Wolf Biermann

„Das Beste an unserer Vereinigung ist, dass kein Blut floss“

Der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann über den Fall der Mauer und die deutsche Einheit– und über seine Besuche in Berlin.

Wolf Biermann (83) ist in Hamburg geboren und siedelte 1953 in die DDR über. Im Jahr  1976 wurde er aus der DDR ausgebürgert. Er lebt mit seiner Frau Pamela in Hamburg. Biermann ist seit 2007 Ehrenbürger Berlins – auf Vorschlag von CDU, FDP und Grünen.

Wolf Biermann (83) ist in Hamburg geboren und siedelte 1953 in die DDR über. Im Jahr 1976 wurde er aus der DDR ausgebürgert. Er lebt mit seiner Frau Pamela in Hamburg. Biermann ist seit 2007 Ehrenbürger Berlins – auf Vorschlag von CDU, FDP und Grünen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler / picture alliance/dpa

Berliner Morgenpost: Herr Biermann, wie geht’s Ihnen? In diesen schwierigen Corona-Zeiten?

Wolf Biermann: Mir geht es nicht gut ... sondern mir geht es zu gut. Und sowas kann gefährlich sein. Man wird übermütig, und die Götter werden neidisch.

Wir wollen heute über die deutsche Einheit sprechen, am 3. Oktober feiern wir die Vereinigung Deutschlands, in diesem Jahr 30 Jahre deutsche Einheit. Was bedeutet Ihnen dieser Tag?

Das nackte Datum nichts. Aber das, worum es geht, was Wunder, bedeutet mir viel. Ich bin ja, weil ich in beiden deutschen Staaten gelebt habe, kein deutscher Lyriker, sondern der deutsch-deutsche Dichter geworden. Auch meine poetische Gefühlsökonomie war immer eng verbunden mit dem tiefen Riss, der durch unser prekäres Vaterland ging.

Sie sagten, das Datum bedeutet Ihnen nichts. Ist Ihnen der 9. November wichtiger als der Tag der Deutschen Einheit, als der 3. Oktober?

Für mich ist der 9. November als Gelegenheit einer Feier der Wiedervereinigung bewegender. Dieses Datum hat im deutschen Geschichtskalender ja die widersprüchlichsten Bedeutungen. Das stachelt den Verstand und inspiriert das Gemüt, so kann ich gut über die komplexen Querverbindungen zu anderen historischen Ereignissen nachdenken.

Deswegen wäre vielleicht auch der 9. November der bessere Feiertag gewesen?

Womöglich der klügere.

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Vor 30 Jahren, als Deutschland wieder eins wurde, hat man sich kaum vorstellen können, wie es in 30 Jahren sein wird. Sind wir jetzt, 30 Jahre später, ein Land, also eins, geworden?

Ja und Nein – beides. Da geht es im Politischen den Völkern wohl ähnlich wie einzelnen Menschen im Privaten. In jedem lebendigen Leben läuft was falsch. Sowas tut weh. Aber ich erwarte keine bequeme Kitsch-Idylle. Ich rechne immer mit Widrigkeiten und versuche immer mein Bestes. Und deswegen bin ich, was unser Land betrifft, nicht enttäuscht im falschen Hoffen. Das schnappte ich bei Brecht auf: Den übertriebenen Hoffnungen folgt leicht die übertriebene Hoffnungslosigkeit.

Was ist denn Ihrer Meinung nach gut gelaufen?

Das Beste an unserer Vereinigung ist, dass kein Blut floss. So billig kommt ein Volk in der Weltgeschichte nicht oft davon. Und 1989 war was Neues: die erste erfolgreiche und zugleich friedliche Revolution in Deutschland.

Welche Fehler sind Ihrer Meinung nach im Vereinigungsprozess gemacht worden? Was ist falsch gelaufen?

Genau darüber hat mein Freund Ilko Kowalczuk, einst tapferer DDR-Punker – und heute ein hochkarätiger und eigensinniger Historiker, uns Deutschen ein glänzendes Buch geliefert, eine wahrhaftige Analyse. Der Titel: „Die Übernahme“. Es lohnt sich, dieses Werk zu lesen, jedenfalls mehr, als wenn ich Ihnen jetzt flott ein paar Schlagworte daherrede.

Anders gefragt: Was hätte denn besser laufen können und müssen? Was hätten Sie sich gewünscht?

Dass meine Frau Pamela mich nicht ärgert: Jedes Mal, wenn wir zu Besuch in Berlin sind.

Oha. Womit ärgert sie Sie?

