Museumsinsel

Angriffe bringen die Museumsleitung in Erklärungsnot

Unbekannte haben am 3. Oktober 63 Kunstwerke auf der Museumsinsel beschädigt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Christina Haak, Stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, äußert sich bei einer Pressekonferenz

Christina Haak, Stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, äußert sich bei einer Pressekonferenz

Foto: Maurizio Gambarini / Funke Fotoservices

Berlin. An diesem Morgen läuft der Betrieb im Pergamonmuseum auf der Museumsinsel wie an anderen Tagen auch. Besucher kaufen Tickets, zeigen ihre Online-Tickets vor und holen ihre Audioguides an der Information ab. Vor dem Eingang zum Museum scannt ein Mitarbeiter die Eintrittskarten. Hinweise, dass sich hier laut „Zeit“ einer „der umfangreichsten Angriffe auf Kunstwerke und Antiken in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands“ abgespielt hat, gibt es nicht. Das findet man als Besucher nur durch genaues Hinschauen oder Nachfragen bei den Mitarbeitern heraus. Unbekannte hätten während der Öffnungszeiten am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, eine ölhaltige Flüssigkeit auf Kunstwerken in mehreren Museen verteilt, erklärte das Landeskriminalamt (LKA) am Mittwoch. Am Eingang des Pergamonmuseums wurde unter anderem die Skulptur eines Fürstenpaares aus dem neunten Jahrhundert vor Christus beschädigt. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie viele Objekte sind betroffen?

Laut Polizei geht es um 63 Objekte , die am 3. Oktober von dem Angriff betroffen seien. Sie gehören zu vier Sammlungen der drei Häuser Pergamonmuseum, Neues Museum und Alte Nationalgalerie.

Wie konnte eine Tat in dieser Größenordnung passieren?

Die Attacke deute nicht auf eine langfristig geplante oder technische versierte Aktion hin, hieß es. Vielmehr wirke es so, sagen Insider, als habe jemand mit geringem technischen Aufwand die Kunstwerke bespritzt. Für Berlin ist es trotzdem ein harter Schlag, nachdem Ende März 2017 eine wertvolle Goldmünze aus dem Bode-Museum gestohlen wurde. Die Debatte um Sicherheit in deutschen Museen wurde noch einmal schärfer geführt, als aus dem Dresdner Grünen Gewölbe vor einem Jahr mehrere wertvolle Juwelen gestohlen wurden. Am Sicherheitskonzept in den Berliner Museen wurde offenbar noch zu wenig verändert.

Wie sehen die Schäden aus?

Am Sarkophag des Propheten Ahmose im Neuen Museum ist es am besten zu erkennen. Die ungefähr 1,80 Meter hohe Kalkstein-Skulptur hat in Hüfthöhe einen Fleck, der sich deutlich abhebt. Wegen des hellen Steins wird es schwierig sein, diesen Fleck wieder unsichtbar zu machen. Beim „Sarkophag des Meriti“ hingegen ist er kaum noch zu erkennen. Er ist älter als 3000 Jahre, und der Rosengranit ist ein dunkles Gestein, der ohnehin bereits mehrere Flecken hat. Die Beschädigungen seien oberflächlich und insgesamt überschaubar. „Manche mussten wir mit der Taschenlampe suchen“, sagt ein Museumsmitarbeiter der Berliner Morgenpost.

Um was für eine Flüssigkeit hat es sich gehandelt?

Nach Informationen der Berliner Morgenpost soll es sich um Öl handeln. Mehr wollten weder Polizei noch Museumsmitarbeiter sagen. Das sei „Täterwissen“. Die Flüssigkeit wurde in einer Höhe von einem bis 1,50 Meter verspritzt.

Wie schwer sind die Schäden?

Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin der Museen, spricht vom „umfangreichsten Schaden an den Objekten“ ihrer Museen. Die Ägyptologin Friederike Seyfried steht neben ihr und ist sichtlich erschüttert. „Für uns ist das eine sehr, sehr schmerzliche Erfahrung.“ Seyfried sagt, dass es nach dem Beginn der Corona-Pandemie immer wieder zu Vandalismus rund um das Museum gekommen sei, aber jetzt habe jemand die musealen Objekten angegriffen. „Das sind alle meine Kinderchen“, sagt sie über diese Objekte.

Lässt sich der Schaden beziffern?

