Angriff

Museumsinsel: Kunstwerke attackiert - Polizei sucht Zeugen

In den Museen sind am Tag der Deutschen Einheit 63 Kunstwerke beschädigt worden. Hildmann-Anhänger könnten in den Fall verwickelt sein.

Blick auf die James Simon Galerie auf der Museumsinsel (Archivbild).

Blick auf die James Simon Galerie auf der Museumsinsel (Archivbild).

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Dutzende Ausstellungsobjekte sind auf der Berliner Museumsinsel von Unbekannten beschädigt worden. Die Attacken fand demnach schon am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, statt. Die Berliner Polizei bestätigte am Mittwochmorgen entsprechende Berichte der „Zeit“ und des Deutschlandfunks. Dabei handele es sich laut "Zeit" um einen „der umfangreichsten Angriffe auf Kunstwerke und Antiken in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands“.

Der oder die Täter bespritzten dabei mehrere Objekte mit einer unbekannten, öligen Flüssigkeit. Insgesamt sind nach Angaben von Christina Haak, stellvertretende Generaldirektorin Museen, 63 Objekte betroffen, darunter drei oder vier Leihgaben. Ein Gesamtschaden könne erst nach Ende der Restaurationsarbeiten benannt werden, sagte Haak während einer Pressekonferenz von Museen und Polizei.

Betroffen sind das Neue Museum, das Pergamonmuseum und die Alte Nationalgalerie. "Wenn wir dagegensetzen, wie viele Hunderttausende Besucher wir haben, die rücksichtsvoll mit unseren Objekten umgehen, dann können Sie verstehen, wie sehr das schmerzt", sagte Haak.

Für das Landeskriminalamt sprach der zuständige Kriminaldirektor Carsten Pfohl von rund 3000 Besuchern am 3. Oktober. 650 wurden laut Pfohl angeschrieben und nach Beobachtungen gefragt. Der überwiegende Teil der Besucher habe ein Ticket an der Tageskasse gekauft, wo wegen der Hygienekonzepte in den Museen keine persönlichen Daten erhoben werden müssen. Nach Auswertung der Videokameras gibt es keine Hinweise auf Täter. Das bisher befragte Personal hat demnach keine Beobachtungen machen können. Unklar ist auch, ob es mehrere Beteiligte gibt.

Zu der Flüssigkeit sollte es aus ermittlungstaktischen Gründen keine näheren Angaben geben. Die Flüssigkeit war demnach farblos, nicht ätzend und ölig. Wie sie aufgebracht wurde, ist ebenfalls noch nicht klar. Auf den beschädigten Objekten waren kleine Flecken zu sehen.

Denkbar sei nach den Worten des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, dass jemand eine Klistierspritze im Ärmel hatte und wartete, bis das Aufsichtspersonal sich umdrehte. Die Flecken waren demnach möglicherweise nicht sofort sichtbar. Man kenne Angriffe auf Kunstwerke, aber dass die Antike zur Zielscheibe geworden sei, sei vergleichsweise neu. In der RBB-Abendschau sprach er von einer „hohen kriminellen Energie“.

Kunstwerke beschädigt: Polizei sucht nach Zeugen

Die Polizei sucht nun nach Zeugen, die die Taten möglicherweise beobachtet haben. Das zuständige Fachkommissariat für Kunstdelikte fragt:

  • Wer hat am 3.Oktober 2020 zwischen 10 bis 18 Uhr auf der Berliner Museumsinsel verdächtige Personen oder Feststellungen in Bezug auf die dort verübten Sachbeschädigungen gemacht?
  • Wem sind am Tattag entsprechende Beschädigungen an Exponaten der betroffenen Museen aufgefallen?
  • Wer hat sonst außergewöhnliche Vorgänge wahrgenommen, die scheinbar nicht zum Alltagsgeschehen auf der Museumsinsel passen?

Hinweise nimmt das LKA 444 am Tempelhofer Damm 12 in 12101 Berlin-Tempelhof unter der Rufnummer (030) 4664-944409 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Es seien bereits mehrere Hinweise eingegangen, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstagmorgen.

Attacke auf der Museumsinsel: Angreifer verspritzten ölige Flüssigkeit

Die Flüssigkeit wurde in ungefähr 1,50 Meter Höhe verspritzt. Die Beschädigungen seien sehr oberflächlich und überschaubar. "Manche mussten wir mit der Taschenlampe suchen", sagte ein Museumsmitarbeiter der Berliner Morgenpost.

