Kandidatur

Chebli gegen Müller: Der Showdown in der SPD beginnt

Ob Michael Müller oder Sawsan Chebli für die SPD in der City West für den Bundestag kandidiert, entscheidet sich ab Freitag.

Wollen beide SPD-Kandidaten in Charlottenburg-Wilmersdorf werden: Michael Müller und seine Staatssekretärin Sawsan Chebli

Wollen beide SPD-Kandidaten in Charlottenburg-Wilmersdorf werden: Michael Müller und seine Staatssekretärin Sawsan Chebli

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Die Unterlagen zur Briefwahl sind bereits in den vergangenen Tagen per Post bei den SPD-Mitgliedern in Charlottenburg-Wilmersdorf eingegangen. Von Freitag an können sie an den Kreisverband zurückgeschickt werden, gleichzeitig beginnt auch das Onlinevoting. Dann ertönt der offizielle Startschuss für die Entscheidung, ob Michael Müller oder Sawsan Chebli die Sozialdemokraten in der City West als Direktkandidat in den Bundestagswahlkampf führen soll. Bis zum 27. Oktober haben die Genossen Zeit, ihre Stimme abzugeben. Die Frage ist, mit welchen Chancen beide in die entscheidenden Wochen gehen.

Als Favorit gilt weiterhin der Regierende Bürgermeister Müller. Von Juso-Chef Kevin Kühnert um die Kandidatur in seinem Heimatwahlkreis Tempelhof-Schöneberg gebracht, sollte er mit Unterstützung des Senatskanzlei-Chefs und Müller-Vertrauten Christian Gaebler für die Partei in Charlottenburg-Wilmersdorf um den Einzug in den Bundestag kämpfen. Gesprengt wurde dieser vermeintliche Deal von Chebli. Offenbar ohne vorherige Absprache bewarb sich auch Müllers eigene Staatssekretärin um die Kandidatur. Unkalkulierbarer ist die Situation für Müller, seit sich der Kreisvorstand darauf verständigt hat, die Wahl nicht durch Delegierte vorzunehmen, sondern alle Parteimitglieder in Charlottenburg-Wilmersdorf abstimmen zu lassen.

„Hauptanliegen ist faires und gutorganisiertes Verfahren“

Seither ist der Kampf um die Gunst der Basis in vollem Gang. Nach Vorstellungen im Kreisvorstand und einer Veranstaltung der Jusos präsentierten sich Müller und Chebli zuletzt am vergangenen Wochenende rund 80 Parteimitgliedern auf einer Veranstaltung in der Sömmeringhalle auf der Mierendorffinsel. Am Freitag stehen sich die beiden bei einer rein digitalen Veranstaltung des Kreisvorstands erneut gegenüber, zwei letzte Runden sind für die kommende Woche bei Arbeitsgemeinschaften der Kreis-SPD geplant.

Ein aufwendiges Prozedere. Der Kreisvorsitzende Kian Niroomand verteidigt das Vorgehen. „Unser Hauptanliegen ist, dass wir ein faires und gutorganisiertes Verfahren hinbekommen, wo die Inhalte im Vordergrund stehen.“ Es sei ein demokratischer Wettbewerb auf sehr hohem Niveau. Müller und Chebli beschreibt Niroomand in dieser Situation als sehr professionell, inhaltlich profiliert und sachorientiert. „Es ist gut, dass wir diese Befragung so umfangreich gestalten, damit wir ein Ergebnis bekommen, das breite Akzeptanz hat.“

Und doch ist es ein Kandidatenkampf, der trotz der meist parteiinternen Veranstaltungen zwangsläufig auch in der Öffentlichkeit für Wirbel sorgt – mehr als manchem in der Charlottenburg-Wilmersdorfer SPD lieb ist. Vor allem von Cheblis Auftreten sind viele in den Gremien des Kreises offenbar genervt. Auch ohne die besonderen Umstände beim Zustandekommen des Kandidatenkampfs.

Auch wenn sich der Kreisvorstand nicht offen für einen der beiden Kandidaten ausspricht, ist dennoch klar, dass die große Mehrheit im Gremium hinter Müller steht. Manche werfen Chebli Selbstinszenierung vor. „Die starke mediale Präsenz und ihr Auftreten in den Parteirunden sind auf Unmut gestoßen“, heißt es aus Führungskreisen der Charlottenburger SPD. Viele Funktionäre seien von Beginn an für Müller gewesen, andere habe die Staatssekretärin aber erst mit ihren Aussagen verschreckt. Dazu gehöre, die Arbeit der Partei kontinuierlich schlecht zu reden – so, als säße sie nicht selbst mit in der Regierung.

Westernhagen und Eko Fresh unterstützen die Kandidatin

Chebli glaubt trotz des Gegenwinds aus den Parteigremien an ihre Chance. „Es ist ein offenes Rennen“, sagt sie der Berliner Morgenpost. Dass einige ihr nur Außenseiterchancen einräumen, ficht sie nicht an. „Ich habe in den vergangenen Wochen sehr viel Rückhalt erfahren. Vor allem auch von Menschen, die nicht in der Partei organisiert sind. Ich bin in der Lage, Menschen zu aktivieren, die uns bisher nicht gewählt haben, nicht mehr wählen oder einfache Mitglieder sind. Genau das brauchen wir als SPD, um aus dem Keller herauszukommen.“ Auf diese bislang stimmenlose Parteibasis, die den Großteil der knapp 2500 Wahlberechtigten ausmachen, setzt Chebli ihre Hoffnungen. Ob das aufgeht, ist fraglich. Unter den Kreisverbänden der Sozialdemokraten ist der in Charlottenburg-Wilmersdorf jener mit dem zweithöchsten Durchschnittsalter. Mehr als ein Drittel der Mitglieder ist über 60 Jahre alt. Keine Leute, die zu allzu großen Experimenten neigen. Müller darf sich unter ihnen als der deutlich bekanntere der Kandidaten Chancen ausrechnen.

Auch von universitärer Seite bekommt Müller Unterstützung. In einem offenen Brief sprachen sich vor wenigen Tagen sieben Berliner Professoren für Müller, der auch Wissenschaftssenator ist, aus. Doch auch Chebli kann bekannte Fürsprecher verbuchen. Auf ihrer Internetseite präsentiert sie eine Liste, wer sich für sie einsetzt – darunter der Musiker Marius Müller-Westernhagen oder Rapper Eko Fresh. Auch Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner unterstützt sie.

Sich seines Sieges sicher soll sich offenbar auch Müller aktuell nicht sein. Zumindest zurücktreten wird der Regierende Bürgermeister aber wohl nicht, sollte er unterliegen. Auch so steht in den kommenden Wochen eine Entscheidung an, die für jeden der beiden Kandidaten einschneidend sein wird.

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