Sperrstunde

Berlins Gastronomen kämpfen um ihre Existenz

Viele Wirte befürchten wegen der unklaren Lage zur Sperrstunde und dem Alkoholverbot, ihre Lokale schließen zu müssen.

Sandra Hollweck zapft ein Bier hinter dem Tresen in der Kneipe „Zum Starken August“.

Sandra Hollweck zapft ein Bier hinter dem Tresen in der Kneipe „Zum Starken August“.

Foto: David Heerde

Berlin. Sandra Hollweck zapft ein Bier hinter dem Tresen im „Zum Starken August“. „Was soll ich meinen Gästen ab 23 Uhr sagen“, fragt sie sich. Hollweck betreibt die Kneipe an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Das Lokal ist bekannt für seine Burleske-Shows an Wochenenden und auch für eine längere Stunde an der Bar. „Meine Besucher lachen mich ja aus, wenn ich ihnen dann ein Wasser anbiete.“

Doch genau das ist nach dem Beschluss des Verwaltungsgericht die aktuelle Rechtslage. Das Gericht hat am Freitag die seit einer Woche geltende Sperrstunde in der Gastronomie gekippt. Bars und Kneipen dürfen in der Hauptstadt nun wieder länger als 23 Uhr geöffnet bleiben – dann aber keinen Alkohol mehr ausschenken. Gaststätten hätten bislang keinen wesentlichen Anteil am Infektionsgeschehen, sodass die Einschränkung nicht gerechtfertigt sei, begründeten die Richter. Elf Gastronomen hatten sich gegen die Sperrstunde gewehrt.

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Das will der Senat nicht hinnehmen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) kündigte an, Beschwerde gegen den Beschluss einzulegen. Zudem hat der Senat einen Eilantrag gestellt, die Sperrstunde sofort wieder in Kraft zu setzen. Das lehnte das Oberverwaltungsgericht (OVG) am Abend aber ab. Über die Beschwerde wird nun kommende Woche entschieden. Allerdings ließ das OVG schon jetzt durchblicken, dass es keinen Grund sieht, anders als die erste Instanz zu urteilen.

Die Opposition kritisiert das Hin und Her des Senates

Damit ist die Lage für die Gastronomie in der Stadt weiter ungewiss, zum Ärger nicht nur der Wirte. „Die Bewältigung der Corona-Pandemie erfordert Sorgfalt, Entschlossenheit und Weitsicht“, kritisierte CDU-Landeschef Kai Wegner das Vorgehen des Senates am Freitag. „All das lässt der Senat vermissen.“ Vielmehr müssten die bestehenden Regeln konsequent kontrolliert und geahndet werden. Die FDP forderte eine Regierungserklärung des Regierenden Bürgermeisters und eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses. „Der Berliner Senat ist den Berlinern Transparenz über seine Entscheidungen und die Einbeziehung der gewählten Volksvertreter schuldig“, sagte FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja zur Begründung. Die AfD begrüßte die Entscheidung des Gerichts. „Sperrstunden verlagern das Problem lediglich auf Orte, an denen die Schutzkonzepte nicht funktionieren“, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion, Christian Buchholz. Am kommenden Dienstag will der Senat über weitere Schritte im Kampf gegen Corona beraten.

Für Erik Venhues von der Bar „ASeven“ in Mitte ist die Lage zermürbend. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, sagte Venhues. „Aber es macht jetzt keinen Sinn, sich verrückt zu machen.“ Solange er nichts anderes von seinem Anwalt und dem Eilantrag des Senates hört, öffne er die Bar nun wieder länger als 23 Uhr. Auch Sandra Hollweck im „Starken August“ haderte mit der unklaren Rechtslage. Bleibt das Alkoholverbot nach 23 Uhr bestehen, könne auch die Sperrstunde bleiben, so Hollweck. Sie kämpfe um ihre Existenz. Der Hauptumsatz beginne oftmals erst um 23 Uhr. Die drohende Pleite bereite ihr täglich Sorgen.

Wie Hollweck geht es vielen Wirten in Berlin. Nach einer aktuellen Umfrage des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) fürchten drei von vier Gastronomen, noch in diesem Jahr schließen zu müssen. 12,5 Prozent droht die Insolvenz schon im Oktober. „Das Hin und Her schadet der Akzeptanz“, kritisierte Dehoga-Hauptgeschäftsführer Thomas Lengfelder. Er appellierte an die Gäste, Betriebe zu verlassen, die sich erkennbar nicht an die Vorschriften halten. Nach Angaben des Branchenverbands haben mehrere Gastronomen inzwischen auch eine Beschwerde gegen das Alkoholverbot angestrengt.

Auch Michaela Krüger von der „Bar am Ufer“ in Neukölln wendet sich gegen das Alkoholverbot. „Eine Bar ist nicht ein Ort, um sich zu betrinken, sondern um sich gesellschaftlich zu begegnen“, sagte Krüger. Mit der Sperrstunde sei zu befürchten, dass sich die Menschen an Orten ohne Hygienekonzepte träfen.

In der Kneipe „August Fengler“ in Prenzlauer Berg ist der Ärger über die aktuelle Situation ebenfalls groß. In der seit 1936 bestehenden Bar steht Elli Helmreich am Zapfhahn. „Mein Job hängt von dem Ausschankverbot ab“, sagte Helmreich. Es mache wütend, wenn sich Kollegen nicht an die Vorschriften halten und andere darunter leiden müssen. Sie hat gesehen, wie das Personal in den vergangenen Monaten geschrumpft sei. In dieser Woche habe sie immer pünktlich um 23 Uhr die Gäste „hinausgescheucht“. Sie mache das gern wegen der Gesundheit, aber weniger gern mit Blick auf den Geldbeutel. Wegen der Sperrstunde fehlten ihr an jedem Arbeitstag Einnahmen. Hochgerechnet seien das bei ihr 500 Euro im Monat. Das tägliche Hin und Her habe deutliche Auswirkungen auf ihr Leben. Daran wird sich in den kommenden Tagen voraussichtlich auch nichts ändern.