Am Eingang des Pergamonmuseums wurde eine Skulptur eines Fürstenpaares aus dem 9. Jahrhundert vor Christus beschädigt sowie eine Wandskulptur. Im Vorderasiatischen Museum ist eine Skulptur eines kopflosen Mannes betroffen.

Der größte Schaden sei vermutlich auf dem Sandstein mancher Skulpturen entstanden. Es seien allerdings sofortige "Erste-Hilfe-Maßnahmen" eingeleitet worden, die bereits sehr gute Erfolge erzielten.

"Es sind bestenfalls Beschmutzungen", sagte ein Museumsmitarbeiter. Man könne solche Taten schwer verhindern. Ein latentes Risiko bestehe immer, wenn man nicht sämtliche Kunstwerke hinter Glas zeigen wolle. "Das ist nicht unser kuratorisches Konzept", hieß es seitens des Pergamon Museums. Der Schaden sei noch nicht abschließend zu beziffern.

Videomaterial wird ausgewertet - Täter bisher nicht identifizierbar

Videomaterial aus Überwachungskameras der Museen wurde dem Berliner Landeskriminalamt (LKA) übergeben. Man habe darauf bislang keine eindeutigen Täter identifizieren können, hieß es. Diese seien offenbar sehr verdeckt vorgegangen. Die Vorfälle ereigneten sich bereits am 3. Oktober. Ob dieser Tag absichtlich gewählt wurde, ist noch unklar. Aus ermittlungstaktischen Gründen habe sich das zuständige Fachkommissariat in Abstimmung mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erst jetzt entschlossen, den Fall öffentlich zu machen.

Am Mittwochvormittag lief der Betrieb im Pergamonmuseum normal. Für Besucher gab es keine Hinweise auf die mit einer Flüssigkeit bespritzten Kunstwerke. Diese waren auch weiterhin in der Ausstellung zu sehen und wurden bisher nicht abtransportiert oder gesondert abgesperrt.

Landeskriminalamt schrieb Besucher an, die Tickets gebucht hatten

Das Landeskriminalamt (LKA) schrieb nach der Attacke Besucher an, die für diesen Tag Tickets gebucht und sich online registriert hatten, und bat dringend um deren Mithilfe.

Die E-Mail des LKA im Wortlaut

"... auf der hiesigen Dienststelle befindet sich ein Ermittlungsverfahren wegen Gemeinschädlicher Sachbeschädigung in Bearbeitung; am 03.10.2020 wurden auf der Berliner Museumsinsel in verschiedenen Museen eine größere Anzahl an Ausstellungsstücken durch Aufbringen einer Flüssigkeit beschädigt. Hiesigen Erkenntnissen zufolge haben Sie an diesem Tag eines oder mehrere der betroffenen Häuser besucht. Daher bitte ich um Ihre Mithilfe: Bitte geben Sie zunächst Ihre vollständigen Personalien sowie eine telefonische Erreichbarkeit an. Sind Ihnen oder Ihrer Begleitung verdächtige Personen aufgefallen? Falls ja – wodurch? Bitte beschreiben Sie diese Personen. Halten Sie ein Wiedererkennen auf Lichtbildern für möglich? Sind Ihnen Beschädigungen in Form von Flecken an einzelnen Exponaten oder auf dem Fußboden aufgefallen? Falls ja – wann und wo? Sollte Ihre Begleitung sachdienliche Hinweise geben können, so teilen Sie mir bitte deren Personalien sowie eine telefonische Erreichbarkeit mit. Für Ihre Mithilfe bei den Ermittlungen bedanke ich mich und stehe für Rückfragen gern zur Verfügung."

Verschwörungstheoretiker Hildmann soll zu Aktionen gegen Museen aufgerufen haben

Wie der "Tagesspiegel" berichtet, soll sich der Verschwörungstheoretiker und Vegan-Koch Attila Hildmann mehrfach in den sozialen Netzwerken geäußert haben, dass das Pergamonmuseum auf der Museumsinsel ein "Sitz Satans" sei. Er habe außerdem einen Aufruf geteilt, das Museum "zu stürmen".

Hildmann hatte in der Vergangenheit mehrere Kundgebungen vor dem Alten Museum in Mitte abgehalten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die die Museen verwaltet, hatte sich daraufhin öffentlich deutlich von Hildmann distanziert. Im Juli wurde eine erneute Demonstration Hildmanns von der Berliner Versammlungsbehörde verboten. Am Tag der Deutschen Einheit hatten in Berlin mehrere Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern stattgefunden.

