Pandemie

Corona-Krise: Wie es Berlins Helden des Alltags heute geht

Die Helden des Alltags halten die Stadtgesellschaft trotz aller Schwierigkeiten am Laufen. Wir haben erneut mit ihnen gesprochen.

BVG-Busfahrer David Iliev

BVG-Busfahrer David Iliev

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Seit mehr als einem halben Jahr leben die Berliner wie alle Menschen auf der Welt in einer Art dauerhaftem Ausnahmezustand. Trotz des schwierigen und oft frustrierenden Alltags in der Corona-Krise mit seinen vielen Einschränkungen sorgen viele von ihnen dafür, dass die Stadt weiterhin weitgehend funktioniert: Sie helfen einander, übernehmen Verantwortung und achten mit Rücksicht aufeinander - weit über die so genannten systemrelevanten Berufe hinaus. Im Frühjahr hat die Berliner Morgenpost schon einmal mit einigen dieser Helden des Alltags gesprochen. Nun haben wir erneut nachgefragt, wie es ihnen ergangen ist.

Grit Nickelsen vom Kindernotdienst beriet auch Eltern am Telefon

Anrufe von Eltern, die Erziehungsprobleme haben, waren für Kindernotdienst-Mitarbeiterin Grit Nickelsen neu. Doch auch, wenn sowas nicht in den Bereich der akuten Kindeswohlgefährdung falle, habe sie versucht, sich die Probleme am Telefon anzuhören und die Eltern zu beruhigen. „Die Möglichkeit sich auszutauschen, ist für viele wichtig gewesen, da andere soziale Einrichtungen in der Zeit des Lockdowns schwerer zu erreichen waren“, sagt die 56-Jährige aus Köpenick. Mittlerweile habe sich die Situation beim Kindernotdienst für Nickelsen „glücklicherweise wieder reguliert“. Nachdem zunächst im Zuge der Schließungen weniger Meldungen vom Jugendamt, Schulen oder Kitas eingingen, sei die Zahl nun wieder etwa auf dem Vorjahresniveau.

Auffällig sei, dass seitdem vor allem die Fälle häuslicher Gewalt steigen; sie schätzt zehn bis 15 Prozent: „Weil die Familien lange auf engem Raum zusammen waren, sind mehr Konflikte und Krisen entstanden.“ Umso wichtiger sei es demnach für sie und ihre Kollegen gewesen, als Notdienst weiterhin arbeitsfähig zu bleiben. Dies erfordere eine noch höhere Einsatzbereitschaft aller Kollegen. Überstunden zu machen ist Nickelsen gewohnt. Viel mehr habe ihr der erschwerte Austausch mit den Kollegen zu schaffen gemacht: „Übergaben konnten wir in der Hochphase nur im Eins-zu-Eins-Prinzip machen, was den Informationsfluss erheblich erschwerte. Einige Sachen musste man zwei bis drei Mal erzählen.“ Positiv sei die große Unterstützung im Kollegium gewesen. Inzwischen blickt Nickelsen wieder besorgt auf die Lage: Ihre größte Befürchtung ist, dass erneut Hilfsangebote wegbrechen, Kitas und Schulen geschlossen werden: „Das darf sich nicht wiederholen.“

Post-Zustellerin Annett Krüger wurde zur Standortleiterin befördert

Im Frühjahr lieferte Annett Krüger für die Deutsche Post täglich mehrere Dutzend Briefe und Pakete in Berlins Nordosten aus. Das gehört allerdings mittlerweile der Vergangenheit an. Nun gilt es für die 38-Jährige, aus dem Büro heraus zu organisieren und zu planen. Denn nach einer Fortbildung stieg sie zur Standortleiterin des Zustellstützpunktes 51 in Reinickendorf auf. Damit ist sie für 34 Austrägerinnen und Austräger rund um die Residenzstraße verantwortlich. „Die ersten Tage habe ich schon gemerkt, dass es viel Verantwortung ist“, sagt Krüger. Aber der neue Job mache ihr viel Spaß, und sie sei optimistisch, dass sie sich schnell einarbeite.

