Verkehr in Berlin

Das lange Warten auf die neuen Tram-Strecken

Drei Straßenbahnstrecken sollten bis 2021 in Berlin fertig werden. Nicht überall geht es voran.

Das Tram-Netz soll in Berlin ausgebaut werden (Symbolbild).

Das Tram-Netz soll in Berlin ausgebaut werden (Symbolbild).

Foto: Getty Images

Berlin. In gewisser Weise ist Berlin auf dem Weg rund 90 Jahre in der Geschichte zurückzukehren: Damals, um das Jahr 1930 war das Straßenbahnnetz der Hauptstadt mit insgesamt 634 Kilometern mehr als dreimal so lang wie heute. Ganz so viel wird es in absehbarer Zeit nicht mehr werden, dennoch sind auch die aktuellen Pläne groß: In den kommenden anderthalb Jahrzehnten soll das heutige Tramnetz um 40 Prozent wachsen. So lautet das Ziel, dass von der rot-rot-grünen Koalition mit der einst so getauften „Legislaturperiode der Straßenbahn“ verbunden worden wurde. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg – und schon auf den ersten Etappen kommt der Berliner Senat bislang nur schwerlich voran.

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Eigentlich hätten bald die ersten Straßenbahnen vom Hauptbahnhof bis zur Turmstraße rollen sollen. Noch Ende 2020 sollte Betriebsstart sein, so sah es zumindest der ursprüngliche Zeitplan vor. Der ist längst hinfällig. Nicht einmal mit dem Bau der Trasse in Moabit wurde bislang begonnen.

Gleisarbeiten auf der Turmstraße ab Ende 2021

Zuletzt kalkulierte die Senatsverkehrsverwaltung mit einer Inbetriebnahme 2021. Doch auch diese Zeitschiene scheint nicht mehr zu halten zu sein. Erst nachträglich wurde der geplante Takt auf der künftigen Verbindung tagsüber auf fünf Minuten geändert. Das jedoch machte im Herbst 2019 eine Neuauslegung der Planungsunterlagen nötig – gefolgt von der erneuten Möglichkeit der Anwohner Einwände gegen das Projekt zu erheben.

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„Pandemiebedingt wird auch die vorgesehene Erörterung in einem schriftlichen Verfahren durchzuführen sein“, erklärte der Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung Jan Thomsen einen Teil der Verzögerungen. Doch es gehe voran. „Das Planfeststellungsverfahren zur Straßenbahnverlängerung vom Hauptbahnhof zum U-Bahnhof Turmstraße befindet sich in der finalen Phase, sodass nach derzeitigem Planungsstand ein Planfeststellungsbeschluss bis Ende des Jahres ergehen könnte“, sagte Thomsen.

Planfeststellung für Ostkreuz Mitte 2021 fertig

Ob dem wirklich so ist, bleibt fraglich. Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), die die Strecke planen und bauen, ist man deutlich skeptischer, was den Zeitplan betrifft. Die Annahmen der Senatsverkehrsverwaltung seien sehr optimistisch, ist zu hören. BVG-Sprecherin Petra Nelken formuliert es so: „Wenn alles perfekt läuft, können wir Ende 2021 den Bau beginnen.“ Von einer Inbetriebnahme ist dann noch längst nicht die Rede.

Nicht besser läuft es rund um das Ostkreuz in Friedrichshain. Von der Boxhagener Straße sollen die Tramgleise in die Sonntagstraße verschoben werden und den S- und Regionalbahnhof direkt mit der Straßenbahn verbinden. Doch das Projekt hat sich zur scheinbar unendlichen Geschichte entwickelt. Bereits 2013 legte der Senat die Route fest. Gerechnet wurde damals mit einem Betriebsstart 2016, später wurde 2020 genannt. Vorausgegangen waren bereits lange Diskussionen mit den Anwohnern. Die sind seither nicht abgerissen. Der Widerstand ist bis heute beträchtlich. Mehr als 1000 Einwendungen sind im Laufe des Planfeststellungsverfahrens eingegangen. Sie machten „entsprechende Bearbeitungszeiten erforderlich“, so Verwaltungssprecher Thomsen.

Und es kommen weitere Verzögerungen hinzu. In den vergangenen Monaten seien „aufgrund pandemiebedingt beschränkter Ressourcen auch Anpassungen im Verfahrensablauf nötig geworden“, teilte der Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) mit. Immerhin: Langsam zeigt sich Licht am Ende des Tunnels: „Nach derzeitigem Planungsstand der Vorhabenträgerin (BVG) wird davon ausgegangen, dass im 1. Halbjahr 2021 mit einem Planfeststellungsbeschluss zu rechnen ist“, so Thomsen. Es könnte damit möglicherweise tatsächlich 2022 zu einer Eröffnung der Strecke kommen. So sieht es die aktuelle Senatsplanung vor. Sicher indes ist es nicht.

Adlershof soll im dritten Quartal 2021 in Betrieb gehen

Immerhin in Johannisthal geht es voran. Dort verlängert die BVG die bestehende Tramverbindung im Technologiepark Adlershof über den Groß-Berliner Damm bis zum S-Bahnhof Schöneweide. Nach aktueller Lage soll die 2,7 Kilometer lange und 40 Millionen Euro teure Strecke im dritten Quartal 2021 eröffnen, erklärte Thomsen. Er verwies bei den Verzögerungen auf das deutsche Planungsrecht samt der dort vorgesehenen Prüfungen. Grundsätzlich müsse beim Straßenbahnbau von der Grundlagenermittlung bis zur Inbetriebnahme im Schnitt mit acht Jahren gerechnet werden. „Wirklich Fahrt aufgenommen haben die entsprechenden Projekte erst wieder mit der Regierungsübernahme von Rot-Rot-Grün“, so der Sprecher der Verkehrsverwaltung.

Für Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzender des Berliner Fahrgastverbands Igeb sind die Ergebnisse nach vier Jahren Rot-Rot-Grün dennoch „eine tiefe Enttäuschung“. Ihn stört etwa der langsame Fortschritt an der Turmstraße. „Eigentlich müssten wir schon bei der Planung Richtung Jungfernheide sein, um zum Start der Urban Tech Republic eine Anbindung zu haben.“ Zwar gebe es Ideen für weitere Strecken, aber „kaum erkennbare Planungen“, so der Fahrgastvertreter. Verkehrssenatorin Günther habe ein schwieriges Erbe übernommen, „aber sie hat nicht den Nachdruck reingebracht, das voranzubringen.“