Umwelt

„World Cleanup Day“: Ein Zeichen gegen die Vermüllung

Viele Berliner beteiligen sich am „World Cleanup Day“ und sammeln stadtweit Müll. Schon am Freitag wurde aufgeräumt.

Freiwillige sammeln im Großen Tiergarten im Rahmen des „World Cleanup Day" vor dem Haus der Kulturen der Welt Müll.

Freiwillige sammeln im Großen Tiergarten im Rahmen des „World Cleanup Day" vor dem Haus der Kulturen der Welt Müll.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Wer am Freitagvormittag nahe dem Haus der Kulturen der Welt im Großen Tiergarten unterwegs war, der konnte die Freiwilligen mit blauen Müllsäcken und Greifzangen dort kaum übersehen. Ob am Spreeufer, auf den Wiesen oder in den Sträuchern, überall machten sich die Männer und Frauen auf die Suche nach Müll, den andere dort achtlos zurückgelassen oder bewusst in der Natur entsorgt hatten. So fanden Mitarbeiterinnen der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) ein altes, kaputtes Fenster, zwischen Pflanzen wurden mehrere Schuhe entdeckt, und die Studentin Amandine Ruet fischte ein schwarzes Plastikrohr aus der Spree. Hinzukamen zahllose Zigarettenkippen, Kronkorken oder Verpackungsreste.

Die Aktion im Großen Tiergarten war eine der ersten, die am Freitag anlässlich des „World Cleanup Day“ in Berlin stattfand. Offiziell ist der „Weltaufräumtag“ zwar erst an diesem Sonnabend, in der Hauptstadt haben viele Menschen aber schon einen Tag früher begonnen, Kieze und Parks von Müll zu befreien. Rund 30 angemeldete Aktionen gab es am Freitag, an diesem Sonnabend sollen circa 50 weitere folgen. Die gemeinnützige Initiative „Wir Berlin“ organisiert an beiden Tagen insgesamt zehn Aufräumaktionen an zentralen Orten in der Stadt – darunter eben auch jene im Großen Tiergarten. Die Berliner Morgenpost begleitet den „World Cleanup Day“ als Medienpartner.

Geputzt wird auch in den USA, Indien oder den Niederlanden

Amandine Ruet war am Freitag mit ihren Freunden Maxim und Emilie im Großen Tiergarten dabei. Für sie sei es das erste Mal, dass sie sich an einer solchen Müllsammel-Aktion beteilige, erzählt die Berlinerin. „Aber mein Onkel macht so etwas häufiger. Er war da ein bisschen mein Vorbild.“ Ruet studiert Technischen Umweltschutz, auch Abfallwirtschaft war schon ein Thema. Auf das Studium habe sie ein Aufenthalt in Kanada gebracht. „Der Kontrast zwischen der schönen Natur und den großen Müllbergen da war ein Schock“, sagte sie.

Weil Vermüllung weltweit ein Problem ist, wurde 2018 der „World Cleanup Day“ ins Leben gerufen. Im vergangenen Jahr beteiligten sich laut den Initiatoren 21 Millionen Freiwillige in 180 Ländern. Dieses Jahr wird der Aufräumtag, wie so viele Veranstaltungen, von der Corona-Pandemie beeinflusst. Dennoch soll es wieder in vielen Ländern Aktionen geben, etwa in den USA, den Niederlanden oder Indien. Und auch in vielen deutschen Städten wollen Freiwillige eine Zeichen gegen Vermüllung setzen.

