Verluste

Berliner Unterwelten droht die Insolvenz wegen Corona

Zuerst der Lockdown und dann verschärfte Hygiene-Auflagen: Die Geschichts-Erklärer von Berliner Unterwelten kämpfen ums Überleben.

Am U-Bahnhof Gesundbrunnen: Luftschutzbunker auf mehreren Etagen.

Am U-Bahnhof Gesundbrunnen: Luftschutzbunker auf mehreren Etagen.

Foto: Holger Happel

Es ist eine der fesselndsten Möglichkeiten, von der Historie der Stadt, von Zweitem Weltkrieg, Kaltem Krieg, Teilung und Flucht zu erfahren. Trotzdem droht den Geschichts-Erklärern von „Berliner Unterwelten e.V.“ Ende des Jahres die Insolvenz. Denn die Schließung wegen Corona und die folgenden Hygiene-Auflagen haben bei dem rein privat finanzierten Verein für den Verlust sechsstelliger Rücklagen und einen Einbruch gesorgt, den es nun zu verkraften gilt. Doch trotz eilig aufgelegter neuer Angebote sieht die Zukunft der Unterwelten düster aus. „Das Geld reicht bei einem weiteren Lockdown nur noch bis Jahresende“, sagt Sascha Keil, Beauftragter des Vorstands.

Ein Besuch der aktuell genutzten zehn historischen Orte der Stadt gehört für Touristen, Schulklassen, Familien zum Berlinprogramm. 360.000 Besucher kamen 2019 zu den derzeit neun Führungen, etwa zu der Flakturmruine im Volkspark Humboldthain, dem Luftschutzbunker Gesundbrunnen und dem sogenannten Mutter-Kind-Bunker im ehemaligen Gasometer an der Kreuzberger Fichtestraße. „In diesem Jahr werden es dagegen nur 120.000 sein“, sagt Keil, der auch Betriebsleiter im Fichtebunker ist. Denn während die Nachfrage groß blieb, musste der Verein die Teilnehmergruppen reduzieren.

Feste Mitarbeiter wurden fast vollständig auf Kurzarbeit gesetzt

„Als der Lockdown kam, waren binnen zwei, drei Monaten 300.000 Euro von unseren Rücklagen aufgebraucht, die wir über viele Jahre angesammelt hatten.“ Wie Ladenbetreiber und Gastronomen wurden die fortlaufenden Kosten schnell zur Existenzgefährdung. Denn auch der 1997 gegründete Verein mietet oder pachtet seine Geschichtsorte. Nahezu 100 Prozent der fest angestellten Mitarbeiter wurden auf Kurzarbeit gesetzt. Noch bei Herbstbeginn hatte der Verein 50.000 bis 60.000 Euro weniger Einnahmen als Ausgaben pro Monat.

„Die BVG, deren Atombunker an der Pankstraße wir nutzen, kam uns sehr entgegen. Für den Fichtebunker, der monatlich 4000 Euro Miete kostet, räumten uns die privaten Vermieter dagegen nur eine Stundung ein“, sagt Keil. „Das muss nachgezahlt werden.“ In diesem Monat rechnet der Verein mit einer Unterdeckung der laufenden Vereinskosten von 20.000 Euro.

Die „Berliner Unterwelten e.V.“ versuchte gegenzusteuern. Statt in abschreckend engen Räumen zu bleiben, ging es ab dem Pfingstwochenende zu einer neuen Tour ins Freie. Die Sonderführung „Ein Park im Wandel der Zeit – eine oberirdische Spurensuche im Humboldthain“ verbindet seitdem unterirdische Bauten, Industriegeschichte, Zerstörung und Neugestaltung des Volksparks.

