Kindertransporte

Wie Beate Hammett als Kind 1939 Berlin verlassen musste

Die 91-Jährige hat die Erinnerung an ihre Flucht nach England 1939 in einem Kindertransport aufgeschrieben. Ein bewegender Vorabdruck.

Beate Hammett überlebte den Holocaust Dank eines Kindertranportes nach England 1939. Ihr Vater dagegen, der Architekt Alexander Beer, verhungerte 1944 im KZ Theresienstadt.  Alexander Beer hatte die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg erbaut, die 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde und die nun wieder neu entstehen soll.

Beate Hammett überlebte den Holocaust Dank eines Kindertranportes nach England 1939. Ihr Vater dagegen, der Architekt Alexander Beer, verhungerte 1944 im KZ Theresienstadt. Alexander Beer hatte die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg erbaut, die 1938 von den Nazis niedergebrannt wurde und die nun wieder neu entstehen soll.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Es ist ein schmales Erinnerungsbüchlein, das Beate Hammett geschrieben hat: Ihr Text selbst ist nur 39 Seiten lang, doch darin steckt so viel Schicksal, dass es die Seiten fast sprengt. Am 9. Mai 1929 wird Beate Hammett in Berlin geboren, sie ist das einzige, sehr geliebte Kind ihrer eher älteren Eltern. Ihr Vater Alexander Beer war Chefarchitekt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, er ist architektonisch sehr variabel, entwickelt sich mit der Zeit. Von ihm stammt das Waisenhaus der jüdischen Gemeinde in Pankow, ein eher klassischer Bau aus der späten Kaiserzeit. Aber auch das modernistisch anmutende Altersheim in Schmargendorf, ein Backsteinbau, der heute noch an der Berkaer Straße zu sehen ist.

Sein Prachtwerk ist aber die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg, die mitten im Ersten Weltkrieg nach seinen Plänen gebaut wurde. 2000 Sitzplätze hatte sie, eine der größten Synagogen von Berlin. In der Reichspogromnacht wird sie von Nationalsozialisten in Brand gesetzt. Es ist der Moment, als die Eltern sich schweren Herzens entschließen, ihre neunjährige Tochter Beate zusammen nach England zu schicken – in einem Kindertransport. Am 19. April 1939 reist sie ab.

Anderthalb Millionen jüdische Kinder wurden in den Shoa ermordet

Mehr als 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland verdankten den Kindertransporten nach England, die ab dem 30. November 1938 begannen, ihr Leben. Mit dem Kriegsausbruch am 1. September 1939 endeten sie abrupt. Anderthalb Millionen jüdische Kinder, so die Schätzungen, wurden in der Shoa ermordet.

Nun hat Beate Hammett diese Erinnerung und ihre Erfahrung später in England in einem Buch aufgeschrieben. Da sie schon lange in Australien lebt, erschien ihr Erinnerungsbuch 2017 zuerst dort als Kinderbuch mit Illustrationen unter dem Titel „The Gap was Wide. A Kindertransport story“. Jetzt, drei Jahre später, kommt das Buch endlich im AphorismA Verlag auf Deutsch heraus. („Schritte über den Abgrund“ von Beate Hammett, mit einem Nachwort von Raed Saleh, 61 S., AphorismA Verlag, 15 Euro).

„Es ist ein Bericht aus erster Hand, der Erfahrungsbericht eines Mädchens, das heute über 90 Jahre alt ist, aber die Gefühle und Gedanken, die es einst hatte, noch immer wiedergeben kann, als wäre es gestern gewesen“, schreibt der Berliner SPD-Politiker Raed Saleh in seinem Nachwort. Er hatte Beate Hammett 2019 kennengelernt und war sofort berührt. Ob sie sich noch an etwas aus ihrer Kindheit in Deutschland erinnern könne, fragte Saleh die Autorin, die ja mit neun Jahren Berlin verlassen musste. „Ja, die Gänseblümchen“, antwortete sie. Die gebe es in Australien nicht.

Wir drucken einen Auszug aus dem Erinnerungsbuch von Beate Hammett:

Höchstwahrscheinlich hat die Zerstörung der Synagoge in der Prinzregentenstraße den letzten Ausschlag gegeben. Es war der 9. November 1938, als das Gebäude in Flammen unterging. Danach war für meine Eltern klar, dass sie mich in Sicherheit bringen mussten. Mit dem Kindertransport nach England.

