Religion

Zentralrat der Juden: Solidaritätswelle, aber auch Hetze

Berlin. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vor knapp einem Jahr große Solidarität erfahren. "Ich kann sagen, dass nach dem Anschlag von Halle eine Welle der Solidarität zu bemerken war, die ihresgleichen nach der Shoah suchen kann", sagte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, am Dienstag im rbb-Inforadio.

Zugleich wisse man, dass etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung Vorurteile gegen Juden hätten. 80 Prozent hätten aber keine. Mit Blick auf die AfD sagte Schuster, im Vergleich zu vergangenen Jahren werde inzwischen deutlich offener gehetzt.

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess um den Anschlag auf die Synagoge von Halle. Der 28-jährige Stephan Balliet hatte gestanden, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, die Synagoge zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Darin feierten gerade 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Der Attentäter scheiterte jedoch an der Tür, erschoss daraufhin eine Passantin, die zufällig an der Synagoge vorbei kam, und später einen jungen Mann in einem Dönerimbiss.

Generell gebe es in der Bevölkerung viele Ressentiments gegen Juden, sagte Schuster. Er bekomme antisemitische E-Mails und Zuschriften, auch am Stammtisch gebe es solche Äußerungen. In der Corona-Pandemie seien zudem Verschwörungsmythen aufgetaucht - ähnlich wie im Mittelalter, als es um Brunnenvergiftung und die Pest ging.

Der Zentralrat der Juden erinnert am Dienstag in Berlin an seine Gründung vor 70 Jahren. Den Festvortrag im Centrum Judaicum hält Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die ARD überträgt den Festakt von 10.50 Uhr bis 12.00 Uhr.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland war am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet worden. Als Dachorganisation vertritt er die politischen und gesellschaftlichen Interessen von 23 Landesverbänden und 105 jüdischen Gemeinden mit rund 100 000 Mitgliedern.