Spandau Arcaden und Bezirksamt nehmen sich Spielplätze vor

In Berlin finden Aktionen in allen zwölf Bezirken statt. So wird auch in Spandau an mehreren Orten geputzt. Am Freitagnachmittag haben sich Mitarbeiter von Bezirksamt und Spandau Arcaden

den Münsinger Park, insbesondere die dortigen Spielbereiche, vorgenommen. Das Spandauer Amt und das Einkaufscenter arbeiten bereits bei einem anderen Spielplatz-Projekt zusammen, so sei die Idee entstanden, auch beim „World Cleanup Day“ gemeinsam etwas zu unternehmen, sagte Centermanager Volker Ahlefeld. „Die Spielplätze hier sehen grundsätzlich gut aus, aber es gibt in Sachen Müll immer noch viel zu tun.“

Bezirksstadtrat Frank Bewig (CDU) betonte, dass das Straßen- und Grünflächenamt viel für die Spielplätze und Grünanlagen und deren Sauberkeit tue. „Aber am Ende stellen wir fest, dass viele Menschen ihren Müll trotzdem dort einfach wegschmeißen“, sagte er. „Aktionen, die auf das Problem aufmerksam machen, sind deshalb super.“

An den Spielplätzen fanden die Freiwilligen, wie auch im Tiergarten, viele Kippen, Plastikverpackungen oder Glasscherben. „Der Klassiker“, sagte Beate Ernst, Initiatorin von „Wir Berlin“; dabei könnten gerade die Scherben, die direkt neben der Spielfläche gefunden wurden, gefährlich für Kinder sein.

Taucher finden im Landwehrkanal Tresor und Autoreifen

Als großes Problem sieht Ernst auch den Müll, der in Gewässern landet. „Es gibt viele Parkanlagen und Wiesen, die ans Wasser grenzen“, sagte sie. Zwar werden die Anlagen selbst gereinigt, der Müll könne aber auch vom Wind aufs Wasser geweht werden, und dann gebe es kaum noch eine Chance. Müll aus den Berliner Gewässern kann am Ende bis in die Meere gelangen und so zur Gefahr für heimische Tiere, aber auch für die globale Umwelt werden.

Auch vom Wasser aus wird deshalb in diesen Tagen in Berlin Müll gesammelt. Am Freitagabend nahmen sich Freiwillige den Landwehrkanal und Urbanhafen in Kreuzberg vor. Taucher vom Tauchsportklub Adlershof – bereits erfahren bei Cleanups – beteiligten sich, um Unrat aus bis zu zwei Metern Tiefe zu holen. Bereits nach kurzer Zeit hatte sich einiges angesammelt: Beate Ernst berichtete von einem Autoreifen, einem Tresor, Malerutensilien oder einer verschlammten Jacke. Auch das Ufer befreiten Engagierte – unter ihnen viele junge Menschen und Mütter mit ihren Kindern – von Flaschen, Tetrapacks oder Plastik.

Weitere Aktionen am Sonnabend

Auch am Sonnabend gingen die Aktionen weiter: Knapp sechs Kilometer vom Original entfernt steht auf dem Steinplatz ein kleines Brandenburger Tor. Anders als sein steinernes Vorbild ist die Miniaturversion aus Pappe gefertigt – genauer gesagt aus Pizzakartons. Denn in Berlin drehte sich am Sonnabend alles um Müll. Am „World Cleanup Day“ wird traditionell aufgeräumt und über Umweltprobleme aufgeklärt. Auch in Charlottenburg haben einige Initiativen ihr Zelt aufgeschlagen und auf die drohende Umweltkatastrophe aufmerksam gemacht.

„Den Steinplatz bespielen wir schon zum zweiten Mal beim ,World Cleanup Day’“, sagt Beate Ernst von der Initiative „Wir Berlin“, die den Aktionstag in der Stadt organisiert. „Ich freue mich, dass sich der ,World Cleanup Day’ so verjüngt. Früher hat das eher die über 40-Jährigen interessiert. Heute setzt sich das Umweltbewusstsein durch.“

