Digitalisierung

Mehrheit der Deutschen will ein digitaleres Amt

Ein physischer Amtstermin dauert im Schnitt 2,5 Stunden. Der Branchenverband Bitkom fordert daher mehr Tempo bei der Digitalisierung.

Im Schnitt muss jeder Deutsche 64 Minuten vor einem Termin beim Amt warten. Samt An- und Abfahrt und Bearbeitung müssen für den Behördengang zweienhalb Stunden eingeplant werden.

Im Schnitt muss jeder Deutsche 64 Minuten vor einem Termin beim Amt warten. Samt An- und Abfahrt und Bearbeitung müssen für den Behördengang zweienhalb Stunden eingeplant werden.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Berlin. Virtuelle Behördengänge aus dem Wohnzimmer statt Papierberge im Amt: Das wünschen sich die meisten Deutschen. Wer einen Termin bei der Verwaltung hat, muss dafür im Schnitt zweieinhalb Stunden einplanen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Digitalbranchenverbands „Bitkom“ hervor, die am Donnerstag vorgestellt wurde.

Demnach entfallen von den insgesamt 148 Minuten 59 auf die An- und Abfahrt, 64 auf das Warten und lediglich 25 auf die eigentliche Bearbeitung des Anliegens. „Das ist eine Situation, die von vielen Bundesbürgern als eine Zumutung empfunden wird“, sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Laut der Umfrage sind mit 83 Prozent acht von zehn Bürgern der Meinung, dass Ämter prinzipiell zu lang brauchen.

52 Prozent sind überzeugt, dass das meiste online geht

Entsprechend sind 76 Prozent der Befragten der Ansicht, dass mit digitalen Behördengängen Zeit gespart werden kann. Und mit 52 Prozent steht für jeden Zweiten fest, dass die meisten Verwaltungsangelegenheiten problemlos online erledigt werden können. „Es kann nicht sein, dass Menschen Urlaub nehmen müssen, nur um einen schlichten Verwaltungsvorgang anzustoßen“, sagt Bitkom-Chef Rohleder. Das sei bereits vor der Corona-Krise völlig anachronistisch gewesen. „Ziel muss sein, ohne Ausnahme alle Verwaltungsleistungen in Bund, Ländern, Gemeinden und nachgeordneten Behörden digital anzubieten.“

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Insgesamt sind 91 Prozent der Befragten der Ansicht, dass man Dokumente wie den Reisepass oder den Personalausweis auch einfach automatisch verlängern oder versenden kann. „Es gibt auch keinen Grund dafür, das wir eine Geburtsurkunde nach einer Geburt beantragen müssen“, sagte Rohleder. Automatismus statt eines Verwaltungsvorgangs würde die Prozesse verschlanken und bürgerfreundlicher machen.

Bürger schenken Staat Vertrauensvorschuss

Mehr als die Hälfte der Deutschen (57 Prozent) stuft seinen Wohnort als digital rückständig ein. Und nur ein gutes Drittel (37 Prozent) beurteilt den Digitalisierungsgrad seiner Gemeinde als fortgeschritten. 78 Prozent wünschen sich, dass die Digitalisierung in den Städten und Gemeinden mit mehr Nachdruck verfolgt wird. Allerdings geben die Bürger dem Staat auch einen Vertrauensvorschuss. So trauen mit 64 Prozent zwei von drei Deutschen ihrer Stadt- oder Gemeindeverwaltung einen kompetenten Umgang mit Digitalthemen zu. Diesen Vorschuss dürfe die Verwaltung nicht verspielen, sagte Rohleder.

Außerdem sind 66 Prozent der Meinung, dass die Corona-Krise die Digitalisierung der Verwaltung beschleunigt. Tatsächlich haben aber nur 47 Prozent aller Verwaltungen in Deutschland seit Beginn der Pandemie auch neue digitale Angebote eingeführt. Zehn Prozent aller Befragten äußerten sich enttäuscht, dass es diese Angebote an ihrem Wohnort nicht gibt. Insgesamt haben 22 Prozent aller Deutschen die digitalen Angebote wahrgenommen und 25 Prozent nicht. Tatsächlich möchten 82 Prozent der Befragten derzeit auch nicht physisch auf dem Amt auftauchen.

Bei Fragen des Datenschutzes zeichnet sich aber ein differenzierteres Bild. So sprechen sich zwar 82 Prozent für ein einheitliches Bürgerkonto aus, über dass man sich identifizieren kann und so Zugang zu allen Verwaltungsleistungen hat. Allerdings sind nur 44 Prozent der Befragten bereit, ihre Stammdaten zu hinterlegen und zu erlauben, dass diese zwischen einzelnen Ämtern ausgetauscht werden. Von den 26 Prozent aller Befragten, die digitale Angebote der Behörden grundsätzlich ablehnen, fürchten sich wiederum 81 Prozent vor dem sogenannten „gläsernen Bürger“, 66 Prozent sind aber auch der Meinung, dass dadurch zwischenmenschliche Kontakte leiden.

Messe Berlin veranstaltet Digitalisierungskongress

Die Messe Berlin veranstaltet vor diesem Hintergrund am 27. und 28. Oktober die „Smart Country Convention“ (SCCON). Sie versteht sich als Plattform zur Digitalisierung der Verwaltungen und des öffentlichen Sektors. Aufgrund der Corona-Pandemie findet der Kongress in diesem Jahr vollständig online statt. „Teilnehmer können das umfangreiche Kongressprogramm bequem von zu Hause oder im Büro verfolgen und zwar als Livestream oder im Nachgang on demand“, sagt Jens Heithecker, Executive Vice President der Messe Berlin.

Die SCCON versteht sich als größte deutsche Digitalisierungsmesse für E-Government und Smart City. Im vergangenen Jahr zählte sie nach eigenen Angaben mehr als 12.700 Teilnehmer, 150 Aussteller und mehr als 400 Redner. Von den Besuchern seien 30 Prozent aus der Digitalwirtschaft, weitere 30 Prozent aus der Wissenschaft, aus Verbänden oder Vereinigungen und 40 Prozent aus der Verwaltung, wobei davon die meisten aus den Kommunen kamen.