An jenem schlimmen Tag, ich war neun Jahre alt, stand ich an der Hand meiner Mutter vor der rauchenden Ruine. Mutti – wie ich sie liebevoll nannte – und ich mussten mit ansehen, wie das Werk meines Vaters dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vati war zu dem Zeitpunkt Chefarchitekt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und auf die Synagoge in der Prinzregentenstraße, die als sein Glanzstück galt, war er besonders stolz. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass die Nationalsozialisten in dieser verhängnisvollen Nacht meinen Vati aus unserer Wohnung geholt und ihn gezwungen hatten, der barbarischen Aktion beizuwohnen. Er musste mit ansehen, wie sein preisgekröntes Bauwerk einer Fackel gleich im Berliner Nachthimmel aufging.

„Feinsäuberlich in Wachspapier gefaltet, lag in dem Koffer noch ein wunderschönes Ausgehkleid“

Anders als viele andere Juden wussten meine Eltern, in welche englische Familie ich kommen würde. Meine Mutter stand von Anbeginn an mit meiner zukünftigen Stiefmutter in Kontakt. Auch wenn ihre Korrespondenz aufgrund ihrer begrenzten Englischkenntnisse äußerst formell geriet. Die Dame war die Gattin des Schuldirektors eines kleinen Gymnasiums auf dem Land. Sie hatten selbst drei Söhne, die alle ungefähr in meinem Alter waren.

Ich erinnere mich an den Tag noch wie gestern: Es war der 19. April 1939. Mit dem Zug und dem Schiff sollte ich auf eine unbekannte Reise geschickt werden. Ganz allein, auf dem Weg in ein anderes Leben. Meine Mutter hatte mir noch einen neuen Koffer gekauft. Darin hatte sie gewissenhaft neue Anziehsachen für mich verstaut, dazu noch zwei silberne Bestecksets mit den Initialen unserer Familie (mehr Wertsachen waren nicht erlaubt) und ein kleines Album mit einigen Fotografien.

Feinsäuberlich in Wachspapier gefaltet, lag in dem Koffer noch ein wunderschönes Ausgehkleid. Dafür hatte sich meine Mutti besonders viel Mühe gegeben. Mit viel Liebe hatte sie das Kleid für mich genäht, wobei sie mit einem besonderen Kniff darauf geachtet hatte, dass es in den Falten und Bünden der Ärmel noch genügend Stoff gab, um es später vergrößern zu können. So hoffte sie, für ihre Tochter den zukünftigen Stiefeltern Kosten zu ersparen. Während sie dieses Kleid nähte, saß ich neben ihr und nähte ebenfalls ein Kleidchen für meine Puppe. Denn Peter sollte mit mir reisen. In einer langen, engen Tasche, die ihn wie eine weiße Wurstpelle einquetschte.

„Ich war erleichtert, dass meine Mutter zumindest nicht weinte“

Am Morgen der Abreise liefen wir auf den Bahnsteig. Neben dem abfahrbereiten Zug standen unzählige Eltern, tieftraurig, hoffnungslos, alle Tränen in den Augen. Niemand ging davon aus, seine Kinder jemals wiederzusehen. Das war allen klar. Ich war erleichtert, dass meine Mutter zumindest nicht weinte. Wir waren zu zweit, mein Vater hatte es offenbar nicht geschafft, rechtzeitig auf das Gleis zu kommen.

Das Warten fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Aber dann ging es doch los. Mein Koffer, auf dem in Weiß meine Initialen B. B. geschrieben standen und auf dem ein Aufkleber mit der Aufschrift Kindertransport mit einer Identifikationsnummer klebte, war bereits verstaut worden. Auch ich hatte ein Schildchen mit einer Identifikationsnummer am Körper und hielt Peter in seiner weißen Stoff-Wurstpelle fest an mich gedrückt. Auf einmal wurde ich mit einer Gruppe von Kindern mitgerissen, da wir plötzlich schneller als gedacht in den Zug einsteigen sollten.

„Vor mir tat sich ein Abgrund auf“

Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte – vor mir tat sich ein Abgrund auf. Der Abstand zwischen Gleis und Einstieg war riesig. Mit meinen kurzen Beinen schaffte ich es einfach nicht, auf das Trittbrett zu kommen. Wie sollte ich das nur in einer Menge von gut vierhundert schubsenden, drückenden Kindern ohne die Hand von Mutti hinbekommen?

Aber Mutti war zum Glück da. Wie immer. Obwohl sie eigentlich nicht durfte, reichte sie mir die Hand und half mir ins Abteil. Doch nun hatte sie – wie schrecklich – tränenverlaufene Augen. Ich schaute noch einmal zurück, und da erblickte ich auch meinen Vater. Ihm ging es nicht anders als meiner Mutter. Auch er weinte. Dann riss mich der Haufen Kinder mit in den Zug.

Auszug aus: „Schritte über den Abgrund“ von Beate Hammett, mit einem Nachwort von Raed Saleh, 61 S., AphorismA Verlag, ISBN 978-3865750648, 15 Euro