Sie kümmere sich um alles, was anfalle: Dienstpläne, Krankmeldungen und die Unterstützung neuer Kollegen. Wie damals mache sie sich auch heute keine Sorgen wegen der Pandemie. „Es ist Alltag, mit Corona zu leben.“ Händedesinfektionsmittel und Masken hätten sie und ihre Kollegen routinemäßig dabei. Grundsätzlich werde Abstand gehalten und das Paket hingelegt, das sich der Kunde dann nimmt. Außerdem sei jedem klar, dass nicht mehr unterschrieben werden müsse, wenn man die Sendung entgegengenommen hat. Damit hätten zu Anfang besonders ältere Kunden Probleme gehabt.

Zu Beginn der Corona-Krise bestellten die Berliner deutlich mehr im Internet. „Im März und April war richtig viel zu tun“, sagt sie rückblickend. „Das hat sich jetzt wieder eingepegelt.“ Statt der 65 bis 70 Sendungen seien die Zusteller aktuell wieder bei 45 bis 50 angekommen. In der nächsten Woche starte allerdings bereits der Vorweihnachtsverkehr. Sollte es nun zu einem neuen Lockdown kommen, gelte „durchhalten, Mut fassen und nicht verzagen“.

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BSR-Mitarbeiter Sascha Dornbusch freut sich über positives Feedback der Berliner

Wer hätte gedacht, dass Sascha Dornbusch noch etwas überraschen kann in Zeiten dieser Pandemie – und seien es nur handschriftliche Zettel. Auf Müllplätze bedanken sich darauf Menschen für die Arbeit der Angestellten der Berliner Stadtreinigen (BSR): „So etwas kannte ich dann doch noch nicht“, gibt der 34-jährige Rudower zu. „Das nenne ich mal ein besonders positives Feedback.“ Schon zu Beginn des Lockdowns hatte der fröhliche Kraftfahrer mehr Anerkennung in der Bevölkerung gegenüber seinem Berufsstand gespürt. „Ich freue mich, dass es diese Wertschätzung und Solidarität gibt“, sagt er, „und natürlich, dass meine Lieben, meine Kollegen und ich bis jetzt gesund durch die Corona-Krise gekommen sind.“

Schade sei nur, dass der direkte Kontakt zu vielen Arbeitskollegen nach wie vor eingeschränkt ist. „Noch immer haben wir zeitversetzten Schichtbeginn, und viele steigen erst im Tourengebiet zu, um ein Aufeinandertreffen allzu vieler Mitarbeiter auf dem Betriebshof zu vermeiden.“ Immerhin könne man sich privat über WhatsApp oder firmenintern über die Beschäftigten-App myBSR austauschen. „Das ist aber natürlich nicht das Gleiche wie das gemeinsame Kaffeetrinken in der Kantine“, so Dornbusch. Das Arbeiten bei der Müllabfuhr ging ansonsten relativ normal weiter. „Die Leute haben anscheinend auch meinen letzten Appell in der Berliner Morgenpost ernst genommen“, freut sich Dornbusch. „Und mit ihrem Sperrmüll nicht mehr so häufig die Müllplätze in den Hinterhöfen zugestellt.“ Das habe seine Aufgabe enorm erleichtert. Ebenso wie das stetige Bereitstellen von Desinfektionsmittel und Hygienetüchern seitens seines Arbeitgebers – das sei nichtüberall selbstverständlich, meint er.

Trotz der steigenden Fallzahlen in Berlin und Deutschland sieht Dornbusch positiv in die Zukunft. „Der Großteil der Menschen hält sich meiner Einschätzung nach an die Regeln. Ich hoffe natürlich nicht, dass es zu einem zweiten Lockdown kommt.“ Einen Wunsch an die Berliner hat er: „Ich wünsche mir mehr Rücksichtnahme auf uns im Straßenverkehr. Wenn wir den Abfall in einer engen Straße laden, kann ich den Müllwagen nicht einfach weghexen. Da hilft auch keine laute Hupe hinter mir.“

Susanne Eding lieferte auch in Überstunden Lebensmittel mit ihrem 40-Tonner

Susanne Eding möchte, dass sich mehr Menschen für ihren Job begeistern. Lkw-Fahrerin mag für viele nicht nach einem Traumberuf klingen, noch dazu für eine zierliche 1,65 Meter große 24-Jährige. Sie sitzt aber sehr gern hinter dem Lenkrad eines 40-Tonners und schaut auf die Straßen und die Stadt herab. „Ich finde, es sollten sich noch viel mehr Frauen für den Job interessieren.“ Gerade während der Ausgangssperre im Frühjahr hat sie gemerkt, wie wichtig es ist, pünktlich Waren in die Märkte zu fahren – und jedem, der es nicht wusste, diesen Satz zu sagen: Die Lager sind voll.

