Start-up

Berliner entwickelt neuartige Neurodermitis-Pflege

David Baumgarten probierte viele Cremes aus, um seinen Juckreiz zu lindern. Weil nichts half, bringt er nun selbst ein Produkt heraus.

Reflora-Gründer David Baumgarten: Neurodermitis ist ein Teufelskreis aus anhaltender Hauttrockenheit und Juckreiz. Eine neue Hautcreme soll nun Linderung bringen.

Reflora-Gründer David Baumgarten: Neurodermitis ist ein Teufelskreis aus anhaltender Hauttrockenheit und Juckreiz. Eine neue Hautcreme soll nun Linderung bringen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. David Baumgarten hat gelitten. Seitdem er 16 Jahre alt ist, stellt der Berliner immer wieder trockene Stellen auf seiner Haut fest. Dann muss er kratzen. Als einen „wahnsinnigen Juckreiz“ beschreibt Baumgarten das Leiden, das gemeinhin als Neurodermitis oder zu Neurodermitis neigende Haut diagnostiziert wird. Baumgarten selbst sieht die Krankheit als einen Teufelskreis an: Jucken und Kratzen bei anhaltender Trockenheit – so werde langfristig die Hautbarriere zerstört.

So wie David Baumgarten leiden Millionen Deutsche an Neurodermitis. Das Robert Koch-Institut (RKI) erhob letztmals zwischen 2014 und 2017 die Zahl der von Neurodermitis betroffenen Kinder. Demnach waren 14 Prozent aller Kinder mindestens einmal an dem sogenannten atopischen Ekzem erkrankt. Unter Erwachsenen liegt die Zahl bei etwa einem bis drei Prozent. Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) geht davon aus, dass jedes Jahr etwa zwei Millionen Kinder und 2,5 Millionen Erwachsene an Neurodermitis leiden.

Neurodermitis, Juckreiz, Haut-Probleme - lesen Sie auch:

„Reflora Skin“ ist seit Mitte September auf dem Markt

Auch David Baumgarten hat versucht, seinen Juckreiz zu bekämpfen. Für die weit verbreitete Krankheit existieren zahlreiche Cremes auf dem Markt. So richtig habe ihm in den vergangenen Jahren nie etwas davon geholfen, erzählt der 32-Jährige, der deshalb einen ungewöhnlichen Weg gegangen ist.

Gemeinsam mit einem Team aus Chemikern, Mikrobiologen und Hautphysiologie-Experten hat er an der Universität Potsdam in den vergangenen zwei Jahren eine eigene Formel für eine Hautcreme entwickelt. Das Kosmetikprodukt mit dem Namen „Reflora Skin Akutpflege Creme“ ist seit Mitte September im Online-Shop des jungen Unternehmens erhältlich. Mehrere Tausend Stück hat Baumgarten bei einem Lohn-Fertiger aus Süddeutschland produzieren lassen. 19,95 Euro kostet eine 50-Milliliter-Tube der Pflege.

Wie die Creme helfen soll

Das Produkt aus dem Hause Baumgarten ist eine sogenannte Akutpflege, also kein Produkt, das von den Betroffenen etwa über Monate genutzt werden sollte. Dann sollte man lieber zu einer Basispflege greifen. Die aber hat Reflora Skin noch nicht im Angebot. Die Neu-Entwicklung des Berliners sieht leicht bräunlich aus und lässt sich gut auf der Haut verteilen.

In der neuen Pflege arbeitet Reflora Skin unter anderem mit einem Bakterien-Extrakt. Dieses Lactobacillus Ferment sei ein gutes, inaktiviertes Bakterium. Es harmonisiere das Immunsystem der Haut, sagt David Baumgarten. Der Berliner hat sich intensiv informiert und fortgebildet in den vergangenen Jahren. Baumgarten, von Haus aus Kommunikationsexperte, fuhr unter anderem zu Mikrobiomkonferenzen in Amsterdam und San Francisco, tauschte sich dort mit Experten aus. In den USA, sagt er, sei man viel weiter als hierzulande. Dort wäre unter anderem auch die Hautpflege mit lebenden Bakterien erlaubt. In der Europäischen Union hingegen ist dieser Ansatz verboten.

Bei ersten Tests schnitt die Creme gut ab

Baumgarten aber hat erkannt, was es für eine gute, helfende Hautcreme bei Neurodermitis-Erkrankungen braucht. Gesunden Menschen gelingt es, die Bakterienlandschaft auf der Haut in Schach zu halten, dort herrscht also ein Gleichgewicht zwischen guten und schlechten Bakterien. „Bei Menschen wie mir fehlt gewissermaßen der Gegenspieler für die schlechten Bakterien, und das führt zusammen mit einer geschädigten Hautbarriere zu trockener und zu Neurodermitis neigender Haut“, erklärt der Berliner.

