehörde besichtigt.

Streit gibt es jetzt um ein Transparent, das Ende Oktober am Zaun des Funkhauses angebracht wurde. Darauf heißt es: „Zwölf Jahre Vernachlässigung und Spekulation müssen sofort ein Ende finden!“ Auf dem Plakat wird der Eigentümer namentlich genannt. Dazu auch seine Handynummer. Rechtlich gesehen ist diese Methode nicht unproblematisch, möglicherweise könnte sie als Nötigung gewertet werden. Der Eigentümer wehrt sich jedenfalls per Anwalt und Abmahnung. Den Namen und die Handynummer musste der Verein vom Plakat entfernen.

„Eine solche Art und Weise kennt man in Hamburg nicht“

Wer ist der Eigentümer und was hat er mit dem Funkhaus vor, das auf dem schönen Grundstück an der Dahme liegt? Die Morgenpost hat den auf dem Plakat genannten Thomas Matzen aus Hamburg um Auskünfte gebeten. Am Telefon betont er zunächst: Er ist nur noch Senior. Sein Sohn Jan-Philipp leitet größtenteils die Geschäfte. Und Matzen selbst sei auch gar nicht der Eigentümer des Funkhauses – sondern eine gewisse Laho Landart GmbH. Mit dieser ist Matzen allerdings verwoben, wird im Impressum als geschäftsführender Gesellschafter genannt. Gekauft hatte das Funkhaus im Jahr 2008 die von Thomas Matzen aufgebaute Gruppe EHP (Erste Hanseatische Projektmanagement GmbH). Deren Geschäftsführer Paul Hahnert kümmert sich heute um die Fortentwicklung des Gebäudes.

Von Vorwürfen, die in Richtung Spekulantentum gehen, distanziert sich Thomas Matzen, der Professor für Wirtschaftswissenschaften ist und Ehrendoktor der TU Hamburg. Ein „Unding“ nennt er es, dass seine Handynummer veröffentlicht wurde. „Eine solche Art und Weise kennt man in Hamburg nicht.“ Die große Wut der Grünauer versteht Matzen nicht. Ja, er wisse, dass das Haus heruntergekommen sei. Eine Zeit lang, bis März 2018, habe man dort eine Gruppe junger Künstler beherbergt, es habe eine „wüste Partyszene“ gegeben. Aber er räumt auch ein: Es hätte schneller gehen können, man hätte das Gebäude schon eher entwickeln können. „Aber es liegt uns am Herzen“, beteuert Matzen.

Keine Gefährdung durch Öltank im Keller

Projektentwickler Paul Hahnert meldet sich ebenfalls per Telefon aus Hamburg. Er fragt sich, warum die Wogen bei diesem Objekt auf einmal so hoch gehen. „Uns ist daran gelegen, mit den Anwohnern zusammenzuarbeiten“, versichert er. Seine Vermutung ist, dass Interessen anderer Investoren an dem Grundstück eine Rolle spielen.

Im Dezember könnte es ein Treffen zwischen Ortsverein und ihm in Berlin geben; E-Mails waren zwischen den Parteien schon hin- und hergewandert. Noch ein Vorwurf der Grünauer steht im Raum, wie der Ortsverein schreibt: „Bei einer Begehung vor Ort wurde jetzt sogar Wasser im Ölheizungskeller im Trinkwasserschutzgebiet festgestellt. Es passiert weiter nichts.“ Dazu sagt Hahnert: „Ja, der Keller steht ab und zu unter Wasser. Aber der Öltank ist völlig frei und leer.“ Es gebe keine Gefährdung.

Nachnutzung muss mit Wassersport zu tun haben

Was genau aus dem Funkhaus werden soll, lässt er offen: „Wir haben noch kein Konzept, wir haben nur eine Ideensammlung.“ Das Korsett von Ideen ist allerdings eng, es gibt strenge Rahmenbedingungen. Aus dem Bezirksamt kommt die Erklärung: Das Objekt liege im Geltungsbereich des festgesetzten Bebauungsplans „Regattastraße“, der für das Grundstück ausschließlich eine Wassersportnutzung vorsieht. Man sei mit einigen Interessenten im Gespräch, sagt Hahnert. Konkretes könne er derzeit nicht vermelden.

Der Köpenicker SPD-Mann Robert Schaddach aus dem Berliner Abgeordnetenhaus würde sich mehr Begehungen mit dem Landeskonservator wünschen, um die Zerstörung der Denkmalsubstanz zu untersuchen, in er in den Kellerräumen und auf dem Dachboden vermutet. Ihn ärgert, dass hier nichts vorangeht. „Ein Denkmal erhält sich nicht von Worten, sondern von Taten, hier konnte ich bisher nichts bemerken“, so Schaddach.

Zum Funkhaus:

In der Denkmaldatenbank der Stadt Berlin findet sich das ehemalige Funkhaus übrigens unter dem Eintrag 09045637 als „Bootshaus“. Es war früher einmal des Wassersporthaus der Dresdner Bank und galt damals als größtes Rudersport- und Erholungsheim Deutschlands. Die DDR richtete darin 1951 ihre Rundfunkschule ein. Journalisten konnten hier Radiotechnik lernen. Für ein halbes Jahr arbeitete 1952 dort der Berliner Rundfunk. 1956/57 sendete von Grünau aus der „Freiheitssender 904“, den die SED „als oppositionelle Stimme in der bundesdeutschen Landschaft“ aufgebaut hatte. Seit der Wiedervereinigung gab es keine Nutzung mehr. Der letzte Eigentümer meldete 2007 Insolvenz an – 2008 wurde das Funkhaus schließlich bei einer Auktion für etwa 650.000 Euro versteigert.