Jubiläum

Schöneberger Rathaus: Freiheitsglocke wird 70 Jahre alt

Ein Festakt am Sonnabend erinnert an die Symbolkraft des Geschenkes der US-Bevölkerung an Berlin nach dem Krieg.

Berliner Kinder nehmen die Glocke 1950 vor dem Schöneberger Rathaus in Empfang.

Berliner Kinder nehmen die Glocke 1950 vor dem Schöneberger Rathaus in Empfang.

Foto: ullstein bild

Berlin. Am 21. Oktober 1950 traf sie in West-Berlin ein. Über Bremerhaven wurde sie aus London in die Hauptstadt transportiert. Von außen hievte dann ein Kran die zehn Tonnen schwere Freiheitsglocke in den Glockenturm des Schöneberger Rathauses, damals noch Sitz des Regierenden Bürgermeisters. Wenige Tage später, am 24. Oktober, als sich die Unterzeichnung der Charta der Vereinten Nationen zum fünften Mal jährte, hatten sich 500.000 Menschen auf dem späteren John-F.-Kennedy-Platz vor dem Rathaus versammelt, um mitzuerleben, wie die Glocke ihren ersten Ton von sich gab. Ein historischer Moment. Am Sonnabend wird Schönebergs Freiheitsglocke ebenfalls zu hören sein – denn dann wird der Bronzeguss 70 Jahre alt.

Doch zurück zu den Anfängen: Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer war gekommen, ebenso Berlins Regierender Bürgermeister, der SPD-Politiker Ernst Reuter. Unter den Gästen bei der Einweihung war auch Lucius D. Clay, Militärkommandeur in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland. Er war verantwortlich für die Einrichtung der Luftbrücke zur Versorgung der West-Berliner während der Blockade durch die UdSSR.

Freiheitsglocke in Schöneberg

Freiheitsglocke ist eine Replik der „Liberty Bell“

Und Clay war es auch, der als Vorsitzender des „Nationalkomitees für ein freies Europa“ die Initiative zur Freiheitsglocke für West-Berlin gab. Eine Art, den West-Berlinern Respekt zu zollen und dem Ostblock und allen anderen Menschen, die hinter dem Eisernen Vorhang in Unfreiheit lebten, ein Freiheitsversprechen zu geben. Der von den Amerikanern gegründete Radiosender RIAS sendete während des Kalten Krieges täglich den Glockenschlag. Kommunistische Kritiker sahen darin jedoch nichts weiter als eine riesige Propaganda-Kampagne der Amerikaner während des Kalten Krieges.

Die Schöneberger Freiheitsglocke ist eine Replik der Liberty Bell in der US-amerikanischen Stadt Philadelphia. 1776 verkündete sie durch ihr Läuten den Tag der Unabhängigkeit. Das Original wird seit Jahren bereits im National Historical Park Pennsylvania ausgestellt. Trotz des riesigen Risses steht sie dort noch immer für eine zeitlose Botschaft: „Proclaim Liberty throughout all the land unto all the inhabitants thereof”, übersetzt: Verkünde Freiheit im ganzen Land für alle seine Bewohner.

16 Millionen Amerikaner spendeten für den Glockenguss

Die Berliner Freiheitsglocke hat mit der Inschrift „That this world under God shall have a new birth of freedom“ – „Möge diese Welt mit Gottes Hilfe eine Wiedergeburt der Freiheit erleben“ – eine ganz ähnliche Botschaft, bezieht sich aber auf Abraham Lincolns Rede in Gettysburg. Nach ihrem Guss bei Gillett & Johnston im Londoner Stadtteil Croydon wurde sie aber nicht einfach nach West-Berlin transportiert und aufgehängt. Nein, zuvor wurde die Glocke auf einen „Kreuzzug der Freiheit“, der die Glocke durch 26 Städte der USA führte, geschickt.

Denn sie gilt als Geschenk der amerikanischen Bevölkerung: Insgesamt 16 Millionen US-Amerikaner spendeten für den Guss der Glocke und unterzeichneten den Freiheitsschwur, die „Declaration of Freedom“, die wie folgt beginnt: „Ich glaube an die Untastbarkeit und an die Würde des einzelnen Menschen. Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde.“ Die Unterschriftenlisten sollen noch immer in einer speziellen Kammer im Glockenturm des Rathauses verwahrt sein, heißt es.

Nach 70 Jahren, in denen sie fast ununterbrochen täglich zur Mittagszeit läutet, sind immer wieder kleinere und größere Reparaturen an dem Koloss nötig geworden. Zuletzt war ihr Klang für mehrere Wochen verstummt, weil einzelne Elemente verschlissen waren und getauscht werden mussten. Die Elektromotoren, die die Glocke in Bewegung bringen, waren ausgefallen.

Festakt zum Glocken-Geburtstag mit Michael Müller (SPD)

Ob der Geburtstag der Freiheitsglocke zu Jubiläen gefeiert werden soll, konnte in der Vergangenheit nicht immer eindeutig beantwortet werden. Hatte man in der Senatskanzlei unter dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg einen Festakt zum 65. Glocken-Geburtstag noch abgelehnt, soll dies nun zum 70. wieder anders sein. Es wird gefeiert – wenngleich auch unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit. Lediglich einige eingeladene Gäste sowie Medienvertreter werden den Besuch des Regierenden Bürgermeisters und Angelika Schöttlers (SPD), Tempelhof-Schönebergs Bezirksbürgermeisterin, am Sonnabendmittag begleiten können. Zu hören sein wird die Freiheitsglocke aber auch an diesem Tag für jeden.