Jobs

Wie das Start-Up „Diversicon“ Autisten zur Arbeit verhilft

Ein Prozent aller Menschen sind Autisten, 85 Prozent davon haben keine feste Arbeitsstelle. Das Kreuzberger Start-up will das ändern.

Sally Ollech und Gründer René Kuhlemann in den Räumen des Sozial-Start-ups Diversicon in Kreuzberg.

Sally Ollech und Gründer René Kuhlemann in den Räumen des Sozial-Start-ups Diversicon in Kreuzberg.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Marcel Guttzeit spricht von Lernproblemen, von seiner Nervosität, seinem Perfektionismus. „Das hat alles so gegeneinander gearbeitet in mir“, sagt der 53-Jährige. An eine Arbeit als normaler Angestellter war lange nicht zu denken. Mittlerweile ist das anders. In seinem Job fühle er sich wohl und angekommen. Er könne nachfragen, wenn er etwas nicht verstehe. „Und wenn was komisch ist, sage ich das einfach – habe ich mich früher nicht getraut.“ Seit eineinhalb Jahren arbeitet Guttzeit im Repro- und Werbezentrum Prenzlauer Berg. Es ist die erste Festanstellung seines Lebens. „Und ich möchte ihn nicht mehr missen“, sagt Chefin Karin Meyer.

Guttzeit weiß seit 2016 von seinem Autismus. Damit teilt er das Schicksal von knapp einem Prozent aller Menschen. Und davon sind mit 85 Prozent überproportional viele arbeitslos. Dass Guttzeit nun einer geregelten Arbeit nachgeht, verdankt er vor allem dem Berliner Sozial-Start-up Diversicon, das Autisten in den ersten Arbeitsmarkt begleitet. Zehn Mitarbeiter arbeiten in der Kreuzberger Oranienstraße. Seit er das Unternehmen vor dreieinhalb Jahren mitgegründet hat, habe man bereits 23 Menschen in einen Job und 15 in eine Ausbildung, ins Studium oder ein Praktikum gebracht, sagt René Kuhlemann.

Bei Diversicon begreife man Autismus nicht als Störung oder gar Krankheit, sondern als „spezifischen Stärken-Schwächen-Komplex“, so Kuhlemann weiter. Der 44-Jährige weiß selbst seit 2012 von seinem Autismus. Zu den Stärken würden oftmals neben einer guten Ausbildung etwa eine strukturierte und weniger fehleranfällige Arbeitsweise, Engagement, Ehrlichkeit oder Mustererkennung gehören. „Viele Autisten können sich außerdem autodidaktisch gut einarbeiten.“ Dafür würden Fähigkeiten wie Verlässlichkeit, Sachorientierung und Loyalität von vielen Arbeitgebenden besonders geschätzt.

Soziale Strukturen erschließen sich nicht implizit

Die Schwächen lägen dagegen meist im Zwischenmenschlichen, so Kuhlemann weiter. „Soziale Strukturen erschließen sich nicht intuitiv.“ Meist fehle das Gefühl für ungeschriebene Regeln, das Verhältnis der Kollegen zueinander, für Prioritäten. „Es ist für Autisten nicht logisch, wie Nicht-Autisten kommunizieren“, ergänzt Sally Ollech, Gesellschafterin von Diversicon. In der Folge käme es oft zu Missverständnissen, die Autisten ecken an. Um das zu vermeiden, würden sich viele vor allem zu Beginn des Berufslebens auf ihr Umfeld einstellen und dabei an ihre Grenzen gehen – oft bis zum Burnout, zur Überlastungsdepressionen oder Angststörungen mit Anfang 30. Viele würden danach nur schwer zurück ins Berufsleben finden.

Diversicon geht in drei Schritten vor. Der erste besteht aus Gruppen- und Einzelcoachings, an denen seit Gründung laut Kuhlemann 139 Personen teilgenommen haben. Dabei versuche man gemeinsam, das richtige Tätigkeitsfeld zu finden, „das gut zu den Stärken passt und am wenigsten mit den Schwächen interferiert“. Es gehe auch darum, sich die eigenen Schwierigkeiten bewusst zu machen. Danach geht es in die Bewerbungs- und Vermittlungsphase. Dazu würden die Mitarbeiter nach offenen Stellen suchen oder initiativ bei Unternehmen anrufen, bei denen es passen könnte, sagt Ollech. „Mittlerweile melden sich aber Arbeitgeber auch von selbst.“ In dieser Phase hilft Diversicon auch dabei, Bewerbungsschreiben zu erstellen.

Im dritten Schritt geht es dann darum, das Arbeitsverhältnis zu stabilisieren. Etwa ein halbes Jahr würden die Autisten im Arbeitsalltag begleitet, „um sich anbahnende Konflikte rechtzeitig zu sehen“, sagt Kuhlemann. Bei Bedarf erarbeite man auch mit den Arbeitgebern kleinere Maßnahmen, durch die die besonderen Bedarfe der neuen Mitarbeiter ein Stück weit aufgefangen werden könnten. Beispiele für einen autismusfreundlichen Arbeitsplatz seien etwa ein reizarmes Arbeitsumfeld, da zu viele Umwelteinwirkungen die Autisten von einer konzentrierten Arbeit abhalten. Außerdem brauche es eine direktere, klarere Kommunikation.

Diversität sei zwar mit mehr Aufwand verbunden, biete aber auch viele Vorteile, so Ollech weiter. „Wenn man Autisten entlang ihrer Stärken platziert, sind sie meist sehr motiviert.“ Außerdem seien sie oft sehr ehrlich, würden eine Außenperspektive bieten und selbstverständliche Dinge hinterfragen und so neue Ideen einbringen.

Klienten zahlen nichts für das Angebot

Diversicon versteht sich als Sozialunternehmen und will das Problem der hohen Arbeitslosigkeit von Autisten unternehmerisch lösen. Die Klienten zahlen aber nichts für das Angebot. Das Geld kommt zum Teil von Leistungsträgern wie den Arbeitsagenturen, Jobcentern, der Rentenversicherung oder dem Integrationsamt. Allerdings kann nicht alles so abgerechnet werden. Geld kommt außerdem von der SKala-Initiative, hinter der die Milliardärin Susanne Klatten steckt.

Im Jahr 2020 wollte Diversicon erstmals schwarze Zahlen schreiben. Da es aber wie viele Bildungsträger aufgrund der Corona-Pandemie von April bis Juli schließen musste, gelang das laut Geschäftsleitung nicht. Dennoch wolle man weiter wachsen und sich insbesondere räumlich ausdehnen, sagt Ollech. „Zwar nehmen wir Klienten aus ganz Deutschland auf. Sie müssen aber bislang dafür noch nach Berlin kommen.“ Auch das Arbeitgebernetzwerk wolle man erweitert – auch um Unternehmen, die nicht aus der Region kommen.