Seit sie das erste Mal interviewt wurde, ist viel passiert. „Vor allem habe ich viel dazu gelernt“, sagt Susanne Eding, „und beende im Dezember meine Ausbildung.“ Sie lernt gerade für die letzten Prüfungen, und wenn sie die in der Tasche hat, dann verdreifacht sich endlich ihr Gehalt. Im Spätsommer ist sie nach Norwegen gereist, kämpfte sich dort durch die Berge und blickte auf die Fjorde hinab – dieses Mal nicht vom Sitz eines Lkws. Ihre Hündin Kira war auch dort mit dabei, die hätte sie nicht in ihrer Wohnung in Tempelhof lassen wollen. Diesen Urlaub hatte sie sich verdient, denn in den letzten Monat hat sie vor allem Überstunden angesammelt. „Es gab Tage“, sagt sie, „da habe ich morgens, abends und wieder morgens gearbeitet.“ Doch sie sah dies als Herausforderung an und hat mit ihrem Arbeitgeber das Gespräch darüber gesucht. „Ich konnte die angelaufenen Überstunden ausgleichen und bekomme sie inzwischen regulär bezahlt.“

Vor ein paar Wochen haben die neuen Auszubildende in ihrer Firma angefangen. Eding findet, es sind wieder zu wenig Frauen dabei, die sich den Job zutrauen. „Aber es ist gut, jetzt fertig mit der Ausbildung zu sein.“ Die Kollegen seien nett, und wie wichtig ein Job wie ihrer ist, hat sie in diesem Jahr gelernt. Selbst als die Straßen leer waren, fuhr sie jeden Tag mit ihrem vollen Lkw durch Berlin und belieferte Bio-Märkte in der Stadt mit Gemüse, Fleisch und – nein, kein Toilettenpapier. Das liefern andere. Bisher hatte sie noch nicht den Eindruck, dass irgendwo die Regale leer waren.

Therapeutin Marion Jager setzt auf Zusammenhalt

Die Krise kann erfinderisch machen. „Unsere selbstproduzierten Videos sind vielleicht nicht toll oder professionell“, sagt Marion Jager augenzwinkernd. „Aber wir versuchen leidenschaftlich, unsere Anwendungen zu den Menschen nach Hause zu bringen. Etwa zur persönlichen Nachbereitung.“ Perspektivisch kann sich die 52-jährige Physiotherapeutin in ihrer Praxis in Wilmersdorf daher durchaus Hybridveranstaltungen vorstellen, mit Patienten vor Ort und digital. „Wir haben einige Ideen“, sagt sie, „auch wenn sie sich finanziell nicht wirklich für uns lohnen.“ Das liege vor allem an den Krankenkassen, die die Videotherapie auch in kontaktlosen Zeiten nicht mehr finanzieren wollen: „Wir würden das aber gerne fortführen, wenn es denn geht.“

Mit den Kassen hat Jager derweil noch ein anderes Thema offen: „Wir sind nach wie vor ein systemrelevanter Beruf“, sagt sie, „aber freundschaftliches Klatschen und ein einmaliger staatlicher Rettungsschirm reichen nicht aus.“ Dass das Gesundheitssystem aufrechterhalten werden muss, ist allen gerade während einer Pandemie klar – nur dafür zahlen will wohl niemand. „Zum 1. Oktober hatten wir eigentlich grünes Licht für eine deutliche Preissteigerung und neue Rahmenverträge seitens der Regierung erhalten, um endlich wirtschaftlich arbeiten zu können“, so Jager. „Wegen der Blockadehaltung der Kassen muss nun in einem teuren Schiedsgerichtsverfahren darüber entschieden werden.“ Und das bei den ohnehin hohen Zusatzkosten für die Praxen, um die notwendigen Hygiene- und Sicherheitsstandards einhalten zu können.

