Ökologische Alternative

Berliner Start-up setzt auf Bienenwachs statt Plastikfolie

Das Berliner Unternehmen Beeskin bietet eine Verpackungsalternative, die im Trend liegt. Auch Supermaktketten sind schon Kunden.

Die Beeskin-Gründer Christina und Christian Sauer.

Die Beeskin-Gründer Christina und Christian Sauer.

Foto: Beeskin

Berlin. Ein süßer Duft breitet sich im Konferenzraum „Dresden“ des Titanic Chaussee Hotels in Mitte aus. Der Grund: Bienenwachstücher. In der Mitte des Raums liegt eine Auswahl dieser Biobaumwolltücher, die mit einer Mischung aus Bienenwachs, Harz und Jojobaöl bestrichen sind. Die fertigen Tücher riechen nicht nur besser als herkömmliche Frischhaltefolie – sie können diese auch als Verpackung ersetzen.

Angeboten wird die nachhaltige Plastikalternative von Beeskin. Christina Sauer präsentiert an diesem Tag das Sortiment des Berliner Start-ups. Plötzlich unterbricht ein Hotelgast die Vorstellung. „Die habe ich auch zuhause“, meint er, mit Blick auf die Auslage. Und weiter: „Sind sie Hersteller oder Lieferanten?“ – „Tatsächlich die Gründer“, antwortet ihm Sauer lachend. Nach einer kurzen Fragerunde geht der Gast, um einen Satz Bienenwachsbeutel aus dem Präsentationsfundus reicher. Die vorgenähten Tüten, etwa zum Verpacken von Pilzen, sind neu im Sortiment von Beeskin – ebenso, wie die Bienenwachstücher als „klassische“ Rolle, sowie Etiketten zum Kennzeichnen der verpackten Lebensmittel.

Ersatzprodukt für die Frischhaltefolie

Das Start-up hat Christina Sauer gemeinsam mit ihrem Mann Christian Sauer vor zwei Jahren gegründet. Das Konzept dabei ist einfach: Die Beschichtung auf den Baumwolltüchern verhindert, dass sich Kondenswasser bildet. So können darin verpackte Lebensmittel atmen und trocknen nicht aus. Es ist abwaschbar und dadurch wiederverwendbar. Gut ein Jahr lang halten die Tücher – darauf gibt es eine Garantie von Beeskin. Ersetzt werden kann so die „klassische“ Klarsichtfolie. Die Tücher können durch Handwärme an die verpackten Lebens-mittel angepasst werden. Zu guter Letzt lassen sie sich auch Einfrieren.

Entstanden ist die Idee aus zwei Gründen: um Verpackungsmaterial zu sparen und um weniger Lebensmittel wegzuwerfen, erläutert Sauer. Ihr zufolge halten sich insbesondere Obst und Gemüse, aber beispielsweise auch Parmesankäse, sehr viel länger als unter herkömmlicher Klarsichtfolie. Dass es ihr wichtig ist, Plastik zu vermeiden, liegt auch in ihrer persönlichen Geschichte begründet: drei Großeltern hat die 39-Jährige an Krebs verloren. „Plastik ist nachweislich krebserregend“, betont Sauer. Sie sei daher schon immer offen gegenüber bio-logischen Alternativen zu herkömmlichen Produkten gewesen. Entdeckt hatte die Gründerin die Bienenwachstücher dann erstmals im Bioladen – aus den USA importiert. Dass eigentlich nachhaltige Produkte erst über den Ozean geschippert werden müssen, war für die gelernte Grafikdesignerin nicht nachzuvollziehen. Sauer dachte deshalb um.

Beeskin ist trotz Corona gewachsen

Zum Firmenprinzip gehört daher die Produktion in Deutschland – ebenso wie die Verwendung regionaler Bestandteile. Regional bedeutet in diesem Fall größtenteils europäisch. Die Biobaumwolle kommt aus der Westtürkei, aus der Region um Izmir, das Harz aus Österreich und das Wachs aus Deutschland. Am weitesten ist der Weg, den das Jojobaöl nimmt: dieses bezieht das Unternehmen aus Israel. Der Corona-Shutdown hat Beeskin dabei nicht geschadet. „Beim Transport hatten wir keine Probleme. Auch ansonsten sind wir in den vergangenen Monaten gewachsen – wir haben sogar neue Mitarbeiter eingestellt“, verrät Sauer.

