Corona-Krise

Sperrstunde wegen Corona: Das sagen Berliner Geschäftsleute

Ab Sonnabend müssen Läden, Bars und Lokale von 23 Uhr bis 6 Uhr schließen. Was das für das Gastro- und Hotelgewerbe bedeutet.

Achkan Coisel von der „Paris Bar“ in Charlottenburg hält die neuen Maßnahmen gegen Corona für „sinnvoll“.

Achkan Coisel von der „Paris Bar“ in Charlottenburg hält die neuen Maßnahmen gegen Corona für „sinnvoll“.

Foto: Maurizio Gambarini/FFS

Berlin. Der Senat hat drastische Verschärfungen gegen die Ausbreitung des Coronavirus in Berlin beschlossen, die ab kommenden Sonnabend 0 Uhr und zunächst bis 31. Oktober gelten. Dazu gehört, dass Geschäfte wie Supermärkte und Spätis sowie alle Restaurants und Bars von 23 bis 6 Uhr schließen müssen. Tankstellen dürfen nur noch Treibstoff und Autoersatzteile anbieten, jedoch keinen Alkohol.

Das Gastgewerbe hat die Maßnahme scharf kritisiert. „Unsere Branche liegt auf der Intensivstation“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Thomas Lengfelder. Hotels und Gaststätten hätten sich in den vergangenen Monaten an alle Vorschriften gehalten und würden nun dafür bestraft. „Uns ist nicht bekannt, dass es in Hotels, Gaststätten und Bars zu Infektionen kommt – warum wird trotzdem nun eine ganze Branche stillgelegt?“, fragte Lengfelder. Nach einer aktuellen Umfrage bei den Dehoga-Mitgliedern fürchten drei Viertel der Gastro- und Hotelbetriebe um ihre Existenz.

Andere Vertreter der Hotels und Gaststätten schlossen sich der Kritik an. „Wir fühlen uns schlichtweg verraten“, sagte Roberto Manteufel von der Vereinigung „Bars of Berlin“. Die Entscheidung des Senats, eine Sperrstunde einzuführen, bringe die Branche zum zweiten Mal in „pure Existenzangst“. Alle seien sich einig darin, dass die steigenden Infektionszahlen vor allem durch private Feiern, Hochzeiten und illegale Partys verursacht würden, deshalb sei es unverständlich, dass nun die professionellen Gastrobetriebe eingeschränkt würden.

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Sperrstunde in Berlin: Laut Industrie- und Handelskammer der falsche Weg

Auch Hotelier Michael Zehden sieht seine Branche vor dramatischen Wochen. Sollte es nicht schnelle Hilfen geben, wisse er nicht, wie viele Hotels die Krise überleben. „Es ist zwar ein Unterstützungswillen vorhanden, aber es geschieht nichts“, sagte Zehden.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht in der Sperrstunden-Regelung ebenfalls den falschen Weg. „Zum Schaden der Stadt haben es die Verantwortlichen nicht geschafft, über die Landesgrenzen Berlins hinaus bekannte Party-Hotspots auf Basis der bereits geltenden Regeln aufzulösen“, sagte IHK-Präsidentin Beatrice Kramm.

Der Senat verteidigte die Entscheidung. Sie sei vor dem Hintergrund des aktuellen Infektionsgeschehens gerechtfertigt, um schärfere Maßnahmen zu vermeiden, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Christian Rickerts. Seit März habe das Land verschiedene Hilfsprogramme und Hilfsleistungen auf den Weg gebracht und passe sie regelmäßig an. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) geht davon aus, dass sich die neuen Maßnahmen frühestens in 14 Tagen in den Zahlen niederschlagen werden. „Bis dahin wird die Inzidenz weiter steigen, und sie steigt dramatisch“, sagte Lederer. „Alle müssen überlegen, was sie zur Durchbrechung der Infektionsketten tun können. Sonst wird es bitter.“

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"Als Späti machen wir unser Hauptgeschäft am Abend“

Für den Spätkauf an der Kantstraße nahe dem Savignyplatz, in dem Murat Aydin arbeitet, bedeutet die nächtliche Sperrstunde große Umsatzverluste. „Unser Hauptgeschäft machen wir vor allem im Winter am Abend“, sagt Aydin. Dann kommen größere Gruppen von Touristen oder Jugendlichen vorbei, um sich mit Genussmitteln aller Art einzudecken. Der Spätkauf hat von Montag bis Sonnabend bis 2 Uhr nachts geöffnet. Spätabends komme erst die „große Welle“ an Kunden, erzählt Aydin. Zumindest in den Sommermonaten könne er sich auch am Tag über mehr Kundschaft freuen – vor allem während der Ferienzeit, wenn schönes Wetter ist. Tendenziell jedoch kauften die Berliner ihre Milchtüten und andere Lebensmittel dann eher „bei Edeka“, wo diese günstiger angeboten werden.