Dass ihr Beruf für die Menschen wirklich wichtig ist, sieht sie dabei immer wieder. „Gerade für diejenigen, die im Homeoffice enormem psychischen Stress ausgesetzt sind, ist ein Termin bei uns vor Ort eine Erleichterung.“ An ihren Therapiehunden merke sie zudem, wie stark ihren Patienten in diesen Zeiten die körperliche Nähe fehle: „Vor allem ältere Mitbürger sind froh, die Tiere anfassen und sie auch einmal knuddeln zu dürfen.“ Nachdem Betroffene Anfang des Jahres noch regelrecht bei Ärzten um Folgeverordnungen für die Physiotherapie bitten mussten, käme es momentan aufgrund hoher Infektionszahlen allerdings vermehrt zu Absagen. „Die Angst steigt“, fühlt Jager.

Zudem sei die Verunsicherung bei einigen Anwendungen weiter groß. Etwa bei Kiefergelenksbehandlungen, bei denen die Maske abgenommen werden muss. Ansonsten habe sich die Praxis mit ihren Hygienestandards großes Vertrauen bei ihren Dauerpatienten erarbeitet. „Erst kürzlich haben wir uns zudem zusätzliche Luftreiniger für die kalten Monate angeschafft“, so Jager, die als Asthmapatientin selbst zur Risikogruppe gehört. Mit ihrer eingespielten Routine und dem vertrauten Team sieht sie daher erneuten Beschränkungen oder Teilschließungen im Winter optimistisch entgegen. Schließlich habe man auch den Lockdown im Frühjahr schon gut gemeinsam meistern können. „Trotzdem hoffe ich irgendwann einmal wieder auf einen normalen Umgang mit meinen Patienten.“

Erzieherin Franziska Kahl bedauert die verpasste Zeit mit den Kita-Kindern

Und plötzlich brauchen die Kinder keine Stützräder mehr. „Es war schon ein komisches Gefühl, einige der Kinder nach all der Zeit plötzlich selbstständig Fahrrad fahren zu sehen“, erzählt Franziska Kahl. „Irgendwie war es, als hätte man eine sehr intensive Entwicklung mit ihnen verpasst.“ Die 30 Jahre alte Erzieherin, die in der Kita Gartenstraße des Eigenbetriebs Kindergärten City in Mitte arbeitet, hat trotz des eingeschränkten Notbetriebs versucht, den Kontakt zu den 13 Kindern ihrer Bezugsgruppe zu halten. Mit Postkarten und Anrufen, und zwar nicht nur zu Geburtstagen. „Ich wollte schließlich wissen, wie es ihnen geht, und habe sie sehr vermisst“, erzählt sie.

Durch die Öffnung des Notbetriebs für immer mehr Berufsgruppen stieg die Zahl der in der Kita betreuten Kinder ab Mai wieder an: Während anfangs nur zwei bis sieben Kinder betreut wurden, kamen ab Mai von Woche zu Woche mehr Kollegen und Kinder zurück in die Kita. So wuchs die Zahl der betreuten Kinder pro Erzieher von fünf auf acht und schließlich auf zehn, verteilte in zwei Schichten am Vor- und am Nachmittag. „Erst ab Juli hatten wir dann unsere früheren Bezugsgruppen zurück.“

Nach wie vor ist der Kita-Alltag geprägt von strengen Hygieneregelungen – nicht leicht einzuhalten mit kleinen Kindern, für die das Abstandhalten von anderen Menschen unverständlich ist. Die Eltern dürfen ihre Kinder nur kurz mit Maske und unter Wahrung des Abstands in die Kita bringen und abholen. Die Gruppen sind weiterhin klar voneinander getrennt, eine Durchmischung auf den Etagen, in den Bädern und im Garten wird strikt vermieden. „Aber wir versuchen, ihnen den Alltag trotzdem so normal und ablenkend vom Virus wie möglich zu gestalten.“

Die Freude der Kinder, endlich wieder in der Kita zu sein, war dabei kaum zu übersehen. Deswegen fürchtet die Erzieherin die negativen Folgen für die Kinder, sollte erneut eine Teilschließung der Kitas angeordnet werden: „Ich hoffe ehrlich, dass es nicht dazu kommt.“

Arzthelferin Cornelia Gotthardt schöpft aus der Dankbarkeit der Patienten Kraft

Von einer wiedereinkehrenden Normalität kann in der Allgemeinarztpraxis von Ilker-Akgün Aydin in Charlottenburg nicht die Rede sein, sagt Arzthelferin Cornelia Gotthardt. „Seit Corona ist es einfach deutlich mehr Arbeit geworden, die von uns bewältigt werden muss“, sagt die 54-Jährige. Auch wenn in den Sommerwochen der Andrang zunächst ein wenig abflaute, stieg die Anzahl der Corona-Patienten mit dem Ende der Sommerferien erneut rasant an.