Die Idee, eine nachhaltige Verpackungsalternative anzubieten, liegt im Trend. Für „grüne Produkte“ gaben Verbraucher in Deutschland einer Statistik des Umweltbundesamtes zufolge im Jahr 2017 rund 47 Milliarden Euro aus. Das sind etwa 75 Prozent mehr, als noch 2011 (27 Milliarden Euro). Insbesondere in den Bereichen Wohnen, Mobilität und Ernährung geben Kunden Geld speziell für nachhaltige Alternativen aus. Auf Produkte aus den Bereichen „Hygienepapier, Reinigungsmittel und Textilien“ entfällt dabei nur eine halbe Milliarden Euro, also knapp ein Prozent. Aber auch hier geht der Trend zu mehr Nachhaltigkeit: „Besonders in der Corona-Krise haben wir gemerkt, dass sich mehr Menschen Gedanken über eine längere Haltbarkeit der Lebensmittel machen. Wenn man nicht mehr jeden Tag zum Supermarkt läuft, merkt man, wie schnell viele Sachen verderben, wenn sie nicht richtig verpackt sind.“, kommentiert Sauer die Entwicklung der letzten Monate.

Start-up hat auch den Sprung in die großen Supermärkte geschafft

Zu Beginn stellte die Gründerin den nachhaltigen Verpackungsersatz noch im heimischen Backofen her. Eine Maschine, die die Herstellung in größeren Mengen möglich macht, verschaffte dem Start-up 2018 dann über Nacht einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern. Entworfen wurde der Prototyp von Christian Sauer. „Er ist ein Tüftler“, beschreibt ihn seine Frau. Im Keller ihres Hauses, auf der Insel Schwanenwerder, hat der 47-Jährige die erste Maschine entwickelt. Mittlerweile produziert das Unternehmen mit technischer Unterstützung so bis zu 10.000 Stück pro Tag.

Seit der Anfangszeit von Beeskin hat sich ohnehin einiges verändert. So sind die Bienenwachstücher mittlerweile nicht mehr nur im Biomarkt erhältlich, sondern haben den Sprung in die großen Supermärkte geschafft: zu finden sind sie etwa in Kaufland, Rewe und Rossmann-Filialen. Der Drogeriemarkt bietet die die Tücher auch online an, das Zweierpack kostet hier 9,99 Euro (Größe M). Direkt bei Beeskin zahlen Kunden für die Tücher im Dreierset zwischen 9,65 Euro (Größe S) und 22,32 (Größe L). Die Bienenwachsrolle gibt es im Online Shop für 16,47 Euro. Auf lange Sicht weiß Sauer, dass die Verpackungsalternative noch günstiger werden muss. „Nur so ist das Produkt für viele Menschen bezahlbar – und nur so können wir eine wirkliche Veränderung erreichen.“, erläutert die Gründerin.

Darüber hinaus kooperiert das Start-up mittlerweile mit der Aurelia-Stiftung. Diese setzt sich für den Schutz von Bienen ein – auf deren Wachs wiederum das Geschäft der Sauers auf-baut. Im Fokus der Stiftung steht dabei insbesondere, den Pestizideinsatz in der Landwirtschaft zu reduzieren. Dieser ist einer der Hauptfaktoren für das Bienensterben. Thomas Radetzki, Initiator der Stiftung und selbst Imker, ist von den Bienenwachstüchern begeistert: „Fühlen Sie einmal. Das ist eine richtige haptische Erfahrung!“ Gegründet wurde die Aurelia-Stiftung 2015 in Berlin – und berät heute unter anderem Politiker auf nationaler und europäischer Ebene zum Schutz von Bienen.