Und wirklich sind es vor allem junge Start-ups, die auf dem Steinplatz ihre Visionen einer grüneren Welt vorstellen. So etwa das Projekt „2000 Quadratmeter Weltacker“. „Wenn man die gesamte Ackerfläche der Welt zusammennimmt und durch die Anzahl an Menschen teilt, kommt man auf 2000 Quadratmeter“, erklärt Jasper Jordan. „So viel stünde jedem Menschen jährlich zu.“ Doch auf dieser Fläche müssten nicht nur Nahrungs-, sondern auch Futtermittel, Baumwolle oder Kautschuk angepflanzt werden. Um sich die Fläche besser vor Augen führen zu können, wachsen im Botanischen Volkspark Pankow auf 2000 Quadratmeter die 45 wichtigsten Ackerfrüchte. Ob 2000 Quadratmeter viel oder wenig seien, komme auf die Ernährung an. „Würde man nur Futtermittel anbauen, könnte man davon jährlich zwei Schweine ernähren“, sagt Jordan. „Durchschnittlich isst jeder Deutsche jährlich ein ganzes Schwein.“ Für Nahrungsmittel oder Kleidung bliebe so nur wenig Fläche übrig.

„20.000 To-go-Becher werden pro Stunde verbraucht – allein in Berlin“

Das Weltacker-Projekt will vor allem Aufklärung leisten. Proaktiv die Umwelt schützen will hingegen das Start-up „fandli“. Statt in Plastikverpackungen werden Nahrungsmittel in Gläsern verkauft. „Wir funktionieren wie ein Unverpacktladen und liefern den Einkauf nach Hause“, erklärt Gründer Tim Wehrmeyer. „Die leeren Gläser können beim nächsten Einkauf zurückgegeben werden.“ Wer große Mengen einkaufe, zahle dafür ähnlich viel wie im Bio-Markt.

Auch „Better World Cup“ will sich für eine plastikfreie Welt einsetzen. „20.000 To-go-Becher werden pro Stunde verbraucht – allein in Berlin“, sagt Julia Catiche. Die Initiative der Stiftung Naturschutz Berlin soll dazu anregen, eigene Kaffeebecher statt Wegwerfbecher zu nutzen. „Teilnehmende Cafés gewähren diesen Kunden dann Rabatt“, sagt Catiche. Über 1000 Cafés sind schon dabei. Eine Karte, aufrufbar unter www.betterworldcup.berlin, zeigt die teilnehmenden Gaststätten.

Doch so einfach kommt man trotzdem nicht vom Plastik los. „Merijaan“ verfolgt daher einen anderen Ansatz. Das Berliner Start-up ist ebenfalls mit einem Stand auf dem Steinplatz vertreten. Dahinter sitzen die CEOs Gianna Mewes und Isabella Artadi neben zwei großen Maschinen. „Hier kann man Plastik einfüllen, das geschreddert herauskommt“, erklärt Mewes. „Und mit dieser Spritzgussmaschine wird das Plastik dann geschmolzen und in Form gegossen.“ Artadi zeigt eine Smartphonehülle. Aus dem alten Plastik könne man verschiedenste Gegenstände herstellen, sagt sie. Gerade arbeitet sie an einer Sitzbank. Hauptprojekt ist allerdings ein anderes: In Sri Lanka baut „Merijaan“ Recyclingeinrichtungen. Dort wird Kunststoff gesammelt und zu Surfbrettern weiterverarbeitet. Die Leidenschaft fürs Surfen wolle man so mit dem Traum von kunststofffreien Ozeanen verbinden, erklärt Mewes. „Daher auch der Name: ‚Merijaan‘ bedeutet auf Hindi ‚Herzensangelegenheit.‘“

Allein können die Initiativen jedoch die Welt nicht retten, das machen die Vertreter auf dem Steinplatz immer wieder klar. Jeder Einzelne sei gefragt. 88,5 Millionen Tonnen Verpackungsmüll verbrauchte die EU 2017. Deutschland belegte mit 18,7 Millionen Tonnen EU-weit den ersten Platz. Jeder Deutsche erzeugt so jährlich durchschnittlich 226,5 Kilo Plastikmüll. Dabei könnten kleine Verhaltensänderungen viel bewirken. In fünf Sekunden landen etwa 1400 Plastikwasserflaschen auf dem Müll. Aneinandergereiht sind diese Flaschen so hoch wie der Fernsehturm. „Ein Fernsehturm in fünf Sekunden“, heißt es auf den Plakaten der Initiative „Wasserwende“. Dabei ist in Deutschland Wasser problemlos aus dem Wasserhahn trinkbar.