Jetzt beginnt auch noch die Grippesaison, die neben den Grippeschutzimpfungen noch mehr Patienten mit Erkältungssymptomen in die Arztpraxis treibe. Allein an einem Vormittag würden mehr als hundert Patienten zur Sprechstunde die Praxis aufsuchen, Termine müssten sie mittlerweile mindestens eine Woche im Voraus vereinbaren. Cornelia Gotthardt ist deshalb jeden Tag von 7.30 Uhr bis 18 Uhr in der Praxis. Manchmal müsse sie auch in ihrer Pause Sachen vor- oder nachbereiten, um die Arbeit zu bewältigen, sagt sie. Gerade die Infektionssprechstunden seien meist „brechend voll“, teilweise müssten einige Patienten sogar an andere Praxen verwiesen werden. Ihren Sommerurlaub, eine Woche auf der Insel Usedom, habe sie daher dringend gebraucht. Glücklicherweise habe sie einen motivierenden Chef und eine Familie, die viel Verständnis dafür habe und sie unterstütze. Anders wisse sie auch nicht, wie sie mit der enormen Belastung umgehen solle. „Ich hoffe einfach, dass es irgendwann auch wieder besser wird – die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zum Schluss.“

Die Kraft, um weiterhin jeden Tag für die erkrankten Menschen da zu sein, schöpfe sie auch aus der enormen Dankbarkeit der Patienten. Denn davon habe sie in den letzten Monaten besonders viel erfahren. „Wir bekommen viele liebe Worte zu hören, einige bringen uns sogar manchmal einen Kaffee mit. Das gibt einem natürlich sehr viel“, sagt die Arzthelferin. Enttäuscht ist Gotthardt hingegen von vielen Politikern. „Von Anerkennung habe ich jedenfalls noch nichts bemerkt.“ Dass sich daran etwas ändern werde, glaube sie nicht. Angst vor der zweiten Corona-Welle habe sie jedoch nicht. „Ich habe mich schon seelisch darauf vorbereitet. Gemeinsam sind wir stark.“

Streit um die Maskenpflicht erlebt Busfahrer David Iliev auf vielen Fahrten

Mit seinem Bus der Linie 110 kommt David Iliev auf den Betriebshof an der Hertzallee gefahren. Bis auf wenige Sekunden hat er seine Runde pünktlich beendet. Sofort kommt Iliev aus dem Bus. Nur neun Minuten Zeit hat der Busfahrer der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), dann muss er schon wieder auf die nächste Fahrt zum U-Bahnhof Oskar-Helene-Heim. Trotz des Stresses im Dienst verliert Iliev sein Lächeln nie. Das ist ihm auch in den vergangenen Monaten der Corona-Pandemie nicht abhandengekommen.

Als Busfahrer hat er den zwischenzeitlichen Lockdown auf den Straßen und in seinem Bus deutlich wahrgenommen. „Es ist ruhiger gewesen vor einigen Monaten. Es war ein entspannteres Arbeiten. Jetzt hat es wieder deutlich zugenommen. Es gibt wieder mehr Fahrgäste, mehr Autos auf der Straße. Das merkt man schon definitiv. Es ist wieder alles hochgefahren.“ Das bedeutet auch für ihn mehr Stress auf seinen täglichen Fahrten.