Ausgerechnet diese lebenskluge Hamburgerin! Meine Liebste liebt offenbar dieses verrückt grobschlächtige Berlin. Pamela und ich sind ein Paar seit 1983. Wir leben sehr gut in unser beider Vaterstadt, an der Elbe. Aber wenn ich mit ihr über die Spree auf der Weidendammer Brücke schlendere, an meinem preußischen Ikarus-Adler vorbei, und rüber zum Berliner Ensemble, dann schmerzt mich ihr Seufzer: „Ach Wolf, unsre Kinder sind groß, wollen wir nicht doch nach Berlin ziehen. Du gehörst doch in diesen Kiez!“ Dann knurre ich: „Ach was! Der Biermann gehört nach Berlin – aber der Wolf gehört nach Hamburg.“ Und das ist unser Running Gag: Ich besänftige meine Frau dann mit einer Notwahrheit, als wäre es eine Notlüge: „Ach, wo Du bist, meine Schöne, ist es für mich am Allerbesten – so wie es romantisch im Liede heißt: egal, an dem oder jenem Ort.“

Sie haben zu DDR-Zeiten nicht nur in Berlin, in Ost-Berlin gelebt, sondern Sie sind auch Berliner Ehrenbürger. Wie oft sind Sie denn in Berlin?

Nach meinem Geschmack oft genug. Nach dem Gefühl meiner Frau zu selten.

Oft genug – heißt, zwei bis drei Mal im Jahr?

Nein, nein. Vielleicht’n gutes Dutzend mal. Berlin ist für mich ja die Vorstadt von Hamburg, besonders, seit man mit dem Vorortzug ICE bequem hin- und zurückfahren kann. Und so schnell, dass sich gar keine Flugverbindung mehr lohnt für diese Strecke. In Berlin haben wir – was Wunder! – allerhand mehr altvertraute innige Freunde und natürlich paar treue alte Feinde. Aber Hamburg ist meine starke Vaterstadt.

In den Jahren nach der deutschen Einheit, im Vereinigungsprozess war stets ein großes Thema, wie man mit den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit, mit den Hauptamtlichen, aber auch mit den Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi umgeht. Haben wir das richtig gemacht?

In der Stasi-Debatte gerieten wir in eine verwirrende Schiefheit. Da wurde was vergessen, verdrängt, kaschiert: Nicht das MfS, sondern ausschließlich die Partei entschied über alles im Unrechtsstaat. Die fröhliche IM-Spitzel-Schnitzeljagd und das Bauernopfer der Generäle Mielke und Markus Wolf nach 1989 war der letzte große Dienst, den die Staatssicherheit ihren Genossen der Partei-Nomenklatura zum Schluss noch leistete. So gelang es der SED-Führung, wie dem Apparatschik Erich Honecker, seinem Nachfolger Egon Krenz und dem Unrechtsanwalt Gysi, den Zorn vieler Deutscher von sich abzulenken. Die Stasi half etlichen schuldbeladenen Parteikadern dabei, gutbürgerliche Pfründe, als Abgeordnete in den demokratischen Parlamenten, zu ergattern.

In Berlin regiert die Linke seit vielen Jahren mit – erst unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in einer rot-roten Koalition, jetzt unter Michael Müller in einer rot-rot-grünen Koalition. Im Moment hat man das Gefühl, die Linken haben völlig vergessen, was zu DDR-Zeiten passiert ist – sei es bei der Einführung eines Mietendeckels oder beim Vorschlag, wieder staatliche Kaufhäuser zu schaffen. Haben Sie den Eindruck, dass die Linke in den vergangenen Jahren zu gut weggekommen ist?

Historisch gesehen sind sie die Versager und die Verlierer. Aber für viele entmachtete Funktionäre des totalitären Machtapparates war der Absturz zugleich ein Aufstieg. Sie schafften es, mit Hilfe des zynischen IM „Notar“, ihren Raub aus Jahrzehnten elegant in bürgerliches Eigentum umzuwandeln. Und sie genießen nun mit schiefem Grinsen die verachteten Freiheiten und die Annehmlichkeiten der weltoffenen kapitalistischen Gesellschaft.

Macht Sie das wütend? Empört Sie das?

Wütend nein, weil der historische Gewinn für das ganze Volk doch viel, viel größer ist. Aber es empört mich, dass die meisten Täter fettere Renten vom Staat kassieren als ihre gebeutelten Opfer.

Hat sich Ihr Bild der DDR oder Ihr Rückblick auf Ihr Leben in der DDR in den letzten 30 Jahren verändert?

Mag sein. Ich jedenfalls muss keine alten Rechnungen begleichen mit diesen Bankrotteuren. Ich habe diese Menschenfeinde, als sie noch allmächtig waren, mit meinen kritischen Gedichten und den Liedern getroffen und mit einigem Erfolg an die Wand gelacht. Das reicht mir aus.

Man könnte sagen, Sie sind ein glücklicher Mensch. Verstehen Sie, dass viele Ostdeutsche sich abgehängt fühlen? Dass sie beklagen, dass es noch immer ungleiche Renten gibt, eine ungleiche Bezahlung – und das nach 30 Jahren.

Ja. Aber verstehen heißt nicht auch Verständnis haben. Ich weiß nämlich, dass diese Unterschiede, gemessen an den himmelschreienden Diskrepanzen mit dem Elend in aller Welt, geradezu nichtig sind. Die Deutschen gehören zu den reichsten Völkern dieser Erde. Trotz mancher Widrigkeiten bei der Wiedervereinigung dürfen wir dieses globale humane Maß nicht missachten.

