Corona in Berlin

Das sagen die Verlierer des zweiten Lockdowns

Diese sechs Gewerbetreibenden stehen wegen des Lockdowns vor der nächsten wirtschaftlichen Krise. Was sie befürchten - und hoffen.

Wirt Claudius Schmidt hatte erfolgreich gegen die Sperrstunde geklagt. Jetzt muss er wie alle Berliner Gastronomen ab Montag seine „100 Gramm Bar“ vollständig schließen.

Wirt Claudius Schmidt hatte erfolgreich gegen die Sperrstunde geklagt. Jetzt muss er wie alle Berliner Gastronomen ab Montag seine „100 Gramm Bar“ vollständig schließen.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Der bundesweite Teil-Lockdown kommt: Wegen der stetig steigenden Zahl der Coronavirus-Infektionen haben sich die Ministerpräsidenten der Länder bei einer Video-Schalte mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch auf weitreichende Beschränkungen des öffentlichen Lebens verständigt. Die Maßnahmen gelten ab Montag, 2. November 2020, bis zum 30. November 2020. Was sagen Gewerbetreibende in Berlin dazu? Wir haben uns umgehört.

Gastronom Uwe Schild fehlt das Verständnis

Uwe Schild (56), Inhaber der Restaurants „Schildkröte“ am Kudamm und „Tafelrunde“ in Wilmersdorf:

„Von Seiten der Gastronomen ist das Verständnis da. Allerdings ist der Nachweis, dass durch unsere Betriebe die Infektionszahlen in die Höhe getrieben wurden, nicht erbracht. Das steht in keinem Verhältnis. Die Hygienekonzepte haben Hand und Fuß und haben Geld gekostet. Damit, dass wir jetzt wieder geschlossen werden, können wir als Branche nicht umgehen.

In der „Schildkröte“ sind wir wegen der fehlenden Touristen derzeit sehr schmal. In der „Tafelrunde“ haben wir Bestellungen und Reservierungen gehabt, die jetzt alle wieder komplett wegbrechen werden. Wie im März müssen wir also wieder Umsatz weggeben, den wir gebraucht hätten.

Deshalb appellieren wir an den Staat, dass wir und alle anderen gastronomischen Betriebe dringendst Unterstützung brauchen. Die Mitarbeiter werden wir wieder komplett in Kurzarbeit schicken, um sie nicht in die Arbeitslosigkeit schicken zu müssen.“

Theaterchefin Anke Politz ist desillusioniert und traurig

Anke Politz (46), Leiterin des Chamäleon Theaters am Hackeschen Markt:

„Für das „Chamäleon“ ist der zweite Lockdown kräftezehrend, hart, desillusionierend und traurig. Eine herbe Enttäuschung. Wir wollten nach knapp acht Monaten unsere Türen kommende Woche wieder öffnen. Unser Team hat dafür monatelang ein Hygienekonzept entwickelt.

Niemand hat ein Interesse daran, dass die Infektionszahlen steigen. Wenn ein Wellenbrecher erforderlich ist, stehen wir als Teil der Gesellschaft dahinter. Die Veranstaltungsbranche hat bislang gezeigt, dass sie alles so sicher wie möglich macht und mit der Politik an einem Strang zieht. Trotzdem wird die Branche jetzt mit unverhältnismäßiger Härte getroffen. Menschen haben seit Monaten kein Einkommen mehr und sind quasi mit einem Berufsverbot belegt. Man straft auch alle ab, die sich um sichere Orte bemüht haben. Es gab keine Infektionen in den Theatern.

Seitens der Politik erwarte ich Perspektiven für die Branche und einen Dialog, der die Akteure an den Tische holt. Wir brauchen eine Form der Normalität. Kultur ist kein Luxus, sondern ein Grundnahrungsmittel, um Kraft zu schöpfen. Notwendig, um durch die nächste Zeit zu kommen. Daher müssen die Kulturbetriebe als wichtige Orte der Empathie geöffnet bleiben.“

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Hotelier Ragner Kilian glaubt, dass er pleite gehen wird

Ragner Kilian (53), Inhaber des „Hotels am Hermannplatz“ in Kreuzberg:

„Für mich ist das ein Genickbruch. Die Frage ist, ob ich das Hotel noch halten kann. Klar, wir dürfen Firmen aufnehmen. Aber da passiert ja gerade auch nichts. Das ist meine Existenz.