„Berliner Unterwelten e.V.“: Drohende Insolvenz abwenden

Die Zahl der 200 Mitarbeiter wurde halbiert, indem man sich von den Freien trennte. Die 530 Mitglieder wurden zu Spenden aufgerufen. Werbeflächenvermieter boten kostenlos Digitalwände am Bahnhof Friedrichstraße und im Sony Center an. Online wurde um Unterstützung gebeten. Der Verein musste im Eiltempo lernen, eine Öffentlichkeit zu erreichen, die in den Jahrzehnten zuvor von selbst gekommen war. „Die Krise ist“, räumt Keil ein, „zum Beschleuniger dafür geworden, dass wir uns stärker digitalisieren, unser Angebot auch im Netz ausbauen.“

Beispielsweise bezieht der Verein jetzt stärker seine weiter entfernt lebenden Mitglieder ein, indem die wöchentlich in Berlin stattfindenden Expertenvorträge nun auch online zu sehen sind. „Wer bislang aus Hamburg, München oder Indonesien seinen Beitrag schickte, bekommt nun etwas dafür zurück“, sagt Keil. Überstehen die Unterwelten Corona, prophezeit er, könne der Verein sogar gestärkt aus der Krise gehen.

Drei Förderanträge bei Land und Bund haben die Berliner Unterwelten gestellt. Ein erster war im Frühjahr abgelehnt worden. Aus formellen Gründen und weil da noch zu viel Erspartes in der Vereinskasse war. Unterstützung gab es vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Der SPD-Verordnete Frank Vollmert brachte in der September-Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einen Dringlichkeitsantrag ein, der per Abstimmung dann beschlossen wurde. Das Bezirksamt erhielt den Auftrag, sich gegenüber Senat und Kultursenator zügig für die beantragte Überbrückungshilfe durch die Investitionsbank Berlin einzusetzen, um eine drohende Insolvenz abzuwenden.

Gegen Corona: Luftfiltersystem im Bunker

Zehn Tage später traf bei den Unterwelten die Genehmigung ihres Antrags ein. Keil sagt, der Verein vermute, dass der Dringlichkeitsantrag im Bezirk die Bearbeitung des Förderantrags beschleunigt habe. 112.000 Euro stehen nun zur Verfügung. Miete, Personal und die technische Aufrüstung, etwa in Luftfiltersysteme werden so finanziert. „Bis Ende des Jahres halten wir damit durch“, sagt Keil. Aus dem Fond „Neustart Kultur“ von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erhofft man sich 56.000 Euro. Wichtige summen, sagt Keil„bis unsere Geschichtsorte durch verbesserte Belüftung, Filter etc Corona fest gemacht sind und ein wirtschaftlicher Betrieb aus eigener Kraft wieder möglich ist!“

Der auf die Präsentation unterirdischer Enge ausgerichtete Verein muss nun mit seinem Programm zu Orten aufbrechen, in denen es schlicht mehr Luft zum Atmen gibt. Neben dem Hochbunker Pallasstraße ist ab dem kommenden Monat eine Exkursion im Veranstaltungsplan, die bislang Vereinsmitglieden und Seminarteilnehmern vorbehalten war. Sie ist angelehnt an die Dauerausstellung des Berliner Unterwelten-Museums am Gesundbrunnen zu Adolf Hitlers und Albert Speers Plänen für eine neue Hauptstadt „Germania“.

Reste von Nazi-Hauptstadt Germania

Ab November gibt es Führungen unter den Tiergarten. Dort befindet sich ein mehrspuriger Auto-Tunnel, der zu einem geplanten Verkehrssystem gehört, das zudem eine U-Bahnlinie von Lübars nach Marienfelde ermöglichen sollte.

„Die Zeit erfordert von uns Kreativität“, sagt Keil. „Was wir zeigen, ist nicht variabel, nichts mit Wänden, die man eben mal herausnehmen kann oder Ausstellungsflächen, die sich verbreitern lassen.“ Was die Mitarbeiter zudem umtreibt ist die Frage, wie man mit einem erneuten Ernstfall umginge. „Seit Wochen zerbrechen wir uns den Kopf, wie wir bei einem zweiten Lockdown reagieren“, sagt Keil. Alle Hoffnung richte sich daher auf weitere öffentliche Mittel, die auch in Zukunft eine Darstellung der Berliner Vergangenheit sichern würden.