Wir erleben gerade durch die Corona-Pandemie eine Verächtlichmachung der Demokratie. Menschen, die sich Querdenker nennen, werfen der Regierung vor, dass sie ihnen ihre Freiheit nehmen würde, weil sie Masken tragen müssten. Reichsbürger trauen sich auf die Straße, es wehen Reichsfahnen, es wird sogar der Versuch unternommen, den Reichstag zu stürmen. Wie erleben Sie diese Verächtlichmachung der Demokratie?

Die Weltuntergangs-Prediger, wie auch deren Mitläufer, die jetzt in Berlin am Brandenburger Tor so todesmutig für ihre Narrenfreiheit kämpfen, sind Toren. Im Schutze unserer Demokratie wimmelt es plötzlich von heldenmütigen Feiglingen, die gegen die Demokratie mit Demokratiephrasen auf die Straße gehen. Sie rebellieren gegen „Corona-Diktatur“ gegen die „Merkel-Diktatur“ und gegen die ganze „Lügenpresse“. Diese Mucker sind genau jene muffigen Aufmucker, die ich aus meinem Leben in der DDR kenne: Das Schlechte verschwiegen sie brav oder redeten es feige klein. Und jetzt, umgekehrt, reden sie hysterisch das Gute schlecht. In der Diktatur haben sie gekuscht, jetzt kreischen sie. Aber zu gleicher Zeit verbluten in dieser Welt die echten Freiheitskämpfer in Minsk gegen Lukaschenko und in Moskau gegen Putin. Es leiden in den riesigen rot-chinesischen Konzentrationslagern Millionen Unschuldige. Im abgewürgten Hongkong werden die Demonstranten eingekerkert, und in Venezuela werden Demokraten gefoltert von Maduros Lemuren. Den todesmutigen Freiheitskämpfern gilt meine Hochachtung. All den tapferen Widerständlern gilt meine Hoffnung, den zivilen Gefallenen im ewigen Freiheitskriege der Menschheit gilt meine Trauer.

Sehen Sie überhaupt eine Gefahr für unsere Demokratie im wiedervereinigten Deutschland?

Mir kommt der Rechtsstaat in Deutschland noch stabil vor. Dabei weiß ich wohl, dass es keine Demokratie auf der Welt gibt, die nicht immer wieder von innen oder auch von außen in Existenzkrisen gerät. Der große Staatsmann und Geschichtsschreiber Churchill behauptete, die Demokratie sei eine schlechte, nein, sogar die schrecklichste Gesellschaftsordnung. Sie sei allerdings von allen, die es auf der ganzen Welt gibt, die mit Abstand allerbeste. Sie kennen dieses Zitat doch …

Sicher...

Als ich noch in der DDR lebte, hatte ich dessen Bonmot nur halb verstanden. Ich dachte, dieser schlitzohrige Rhetoriker lockt die Leute in die Irre. Wie ein gewiefter Witzeerzähler, sagt er erstmal, die Demokratie sei schlecht schlecht schlecht…, damit dann seine ins Positive gedrehte Pointe um so stärker knallt. Ich ahnte nicht, dass dieser geniale Sturkopp den ersten Teil seines oft zitierten Wortes auch todernst meinte. Diese dialektische Volte habe ich Ostmensch erst später im Westen kapiert. Den elitären Upperclass-Menschen Sir Winston Churchill aus der Hocharistokratie im Britischen Empire kotzte die Demokratie in echt an. (lacht) Demokratie ist mühsam. Sie quält uns immer wieder damit, dass wir unsere Freiheiten gegen eine Mehrheit der aggressiven Populisten verteidigen oder zurückerobern müssen.

Ganz schön viel Arbeit macht uns unsere Demokratie…

Aber was für ein Glück! Was ’n Riesenvorteil, dass wir gelernten DDR-Bürger nun diese neuen Schwierigkeiten haben und nicht mehr die ausgeleierten alten.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, gerne auch zwei oder drei: Was wünschen Sie Deutschland, dem seit 30 Jahren wiedervereinigten Deutschland?

Dass die Deutschen auf dem steinigen Weg zur Freiheit weitergehen, unbeirrt von allen überraschenden Widrigkeiten bei der Globalisierung. Das wäre ein großer Beitrag nicht nur für uns selber, sondern sogar für die Menschheit. Es ist nämlich kein Wunder, dass unser schuldbeladenes Vaterland paradoxerweise inzwischen ein Hoffnungsland geworden ist für viele Menschen, und zwar in aller Welt. Mein Sohn Felix Havemann ist Israeli geworden. Von ihm weiß ich, was der wichtigste Hoffnungsort für viele junge Israelis geworden ist, besonders für die Nachgeborenen der deutschen Juden, die sich damals vor Hitler nach Palästina gerettet hatten. Liebe Christine Richter, Sie können sich wohl denken, was heute im Gelobten Land die gelobte Stadt geworden ist, für solche jungen Juden ...

Berlin.

... na klar: BERLIN! Und das ist für mich, den geborenen Gottlosen, ein jüdischer Gottesbeweis. Und es freut mein Ostberliner Herz.