Ich habe mein „Baby“ schon seit 1996 und wollte eigentlich noch ein paar Jahre machen. Es sieht aber so aus, als müsste ich das Hotel zum Jahresende schließen. Wir kriegen zwar Kurzarbeitergeld, aber das geht direkt an die Mitarbeiter. Ich habe davon nichts. Miete, Gas und Strom laufen ja weiter.

Die Zuschüsse im Frühjahr, die für drei Monate reichen sollten, waren nach eineinhalb Monaten weg. Jetzt bieten sie 75 Prozent der Umsätze des Vorjahresmonats an. Das sind ja ganz schöne Zahlen, aber mir fehlen 100 Prozent. Gerade im Herbst sind die besten Monate, weil da viele Veranstaltungen sind. Es ist ja gar nichts mehr da. Mit dem Konto im Minus sagt dann irgendwann die Bank: ’Jetzt ist Schluss.’“

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Sportschulenchef Frommann trifft Lockdown frontal

Stefan Frommann, 54, Besitzer der Kampfsportschule Budo-Club Berlin in Reinickendorf:

„Die Kampfsportschule trifft dieser Lockdown frontal. Sie lebt von Monatsbeiträgen der Mitglieder. Bereits im Frühjahr sind viele Beiträge ausgeblieben, weil manche sie zurückgefordert haben. Aber es gab auch Menschen, die aus Solidarität weitergezahlt haben. Zum Glück haben auch viele Mitglieder gespendet, damit wir überleben konnten.

Ich befürchte aber, dass die Akzeptanz für einen erneuten Lockdown in der Bevölkerung abebbt. Viele sehen die Maßnahmen kritisch. Für uns geht es um die Existenz. Kommen keine Hilfen, 5000 Euro würden uns reichen, wäre das Worst-Case-Szenario, dass wir am Ende des Jahres schließen müssen. Obwohl wir uns an alle Regeln halten, müssen wir nun bluten.“

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Kosmetikerin Knuppertz muss Salons schließen

Lee Wah Knuppertz (35), Inhaberin der Kosmetiksalons „Just Relaxing“ in Lichtenberg und Steglitz:

„Dass ich schließen muss, ist natürlich schade. Aber sicher ist sicher. Und im April hat es auch geklappt, also warum dieses Mal nicht? Aber natürlich ist es doof für mich. Wenn ich keine Kunden behandele, bekomme ich kein Geld. Und einen Lieferservice wie ein Restaurant oder Homeoffice funktionieren in meinem Job nicht.

Wenn ich meinen Salon nicht öffnen darf, sitze ich einfach zu Hause. Mehr kann ich auch nicht machen. Und das ist natürlich traurig. Aber wenn dadurch die Zahl der Infizierten in den nächsten Monaten nicht weiter hoch geht, dann ist das für mich okay. Aber ich muss natürlich auch an das Finanzielle denken. Wenig Geld ausgeben, sparen. Aber im Lockdown kann man eh nicht viel machen.“

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Barbetreiber Schmidt zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Claudius Schmidt (32) Leiter der „100 Gramm Bar“ in Mitte:

„Die momentane Situation ist ziemlich schwierig für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiter. Ich fühle gerade Wut, Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Wir Gastronomen haben in den vergangenen Wochen so viel getan, um die geltenden Regeln einzuhalten. Und man hat auch festgestellt, dass wir nicht der Treiber der Pandemie sind. Da ist der Lockdown im November ein hartes Brot.

Wir haben uns gerade so über den Sommer von dem ersten Lockdown erholt. Doch dann kamen die Sperrstunde und das Alkoholverbot und jetzt eben die Schließung.

Dass bis zu 75 Prozent der Umsatzeinbußen aufgefangen werden sollen, hört sich nicht so schlecht an. Entscheidend wird sein, wie schnell das Geld kommt. Viele der Mitarbeiter leben auch vom Trinkgeld. Ich hoffe einfach, dass wir am 1. Dezember wieder öffnen können.“