„Es wird in alle Richtungen ermittelt“, sagte ein Polizei-Sprecher am Mittwoch zu Berichten, dass der Verschwörungstheoretiker eine Rolle spielen könnte. Die Spekulationen seien der Polizei bekannt.

Einen Zusammenhang der Objekte oder ein Motiv konnten die Ermittler bisher nicht ausmachen. Bislang gingen die Ermittler eher von einem Einzeltäter aus, könnten aber nicht ausschließen, dass es auch mehrere Täter waren. "Wir ermitteln in alle Richtungen", sagte auch Kriminaldirektor Carsten Pfohl. Die Museumsinsel war im Sommer ein Schauplatz von Demos gegen die Corona-Maßnahmen.

Kulturstaatsministerin Grütters kritisiert Sicherheit in Berliner Museen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) forderte Aufklärung: Die Staatlichen Museen zu Berlin müssten sich erneut Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen. „Ich habe daher den Präsidenten umgehend gebeten, dem Stiftungsrat dazu einen umfassenden Bericht vorzulegen. Es ist zu klären, wie diese vielen Beschädigungen unbemerkt vonstatten gehen konnten und wie solche Angriffe in Zukunft verhindert werden sollen.“ Bereits 2017 wurde die Museumsinsel zum Tatort: Damals wurde eine riesige Goldmünze gestohlen.

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Die vorsätzliche Beschädigung der Kunstwerke verurteile sie aufs Schärfste. Sie richten sich laut Grütters „auch gegen künstlerische Ausdrucksformen, gegen unser aller Kulturerbe, gegen zivile Formen der Auseinandersetzung und so gegen Grundsätze unseres demokratischen Selbstverständnisses“. Neben der reinen Sachbeschädigung zeige sich bei solchen Angriffen immer auch eine tiefe Verachtung gegenüber Kunstwerken und kulturellen Leistungen insgesamt. „Es gibt berechtigte Hoffnung, dass die entstandenen Schäden beseitigt werden können.“

Die Staatsministerin wurde demnach vom Stiftungspräsidenten Hermann Parzinger am 6. Oktober über die Anschläge informiert. „Aus ermittlungstaktischen Gründen und in Abstimmung mit der Polizei hat die Stiftung jedoch zunächst von einer Information der Öffentlichkeit abgesehen“, heißt es weiter.

Anders erging es Berlins Kultursenator ​Klaus Lederer (Linke), der von dem Angriff auf die Kunstwerke am Mittwochmorgen aus den Medien erfuhr. Er sei "entsetzt", so der Senator. "Mutwillig teils Jahrtausende alte Kulturschätze zu beschädigen - aus welcher Motivation heraus auch immer - macht mich fassungslos. Ich hoffe auf schnelle Ermittlungserfolge der Polizei - und die hoffentlich mögliche vollständige Restaurierung der Schätze."

Nach Meinung des Deutschen Museumsbunds sei es schwierig, Vandalismus-Fälle zu verhindern. „Man kann natürlich immer mehr Aufsichtspersonal hinstellen. Aber die Museen sollen ja eben kein Ort sein, an dem man dauernd überwacht wird“, sagte Präsident Eckart Köhne am Donnerstag im RBB-Inforadio. Viele Besucher wollten sich gerne frei bewegen. Je mehr Sicherheitspersonal zu sehen sei, desto unangenehmer werde das für den einen oder anderen. „Also da stecken wir wirklich in einer Zwickmühle“, sagte Köhne, der selbst das Badische Landesmuseum leitet.

Museumsinsel gehört zum Unesco-Weltkulturerbe

Die Museumsinsel gehört seit 1999 zum Unesco-Weltkulturerbe. Anfang Oktober feierte das Pergamonmuseum seinen 90. Geburtstag. Benannt ist es nach seiner bekanntesten Attraktion, dem Pergamonaltar. Er stammt aus dem 2. Jahrhundert vor Christus und gehörte zur Residenz der mächtigen Könige von Pergamon, die im Westen der heutigen Türkei eine Kulturmetropole nach dem Vorbild Athens schufen.

Als eines der wenigen Museen in Deutschland lockt das Pergamon jährlich mehr als eine Million Menschen an - wenn es komplett geöffnet ist. Die zwischen zwei Spreearmen gelegene Gruppe aus Altem Museum, Bode-Museum, Alter Nationalgalerie, Neuem Museum mit der berühmten ägyptischen Pharaonen-Büste der Nofretete und der James-Simon-Galerie als jüngstem Bau zog zusammen knapp 3,1 Millionen Menschen an.

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