Einen Wert kann die Ägyptologin Seyfried nicht angeben. „Unbezahlbar“, sagt sie. Vize-Generaldirektorin Haak sagte, dass die Ernst-von-Siemens-Stiftung unbürokratisch bis zu 100.000 Euro als Soforthilfe zugesagt hat.

Lässt sich der Schaden beseitigen?

Ja. Seyfried sagt, dass mit „Erste-Hilfe“-Maßnahmen schon einige Spuren fast vollständig beseitigt werden konnten. Aus dem Museum ist zu hören, dass ein ägyptischer Sarkophag aus der Spätzeit, also dem ersten Jahrtausend vor Christus, „mehr überstanden hat als eine Attacke mit einem öligen Schadstoff“. Ebenso gilt dies für die Skulpturen aus Tell Halaf im Pergamonmuseum.

Was ist über den Täter bekannt?

Ein Bekennerschreiben ist bisher nicht aufgetaucht. An Mutmaßungen auch im Zusammenhang mit der deutschen Anti-Corona-Bewegung wollte sich die Polizei am Mittwoch nicht beteiligen. In den Wochen vor dem Vorfall war es im Umfeld des Museums jedoch immer wieder zu Vandalismus gekommen. Einen direkten Zusammenhang wollte die Polizei aber nicht herstellen. „Die Flüssigkeit kann mit einer Wasserpistole oder einer kleinen Spritze aufgebracht worden sein“, sagt Polizeisprecher Carsten Pfohl.

Gibt es Sicherheitskonsequenzen?

Ja. Man habe Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verstärkt. Zusätzliches Personal sei im Einsatz, am Eingang würden Taschen kontrolliert. Fakt sei aber auch, dass solche Taten nur schwer zu verhindern seien, heißt es. Ein latentes Risiko bestehe immer, wenn man nicht sämtliche Kunstwerke hinter Glas packen wolle. „Das ist nicht unser kuratorisches Konzept“, heißt es aus dem Museum. Die Sicherheitskräfte sind nach wie vor von Fremdfirmen engagiert und die Kamera-Ausstattung ist längst nicht in allen Räumen so, dass alle Objekte beobachtet werden können. Auf dem Videomaterial konnte laut Polizei nichts Verdächtiges beobachtet werden.

Erschwert die Maskenpflicht die Aufklärung?

Ja und nein. Auf den Videoaufnahmen habe man bislang niemanden zweifelsfrei identifizieren können, der für die Taten verantwortlich sei, heißt es aus dem Museum. Die Aufnahmen wurden der zuständigen Abteilung beim Landeskriminalamt (LKA) zur weiteren Auswertung übergeben. Durch die Corona-Bestimmungen waren allerdings die Kontaktdaten der Besucher bekannt, die sich zur Tatzeit im Museum aufgehalten haben sollen – weil sie für diesen Tag Tickets gebucht und sich online registriert hatten. Das Landeskriminalamt (LKA) schrieb sie an und bat um ihre Mithilfe.

Was sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU)?

Die Staatlichen Museen müssten sich erneut Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen, erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am Mittwoch. „Ich habe daher den Präsidenten umgehend gebeten, dem Stiftungsrat dazu einen umfassenden Bericht vorzulegen. Es ist zu klären, wie diese vielen Beschädigungen unbemerkt vonstatten gehen konnten und wie solche Angriffe in Zukunft verhindert werden sollen.“ Die Beschädigung der Kunstwerke verurteile sie aufs Schärfste. Sie richten sich laut Grütters „auch gegen künstlerische Ausdrucksformen, gegen unser aller Kulturerbe, gegen zivile Formen der Auseinandersetzung und so gegen Grundsätze unseres demokratischen Selbstverständnisses“.

Warum wurde so lange gewartet, bis die Öffentlichkeit informiert wurde?

Das ist bisher unklar. Auffällig ist aber, dass sich das Museum in diesem Fall für eine sehr restriktive Öffentlichkeitsarbeit entschieden hat. Zwar wurde Kulturstaatsministerin Monika Grütters schon am 4. Oktober informiert, doch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) erfuhr beispielsweise erst aus den Medien von der Attacke. Die Polizei ging erst am Montag indirekt an die Öffentlichkeit, indem sie den Aufruf an die Museumsbesucher um Mithilfe verschickte.