Nachruf

Er entwarf das neue Hotel Adlon - Jürgen Patzschke ist tot

Jürgen Patzschke, der mit seinem Bruder das neue Hotel Adlon entwarf, ist gestorben. Ein Nachruf von Ex-Kultursenator Christoph Stölzl.

Das legendäre Hotel Adlon gegenüber vom Brandenburger Tor.

Das legendäre Hotel Adlon gegenüber vom Brandenburger Tor.

Foto: picture alliance/dpa

Berlin. Jürgen Patzschke war zeitlebens ein Außenseiter der Architektenzunft und hat trotzdem Architekturgeschichte geschrieben. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Rüdiger, der wie er für das Ideal einer klassisch „schönen“ Architektur brannte, hat er mit seinen Entwürfen erst laute Kritik provoziert, später dann erst still und dann weithin sichtbaren Einfluss auf das zeitgenössische Bauen ausgeübt.

Eigentlich wollten die Brüder Gartenarchitekten werden

Die Geschichte beginnt mit zwei Halbwaisenkindern, die als Kinder und Jugendliche in den Trümmerfeldern Berlin herumstreiften und sich von der Ruinenromantik faszinieren ließen. Jürgen Patzschke erinnerte sich Zeit seines Lebens an dieses Erweckungserlebnis der Liebe zu den ornamentalen Details der traditionellen europäischen Stadt, die nun als Fragmente im Sand lagen. Später, in den 50er-Jahren, kamen die Fahrradfahrten durch die vom Krieg unzerstörten Villenlandschaften des Berliner Südwestens, dieser Enzyklopädie der bürgerlichen Weltarchitektur.

Die Brüder hatten zuerst im Sinn, Gartenarchitekten zu werden. Die nüchterne Überlegung führte dann doch zum Bauen auf den Fersen des geliebten Vaters. Als ausschlaggebend für den späteren Weg erwies sich die Entscheidung, nicht an einer der großen zeitgeistprägenden Architekturfakultäten zu studieren, sondern es bei der Ingenieursausbildung zu belassen. Seinen ästhetischen Kanon brachte Jürgen Patzschke schon mit, bevor er lernte, wie ein solider Bau zu konstruieren sei. Von den Botschaften der führenden Städtebauer blieb Patzschke deshalb ganz unbeeinflusst. Dass die „autogerechte Stadt“ ein Irrweg war ebenso wie die Zerstörung der alten Symbiose von Arbeiten und Wohnen, dass das Fortdauern der „Ornament ist Verbrechen“-Lehre von Adolf Loos eine Selbstblockade fürs Entwerfen war – das alles war Patzschkes Credo lang vor der großen Ernüchterung gegenüber dem schablonisierten Funktionalismus-Zeitgeist, der sich zu Unrecht auf das Bauhaus berief.

Wolf Jobst Siedlers Kampfschrift „Die gemordete Stadt“ von 1964 wurde dann ein schicksalhafter Zuruf für Jürgen Patzschke und seinen Bruder. Dieses Hohelied der alten europäischen Stadt – Paris, London und Berlin vor 1914 – und diese Anklage der Sünden der gegenwärtig machtvollen Architektengeneration ist die Bibel der Patzschkes geworden.

Die Probe aufs Exempel fand dann fern der deutschen Architekturdebatte statt. Es kam eine Herausforderung, die der beiden Patzschkes Leben veränderte. Auf Gran Canaria entwarfen sie einen ganzen urbanen Komplex, darunter ein Hotel, ein Theater und eine Shopping Mall. Dort, das Bild der alten maurischen Architektur im Sinn, zeichneten sie sich frei und entwarfen so ornamental, schönheitsbewußt und traditionsorientiert, wie sie es in Deutschland sicher nicht hätten tun können. Das spanische Werk blieb weitgehend unbekannt. Einer deutschen Öffentlichkeit schlagartig bekannt wurden Jürgen Patzschke und sein Bruder erst mit dem Entwurf für den Neubau des legendären Berliner Hotels Adlon, der sie gleichsam zu den Protagonisten einer klassisch-traditionellen Architektur in Deutschland machte.

Die Patzschkes haben auf stille Weise Schule gemacht

Das Echo des fertigen Baus war gewaltig. Von der professionellen Architekturkritik wurde der Bau als hemmungslos retrospektiv, reaktionär, wenn nicht gar als grandioser Kitsch gebrandmarkt, als Architektur der röhrenden Hirsche, als Stimmungsarchitektur. Und das schlimmste: „Der Bau tut so, als sei er immer schon da gewesen.“ Vom großen Publikum wurde das neue Adlon dagegen sofort mit Sympathie begrüßt. Wenn man heute, im Abstand der Jahrzehnte, die Fassade nüchtern betrachtet, dann sieht man eine höchst sachliche, ein wenig an Klassizismus erinnernde Erscheinung. Von Ornament-Verspieltheit keine Spur.

Fünf Jahre hätten sie keinen deutschen Auftrag bekommen, so schilderten die Patzschkes einmal den Adlon-Effekt auf ihr Leben. Die Fernwirkung des Paukenschlages ihres Bekenntnisses zur Bautradition des 19. Jahrhunderts war umso größer. Inzwischen stehen viele „Patzschke“-Bauten in Berlin, die auch so tun, als seien sie immer schon dagewesen. Nicht alle stammen aus dem Büro der Zwillingsbrüder. Denn die Patzschkes haben auf stille Weise Schule gemacht.

Hunderte Bauten haben Jürgen Patzschke und sein Bruder und inzwischen auch die nächste Patzschke-Generation realisiert. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei, in Indien – überall mit einer behutsamen Anpassung an die örtlichen Bautraditionen. Die Demut vor der Baukunst der Vergangenheit gilt in fernen Landschaften wie in Berlin.

Die Fronten von einst sind friedlicher geworden. Auf der Architektur-Biennale in Venedig 2014 gab es keinen Krawall, als die Patzschkes neben Kollhoff und Braunfels, Dudler und Kleihues, Tchoban und Weinmiller – all den Matadoren des Stahl- und Glasbaus – ausgestellt wurden. Am Ende geht es allen Architekten um das Schöne – zu dem führen viele Bahnen. Die von Jürgen Patzschke, der Ende vergangener Woche im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben ist, wird als bemerkenswerte Weichenstellung unserer Zeit erinnert werden.