Pandemie

Corona-Fälle nehmen auch in Berliner Kitas zu

27 Einrichtungen und 33 Gruppen sind derzeit in Berlin geschlossen – eine Charité-Studie untersucht das Infektionsgeschehen.

Gerade in Kitas ist es mit dem Abstand schwierig, die Kleinen hängen oft dicht aufeinander.

Gerade in Kitas ist es mit dem Abstand schwierig, die Kleinen hängen oft dicht aufeinander.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Berlin. Die Schulen sind in dieser Woche aufgrund der Herbstferien noch geschlossen sein, Berlins Kitas sind es nicht. Dass das Infektionsgeschehen in der Hauptstadt erschreckend dynamisch ist, zeigt sich auch hier. „Es vergeht kein Tag, an dem hier nicht das Telefon klingelt und eine Kitaleitung fragt: Wir haben einen Positivfall, was sollen wir tun?“, sagt Babette Sperle vom Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). Das sei neu. Vor nicht so langer Zeit habe es noch am Telefon geheißen: „Wir haben hier einen Corona-Verdachtsfall ...“. Gerade in Bezirken wie Neukölln und Mitte merke man, wie sehr sich die Situation zugespitzt habe.

Am Montag, so die Zahlen aus der Senatsverwaltung für Bildung, seien berlinweit 27 Kitas aufgrund von Corona-Fällen geschlossen gewesen, dazu noch 33 weitere Kitagruppen. Noch am Freitag waren sogar 33 Kitas geschlossen, dazu noch 35 Gruppen. Bei mehr als 2700 Kitas in der Stadt ist das nur ein marginaler Wert. Rechnet man geschlossene Kitas und Kitagruppen zusammen, ergibt das knapp 2,5 Prozent. Allerdings ist die Frage, ob alle Fälle darin erfasst sind. Denn für viele Kitaleitungen ist es anfangs schwierig, Ansprechpartner beim Gesundheitsamt zu finden.

Die Gesundheitsämter sind für die Kitas oft nur schwer erreichbar

Anders als bei Schulen haben Kitaleitungen oder auch Trägerverbände keinen direkten Telefonzugang in die Gesundheitsämter. Für Schulen halten die Schulaufsichten die Handynummer des Amtsarztes im Dienst bereit, damit schnell Entscheidungen getroffen werden können. Die Kitas müssen sich dagegen über Hotlines oder normale Nummern ans jeweilige Gesundheitsamt wenden. „Oft geht dort lange niemand ran“, berichtet Sperle – gerade in Bezirken, in denen das Infektionsgeschehen hoch sei.

Notgedrungen schließen die Kitas dann ein, zwei Tage, bis ein Ansprechpartner gefunden ist. „Denn die Entscheidung, wer in Quarantäne muss, kann nur das Gesundheitsamt treffen“, betont sie. Für Eltern heißt das, unerwartet für 48 Stunden zu Hause zu bleiben, was wiederum der Arbeitgeber nicht gern sieht. „Deshalb machen die betroffenen Eltern oft richtig Stress“, sagt Sperle. Sie verstehe ja, warum. Aber die Kita könne nicht anders handeln.

Auch Corinna Balkow, Vorsitzende des Landeselternausschusses Kita, erkennt hier ein Problem. Bislang sei weiterhin ungeklärt, wer für diese Fehltage finanziell aufkommt – die Kinder seien ja noch nicht offiziell in Quarantäne. Man müsse also einen Urlaubstag nehmen, wenn man den überhaupt noch zur Verfügung hat. Und dadurch, dass es durch den Ansturm immer länger dauere, bis jemand getestet wird, zöge es sich oft bis zu einer Woche hin, bis alle betroffenen Personen – Erzieher oder Kita-Kinder – getestet sind.

