Corona-Pandemie

Sperrstunde in Berlin: Was nach 23 Uhr passiert

Party am Späti, Alkohol hinter verschlossenen Türen und eine Bar, in der die Gäste austrinken sollen. So läuft das Nachtleben in Berlin

Berliner Sperrstunde für Gastronomiebetriebe vorerst gekippt

Das Berliner Verwaltungsgericht hat die Sperrstunde für Gastronomiebetriebe vorerst gekippt - zumindest für elf Berliner Bars und Clubs, die vergangene Woche Klage gegen die Maßnahme eingereicht hatten. Der Senat will gegen die Entscheidung Einspruch einlegen.

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Berlin. Mit verschränkten Armen steht Claudius Schmidt vor seiner „100 Gramm Bar“ am Weinbergsweg in Mitte. Er lächelt, als zwei Polizisten aus einem Streifenwagen aussteigen. Sie wollen kontrollieren, ob sich Lokalbesitzer in dem Gebiet an die vom Berliner Senat verhängte Sperrstunde halten. Restaurants, Bars, Kneipen und Spätis müssen zwischen 23 und 6 Uhr schließen. Wer trotzdem offen hat, riskiert ein Bußgeld.

Doch für Schmidts Bar gilt das nicht mehr. Zusammen mit zehn anderen Gastronomen hatte der Wirt gegen die Maßnahme geklagt. Mit Erfolg. Das Verwaltungsgericht hatte am Freitag die Sperrstunde für die elf Berliner Gastronomen gekippt. Sie halte einer rechtlichen Überprüfung nicht stand, heißt es in der Begründung. Einen Eilantrag des Senats gegen die Entscheidung hatte das Oberverwaltungsgericht noch am späten Abend abgelehnt. „Wir haben geklagt, weil wir nicht die Sündenböcke sind“, sagt Schmidt, während er einem Pärchen den Zutritt zum Lokal verwehrt. Leider voll.

Schließungen von Kneipen beeindrucken nicht alle

Die Mitarbeiter führen eine Anwesenheitsliste, sie achten auf Abstände. Ohne zugewiesenen Platz dürfen Gäste die Bar noch nicht einmal betreten. „Hier können wir die Menschen doch eher kontrollieren“, meint Schmidt. „Aber nicht mehr, wenn sie in Parks oder in den Wohnungen feiern.“

Auch wenn die Bar weiterhin geöffnet haben darf, Alkohol kann sie nach 23 Uhr nicht ausschenken. Das Alkoholverbot ist von der Entscheidung des Gerichts nicht betroffen gewesen. „Uns geht es nur darum, dass unsere Gäste gemütlich austrinken können und wir sie nicht um 23 Uhr rausjagen müssen“, sagt Schmidt. Es soll ein entspannter Abend für jeden sein. Den erlebt gerade Paul, ein Mann mit schwarzem Mantel und Brille, mit seinen Freunden Henrik und Thomas. Sie stehen vor einem Späti nur wenige Meter von der „100 Gramm Bar“ entfernt an. Paul ist in Berlin aufgewachsen, wohnt aber in Frankfurt am Main. Dort, sagt er, seien die Gesetze noch strenger. Daher sei es für ihn eine willkommene Abwechslung, mit Freunden in Berlin etwas zu trinken. Zwischen ihnen liegt eine Sporttasche auf dem Boden.

Auf die Frage, ob sie dort das Bier lagern, antwortet Henrik: „Nein, da sind wirklich nur Sportklamotten drin.“ Thomas: „Aber wir haben uns mit Alkohol eingedeckt und trinken dann zu Hause weiter.“ Paul: „Wir können eigentlich auch draußen bleiben, Alkohol darf man doch trotzdem hier trinken, oder?“ Dürfen sie. Bislang können sich zwischen 23 und 6 Uhr fünf Personen treffen. Doch ab Dienstag könnten schon neue Regeln gelten. Der Senat will dann über weitere Kontaktbeschränkungen beraten.

Torstraße, Brunnenstraße, Weinbergsweg – Spätis, Bars und Kneipen stehen hier seit Monaten unter strenger Beobachtung. Es kam immer wieder zu Szenen, bei denen sich Feiernde und Lokalbesitzer nicht an die Auflagen hielten. „So stelle ich mir den Ballermann vor“, sagte Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) über diese Zustände. Erst vergangene Woche schloss das Ordnungsamt eine bekannte Bar an der Torstraße wegen erneuten Verstößen gegen die Infektionsschutzverordnung. Gegen den Betreiber wurde zunächst ein Bußgeld in Höhe von 5000 Euro verhängt. Maßnahmen, von denen sich am Freitagabend nicht jeder beeindruckt zeigt.

Während sich am Weinbergsweg im Bezirk Mitte die Lokale an die Sperrstunde halten, ruft an der Torstraße ein Wirt seine Gäste in den Innenraum der Kneipe. Zwei junge Männer huschen noch durch die Tür, ehe der Wirt von innen absperrt. Anwesenheitslisten gibt es nicht. Die Menschen stehen dicht gedrängt vor dem Tresen. Rauchen. Trinken. Der Zapfhahn läuft auch noch während des Ausschankverbots. Fragen beantworten wollen weder Gäste noch Wirt. Tür auf. Tür zu. Die Party geht weiter.

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Am nächsten Spätkauf an der Torstraße ist die Party dagegen vorbei. Die zwei Polizisten, die vorhin am Weinbergsweg kontrollierten, haben jetzt Verstärkung gerufen. So gelingt es, den Pulk von rund 30 Feierenden vor dem Späti in Sekundenschnelle aufzulösen. Sichtlich niedergeschlagen, klappt der Besitzer die Bierbänke vor dem Späti zusammen und räumt sie in den Laden. Er müsse erst einmal schließen, sagen die Polizisten. Sollte es in naher Zukunft noch einmal Verstöße geben, drohe eine Strafe wegen einer Ordnungswidrigkeit.

Mitternacht in der Simon-Dach-Straße. Die Partymeile im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg erinnert an die Zeit während des Lockdowns. In der Café-Bar „Himmelreich“ rasten die Rollläden ein. Nur wenige Menschen sind noch unterwegs. Lediglich eine Gruppe junger Studenten. Joanna gehört zu ihnen. „Die Polizei ist schon den ganzen Abend hier herumgefahren“, sagt sie. „Seit 23 Uhr hat alles zu.“ Sie hätten sich aber Alkohol gekauft. Für die weitere Feier in der WG.