Verkraften könne der Späti eine Schließung ab 23 Uhr noch, lautet Aydins Einschätzung. Er erinnert sich an schlimmere Zeiten im Frühjahr, kurz nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Da seien plötzlich Polizisten in den Laden gekommen und hätten erklärt, dass nun alle Spätkaufstellen schließen müssen. Kurz darauf durfte das Geschäft wieder öffnen. „Aber wir haben damals immer um 18 Uhr geschlossen und haben wohl locker 70 Prozent weniger verdient“, sagt Aydin. Der Umsatz, den der Laden zu dieser Zeit gemacht habe, würde langfristig nicht ausreichen, um ihn weiter zu betreiben.

„Den Wirten könnte noch Schlimmeres bevorstehen“

Achkan Coisel ist davon überzeugt, dass die Sperrstunde für Gastronomen mindestens bis Ende 2020 bestehen bleibt – und nicht nur bis zum 31. Oktober, wie vom Senat am Dienstag beschlossen. Ihn sorgt vor allem der erneute Anstieg der Corona-Infektionen in Europa. „Wenn man sich die Situation in Ländern wie Spanien, Italien oder Portugal ansieht, dann könnte uns auch bald noch etwas Schlimmeres bevorstehen,“ sagt der Mitarbeiter der „Paris Bar“ an der Kantstraße in Charlottenburg.

Während seiner Zigarettenpause auf die neuen Corona-Regeln angesprochen, reagiert er zunächst etwas verärgert. Dann erklärt er, dass er die Maßnahmen doch für „sehr sinnvoll“ halte, obwohl er sich darüber aufrege. Die „Paris Bar“ betreffe die Sperrung ab 23 Uhr abends besonders, weil das Restaurant eigentlich bis 1 Uhr morgens warme Speisen anbietet. „Auch spätabends haben wir umsatzstarke Stunden“, sagt Coisel, „da kommt noch einmal ein zweiter großer Schwung an Gästen. Die Tische werden eigentlich abends mehrmals besetzt. Das geht nun nicht mehr.“

Coisel hofft, dass Berlin nun nicht wieder ein kompletter Lockdown ähnlich wie im Frühjahr bevorsteht. Allerdings, so fügt er hinzu, schätze er die Chancen dafür als relativ gering ein: „Ich denke, dass die Regierungen dafür sorgen wollen, dass sich die Wirtschaft wieder erholt.“

„Tankwarte sind mit einem blauen Auge davongekommen“

Tankwarte wie er seien bei den neuen Corona-Maßnahmen des Senats „noch mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Mehmet Öztürk. Er betreibt die SB-Tankstelle an der Fraunhofer Straße in Charlottenburg. Laut Senatsbeschluss dürfen Tankstellen weiterhin rund um die Uhr öffnen, dabei aber lediglich Ersatzteile und Treibstoff anbieten.

„Dass wir spätabends zum Beispiel keinen Alkohol mehr verkaufen dürfen, trifft uns nicht so hart“, sagt Öztürk. Er zeigt aus dem Fenster. Die Umgebung sei kein reines Wohngebiet. „Kunden, die Lebensmittel kaufen, sind vor allem Studenten der Technischen Universität, die in der Nähe ist“, sagt er. Und auch diese kämen meist nicht spätabends. Generell sei der Umsatz in den Abendstunden eher gering. Die Tankstelle öffne er lediglich deshalb rund um die Uhr, weil er Angst vor Einbrüchen habe, so Öztürk. Das Gelände sei nicht ausreichend gegen Diebstahl gesichert.

Natürlich könne es sein, dass andere Tankstellen abends mehr Laufkundschaft haben und deshalb stärker unter der Sperrstunde leiden, sagt Öztürk. Müsste er wegen der Pandemie irgendwann noch früher oder gar komplett schließen, würde das auch ihn vor große Probleme stellen. „Aber mir tun vor allem die Gastronomen leid. Ich denke, sie treffen die Maßnahmen am härtesten“, so der Tankwart.

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