Die Diskussion um die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr bekommt er täglich in seinem Bus mit. „Viele halten sich daran, aber nicht alle. Aber ich kann dann nicht mehr als eine Ansage machen.“ Eigentlich kommt die Ansage vom Band. Immer wieder käme es zu Streitereien, weil sich Fahrgäste weigerten, Masken zu tragen. „Ich höre von vielen Kollegen, dass schon lautstark diskutiert wird zwischen den Fahrgästen.“

Umso besser findet er den strikten Umgang der BVG mit dem Thema. „Intern sind wir auch sehr streng wegen Corona. Wir müssen überall Masken tragen und Abstand halten. Darauf wird sehr geachtet, da ist die BVG schon sehr hinterher.“ Und Iliev fährt schon einen Bus mit den neuen Glasscheiben: „Die neue Scheibe ist super.“

Annette Katz half mit Lieferungen der Tafel – nun musste sie in Quarantäne

Das Coronavirus hat Annette Katz ausgebremst. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Berliner Tafel musste sich bis Sonnabend vorsorglich in häusliche Quarantäne begeben. Sie hatte bei einem Essen mit Freunden Kontakt zu einer Person, die positiv auf das Virus getestet worden ist. Sie selbst zeigte aber keine Symptome „Mir geht es den Umständen entsprechend gut“, erzählt sie im Telefongespräch.

Vor rund einem halben Jahr traf die Morgenpost Katz zum ersten Mal. Es war der Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland. Die Tafel hatte sämtliche Ausgabestellen in den Bezirken geschlossen und auf einen Lieferdienst umgestellt. Die 59-Jährige packte zu dieser Zeit drei bis vier Mal in der Woche Lebensmitteltüten in der Halle der Berliner Tafel am Großmarkt in Moabit. Sie koordinierte die Lieferungen und lernte neue freiwillige Helfer an. Sie zeigte ihnen, was sie beachten müssen: Mundschutz und Handschuhe tragen, häufiger Hände waschen und Abstand halten.

Zuletzt hatte sie ihr Arbeitspensum aber etwas heruntergefahren. Statt vier Tage half sie zwei oder drei Tage in der Woche. „Ich wollte auch ein bisschen mehr Zeit für mich haben“, sagt sie. „Die Arbeit bei der Tafel ist auch anstrengend.“ Nach der Quarantäne will sich Annette Katz aber wieder engagieren. „Das Virus war für mich nie wirklich weit weg“, sagt sie. Mittlerweile habe die Berliner Tafel den Lieferdienst reduziert und habe die meisten Ausgabestellen wieder geöffnet – dort will sie künftig helfen. „Es ist wichtig, dass die Ausgabestellen nicht schließen müssen“, sagte Katz. Dort komme sie auch mit den hilfsbedürftigen Menschen in Kontakt und könne erfahren, was sie wirklich benötigen.

Bernd Siggelkow half mit Arche-TV den Familien im Lockdown

24 Stunden am Tag erreichbar sein, um für die Familien in brenzlichen Situationen da zu sein, ist für Bernd Siggelkow, dem Gründer des christlichen Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“, eine Selbstverständlichkeit. Auch mitten in der Nacht hätten ihn schon Eltern verzweifelt angerufen, weil sie weder ein noch aus wussten und Hilfe brauchten. „Mich kann man immer anrufen, auch in der Nacht“, sagt der 56-Jährige aus Hellersdorf. „Ich bin glücklich, wenn mich die Eltern anrufen. Denn schlimm wäre es, wenn sie nicht anrufen würden.“

Die Corona-Krise hat in den letzten Monaten die Arbeit in der Arche für Siggelkow und sein Team komplett verändert. Um auch trotz der vorübergehenden Schließung der Einrichtungen weiterhin für die Familien da sein zu können, haben sie schnell reagiert und über Nacht eine „virtuelle Arche“ aufgebaut. Dort haben die Pädagogen am Bildschirm Kinder etwa bei ihren Hausaufgaben betreut. Jeden Tag haben sie zudem einen Livestream gesendet, mit dem sie für die Familien Quizshows oder andere Sendungen wie Kuchenbacken angeboten haben: „Damit wollten wir die Situation zu Hause etwas entspannen und vor Gewalt schützen.“ Das sei so gut angekommen worden, dass Siggelkow an Arche-TV festhalten will. Hinzu komme, dass es in den Archen im Moment so viele Neuanmeldungen gebe, dass die Kinder nicht mehr jeden Tag kommen könnten.

Gerührt war Siggelkow über die enorme Dankbarkeit, die er in der Zeit erfahren habe. Einmal hatten Kinder zum Beispiel einen ganzen Tag lang Pfandflaschen gesammelt und wollten das Geld der Arche spenden, berichtet Siggelkow. „Das waren sehr schöne Momente, die mir in Erinnerung bleiben.“