Gesundheit

Berlins Amtsärzte fordern Umsteuern in der Corona-Pandemie

Wenn es zu viele positive Tests gibt, kommen die Gesundheitsämter nicht mehr hinterher. Sie schlagen deswegen eine andere Strategie vor

"Wir sind am Anschlag unserer Kapazitäten." - Kontaktverfolgung in Berlin-Neukölln

Der stellvertretende Bürgermeister von Berlin-Neukölln Falko Liecke beschreibt die Lage der Kontaktverfolgungen in seinem Stadtteil. Über 180 Neuinfektionen jeden Tag. "Wir sind am Anschlag mit unseren Kapazitäten."

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Berlins Amtsärzte haben Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) zu einem Umsteuern bei der Pandemie-Bekämpfung in der Hauptstadt aufgefordert. In einem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, fordern sie eine Konzentration der Gesundheitsämter auf Risiko-Gruppen. Menschen, die sich selbst schützen könnten, sollten dagegen mehr Eigenverantwortung übernehmen. Mit dieser Strategie könne ein erneuter Lockdown möglicherweise verhindert werden.

In Berlin sind die Infektionszahlen in den vergangenen Tagen deutlich angestiegen - es gab fast 1000 registrierte Ansteckungen mehr als am Vortag. Am stärksten betroffen waren die Bezirke Mitte und Neukölln.

"Die Gesundheitsämter fokussieren ihre Testungen auf symptomatische Personen und betroffenes medizinisches Personal sowie auf vulnerable Gruppen", heißt es in dem Schreiben aller Amtsärzte. Dadurch werde Personal für den Schutz von Menschen mit diversen gesundheitlichen Risiken, Bewohner in Alten- und Pflegeheimen und von medizinischem Personal frei. So könne es gelingen, dort zeitnah Fälle und Kontaktpersonen zu ermitteln und Infektionsketten durch gezielte Maßnahmen zu unterbrechen.

"Das heißt, dass wir uns zum Beispiel mit Mann und Maus auf einen Ausbruch in einer Pflege-WG stürzen, weil sich die Bewohner dort nicht selbst schützen können", sagte Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Das heiße nicht, dass die Gesundheitsämter andere Fälle sausen ließen. Es sei aber zumutbar, dass positiv getestete gesunde Menschen sofort zu Hause blieben und ihr direktes Umfeld selbst informierten. Das gehe im Zweifelsfall auch schneller, zum Beispiel über soziale Medien.

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Neukölln und Mitte haben Allgemeinverfügungen erlassen

Kalayci hatte am Mittwoch in einem rbb-Interview bereits ähnlich argumentiert. Bei 190 positiv getesteten Fällen je 100.000 Einwohner sei klar, dass man nicht jedem einzelnen positiven Fall oder Kontaktpersonen so schnell hinterherlaufen könne, sagte sie. Neukölln und Mitte hätten ganz innovativ Allgemeinverfügungen auf den Weg gebracht, um die Verfahren zu vereinfachen.

"Jeder, der weiß, dass er positiv ist, hat sich in Selbstisolation zu stecken. Ich geh also nicht raus und ich warte nicht, bis das Gesundheitsamt bei mir vor der Tür steht", sagte Kalayci. Und wenn Bürger wüssten, dass sie Kontakt mit jemandem hatten, der positiv ist, dann hätten sie sich selbst in Quarantäne zu begeben und nicht zu warten, bis ihnen das amtlich jemand sagt.

Die Amtsärzte vermissen allerdings bisher, dass die Senatorin das auch der Bevölkerung so eindeutig sagt - und kritisieren ihre Fokussierung auf einen drohenden Lockdown.

Bundesweit können mehr als 20 Städte und Kreise bei steigenden Infektionszahlen eine Nachverfolgung aller Fälle nicht mehr vollständig garantieren - oder befürchten das für die nächsten Tage. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, rief die Gesundheitsämter am Donnerstag zum Durchhalten auf. Sie müssten jede Anstrengung auch unter diesen Umständen aufrechterhalten und dürften nicht aufgeben. Sie sollten weitermachen "nach bestem Wissen und Gewissen". Eine Änderung dieser Eindämmungsstrategie sei in der Pandemie nicht ratsam.