Baumgarten ist es nun gemeinsam mit einem Chemiker gelungen, die Stoffe zu finden, die das Immunsystem der Haut harmonisieren und wichtige Nahrungsbestandteile für nützliche Bakterien liefern. Für die Rezeptur hält er weiterhin selbst die Rechte. „Sie ist einzigartig“, sagt Baumgarten. Doch hilft sie tatsächlich?

Baumgarten verweist auf dermatologische Verträglichkeitstests mit 50 Probanden. Die Creme sei als „sehr gut“ bewertet worden. Allergien oder Rötungen als Folge der Anwendung habe man nicht festgestellt. Zusammen mit dem Bundesverband Neurodermitis stehe zudem in nächster Zeit noch ein weiterer Anwendertest an. Größere klinische Studien seien für das kleine Unternehmen hingegen aktuell einfach zu teuer, sagt der Reflora Skin-Gründer.

Kosmetik-Verband sieht Potenzial für junge, ideenreiche Gründer

Der Unternehmer muss sich auf dem Markt für Hautpflegeprodukte aber durchaus mit den großen der Kosmetikbranche messen. Beiersdorf oder Johnson & Johnson stellen weltweit millionenfach Cremes her – auch, um Neurodermitis zu lindern.

Nach Angaben des Verbands der Vertriebsfirmen Kosmetischer Erzeugnisse (VKE) seien vor allem im Beauty-Markt bereits sehr viele Marken vertreten. Das Segment sei daher von einem starken Verdrängungswettbewerb geprägt. „Das sollte aber niemanden mit einer guten Idee abschrecken – schließlich zeigt die Realität immer wieder, dass es zu schaffen ist, auch als Newcomer Einlistungs-Erfolge zu erzielen“, sagte VDE-Geschäftsführer Martin Ruppmann. Die Konsumenten, und hier insbesondere die junge Zielgruppe, sei zudem sehr offen für attraktive Neulancierungen.

Die Langlebigkeit von neuen Produkten auf dem Markt ist aber Ruppmann zufolge durchaus unterschiedlich. „Manchmal muss man auch Glück haben, weil ja auch gesellschaftliche Entwicklungen – wie beispielsweise der Trend zu Naturkosmetik oder der Hype um Beauty aus Korea – die eigene Marke beflügeln“, erklärt der Verbandschef. Gründer sollten sich den Markt gut anschauen, von anderen lernen, sich dann nicht abschrecken lassen und ihren eigenen Weg gehen.

Gründer setzt auf Transparenz – auch auf dem Beipackzettel

Reflora Skin setzt im Werben um Kunden vor allem auf Transparenz. Das zeigt auch der Beipackzettel der Creme. Baumgarten verspricht Klartext. Zu jedem einzelnen Inhaltsstoff ist daher eine Art Übersetzung vermerkt. Auch die Eigenschaft und Wirksamkeit wird erklärt. Das trage auch dem veränderten Bewusstsein der Menschen Rechnung. „Die Leute lassen sich nicht mehr abspeisen mit irgendwelchen Begriffen, die niemand versteht“, sagt David Baumgarten.

Auch Smartphone-Apps, mit denen sich Inhaltsstoffe vieler Produkte einfach aufschlüsseln ließen, seien zunehmend gefragter, so der Gründer. Baumgarten habe festgestellt, was viele Menschen eben nicht mehr in ihren Hautcremes wollten: Das seien etwa hautverschließende Inhaltsstoffe und sogar Mikroplastik oder auch Duftstoffe. In Produkten vieler Unternehmen fänden sich diese Bestandteile aber durchaus immer noch.

Einstieg eines Investors zunächst nicht geplant

David Baumgarten, der sich die ersten Schritte als Unternehmer über das sogenannte Exist-Gründerstipendium finanziert hat, will auch langfristig sein eigener Chef bleiben. „Was es heißt, trockene und neurodermitische Haut zu haben, habe ich selbst erlebt, ich hatte selber das Problem. Deswegen bedeutet mir das was, und ich will selbst bestimmen, was damit passiert“, sagt er mit Blick auf Reflora Skin. Den Einstieg eines Investors schließt er deswegen zunächst aus. Sein Geschäft könne organisch wachsen. Zudem gebe es andere Optionen wie etwa einen Bankkredit. „Da redet mir zumindest niemand rein“, so Baumgarten.