Und selbst wenn das Infektionsschutzgesetz mit Entschädigung greife, sie kenne Eltern, die noch auf ihr Geld von März und April warteten, als Kitas geschlossen waren. Die Folge sei, dass manche Eltern dann trotz Verdachtsfall ihr Kind weiter in die Kita schickten, weil sie sich den Verdienstausfall nicht leisten könnten. Dagegen helfe nur, dass in Kitas schnell getestet werde, um Klarheit zu schaffen. Doch in Bezirken wie Neukölln kommt man mit dem Testen kaum hinterher.

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„Kitas sind keine Infektionsherde, Kinder sind keine Infektionstreiber“

Allerdings haben zuletzt Studien belegt, dass die Kitas wohl nicht im Zentrum der Pandemie stehen. „Kitas sind keine Infektionsherde, Kinder sind keine Infektionstreiber“, schloss Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) aus der aktuellen Corona-Kita-Studie, für die deutschlandweit Daten ausgewertet wurden.

Auch die Berliner Corona-Schulstudie der Charité (BECOSS), die neben 24 Schulen auch zwölf Kitas in der Stadt über ein Jahr betrachtet, liefert bislang beruhigende Ergebnisse. In den zwölf Kitas ließen sich Ende September 156 Kinder testen, dazu noch deren Erzieher und weitere 500 Mitglieder des familiären Umfelds der Mädchen und Jungen. „Es gab bislang keinen Sars-CoV-2-Nachweis“, heißt es in der Senatsantwort auf die parlamentarische Anfrage des CDU-Abgeordneten Adrian Grasse. Die Ergebnisse der Bluttests stünden aber noch aus, sagt Matthias Kuder, Sprecher für Wissenschaft in der Senatskanzlei. Sollten dort Antikörper nachgewiesen werden, hätten die Kinder eine Corona-Infektion unerkannt, also ohne Symptome, durchlebt. Unter den 397 Schülern, die für die Studie von der Charité im Juni getestet wurden, war das sechsmal der Fall. Nur eine Schülerin wurde damals direkt positiv getestet.

Studienleiter der Charité, der Virologe Frank Mockenhaupt, kündigt nächste Besuchsrunde an

Der BECOSS-Studienleiter der Charité, der Virologe Frank Mockenhaupt, betont aber, dass diese ersten Ergebnisse „nur Momentaufnahmen“ seien. Gerade die Tests an den Schulen, die im Juni stattfanden, seien in einer Zeit der „Niedriginzidenz“ gemacht worden. Wichtig sei die langfristige Betrachtung des Geschehens über zwölf Monate. Nach den Herbstferien werden die Teams wieder die 24 Schulen besuchen – zwölf Grund- und zwölf weiterführende Schulen. Dann ist die Situation dort eine andere als im Sommer, denn die Corona-Zahlen in der Stadt steigen weiterhin.

„Um zu verstehen, wie Infektionen in den Kitas und Schulen verlaufen, ob sie von außen hineingetragen werden oder umgekehrt, reicht eine Momentaufnahme nicht aus. Deshalb ist die Studie langfristig angelegt und soll mit wiederholten Tests und einer ständigen Beobachtung der Teilnehmenden verschiedene Phasen der Pandemie erfassen“, sagt auch der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft, Steffen Krach. Und appelliert, die aktuell bekannten Daten nicht zu überbewerten. „Die bisherigen Ergebnisse der Testungen im Juni und Anfang Oktober stimmen zwar optimistisch, aber damit lassen sich eben noch nicht alle Fragen beantworten.“ Man habe bewusst Schulen und Kitas aus ganz verschiedenen Bezirken und ganz verschiedenen Milieus der Stadt ausgewählt, um am Ende einen Querschnitt Berlins zu haben.

Die Studie liefert nicht nur Daten über Corona, sondern fragt auch Verhaltensweisen in der Pandemie ab. Auch das ist für die Forschung wichtig. Insofern ist es entscheidend, dass die Schulen und Kitas weiter mitmachen – die Teilnahme ist freiwillig. Bei der Blutabnahme versucht man übrigens, den Stress klein zu halten. Es wird nur der Finger geritzt.