Ausstieg

Vom kriminellen Clan-Mitglied zum Sozialarbeiter

Früher dealte Khalil O. mit Kokain. Nun berichtet das Clanmitglied, wie er den Ausstieg schaffte.

Früher handelte er mit Kokain: Clan-Aussteiger Khalil O.

Früher handelte er mit Kokain: Clan-Aussteiger Khalil O.

Foto: Marlene Gawrisch / Marlene Gawrisch / WELT

Berlin. Zwischen Mafia und Clans gebe es einen entscheidenden Unterschied. „Uns kann man nicht beitreten“, sagt Khalil O. „Wir sind verwandt und wir lieben uns.“ O. stammt aus einem der bekanntesten und größten Clans Deutschlands. Er selbst sagt über sich, dass er vielleicht nicht das erste Koks-Taxi erfunden habe, aber das erste mit 24-Stunden-Lieferservice. Jahrelang war O. schwer kriminell. „Wir haben im Schichtdienst Kokain unter die Leute gebracht“, sagt er. Zu seinen Kunden zählten Hartz-IV-Empfänger, Politiker, Rechtsanwälte, Studenten und Geschäftsleute.

Doch damit ist Schluss. Heute arbeitet O. in Berlin als Sozialarbeiter. Er drückte die Schulbank, studierte noch einmal. Dass Khalil O. ausführlich über seine Vergangenheit spricht, ist der Welt-Journalistin Christine Kensche zu verdanken. Sie war auf O. während ihrer Recherchen zu dem Mord an Nidal R. gestoßen. Der Intensivtäter war 2018 am Rande des Tempelhofer Feldes erschossen worden. Kensche war damals auf der Suche nach einem Clan-Insider. Das Ziel sei gewesen, nicht nur über Clans zu reden, sondern jemanden zu finden, der aus erster Hand berichten könne. Monatelang habe sie Visitenkarten verteilt und nur Absagen bekommen. „Ich wollte schon aufgeben“, sagt Kensche. Doch dann habe sich Khalil O. gemeldet.

Schonungsloser und ehrlicher Einblick in eine Parallelwelt

Es folgten zahlreiche Treffen zwischen O. und Kensche. Die Journalistin lernte auch die Familie von O. kennen, studierte Gerichtsakten, traf sich mit Staatsanwälten und glich die Angaben von O. zu seiner kriminellen Karriere mit seinem Auszug beim Bundesstrafregister ab. „Anfangs haben wir uns kritisch beäugt“, sagt O. Die anfängliche Skepsis sei dann aber einer umfassenden Offenheit gewichen.

Die Geschichte von O. gibt es nun als Buch. Auf knapp 300 Seiten bekommt der Leser eine Ahnung davon, wie die Welt der Clans funktioniert. Selten hat ein Insider einen so ehrlichen und schonungslosen Einblick in eine Parallelwelt gewährt.

Am vergangenen Donnerstagabend haben Kensche und O. das Buch vor einem kleinen Publikum in einer Bar am Kottbusser Tor vorgestellt. Es herrschte absolutes Fotoverbot. Der Ort konnte dabei nicht symbolträchtiger sein, gilt der „Kotti“ doch als einer der Kriminalitätsschwerpunkte Berlins. Auf dem Weg zur Lesung habe er mehrere Cousins auf geknackten Elektrorollern gesehen, sagt O. „Als die mich erkannt haben, sind die sofort abgestiegen“, sagt O. Denn auch wenn O. für die breite Masse anonym bleiben möchte, ist er in der Szene bekannt. Der Kokaindealer, der den Ausstieg schaffte. Der heute als Sozialarbeiter Jungs, die so sein wollen, wie er früher war, zu erklären versucht, dass ein Leben ohne Kriminalität ein besseres ist.

„Ich konnte einfach irgendwann nicht mehr“, sagt O. Der Moment, in dem ihm das klar wird, ist auch der eindringlichste zwischen all den Anekdoten vom schnellen Geld. Es war der Moment, als das Spezialeinsatzkommando (SEK) bei ihm im Schlafzimmer stand, er geknebelt auf dem Boden lag, seine Frau schwanger und im Nachthemd neben ihm stand. Khalil O. beschreibt die Szene so: „Einer der Normalo-Bullen, die hinter dem SEK reinstürmten und keine Masken trugen, befahl ihr, sich aufs Sofa zu setzen. Dann wandte er sich an mich. Der Bulle war Türke. Er sprach Deutsch, aber eine Sprache, die ich verstand: „Was bist du für ein Mann?“, herrschte er mich an. „Deine Frau ist schwanger und im Nachthemd, und guck mal, wie viele fremde Männer sie jetzt gesehen haben!“

Khalil O. sagt heute, das dass die größte Erniedrigung in seinem Leben gewesen sei und bei ihm einen Prozess in Gang gesetzt habe, der immer noch nicht abgeschlossen sei. Die Eltern von O. kamen einst aus dem Libanon nach Deutschland, er wurde in der Bundesrepublik geboren. Sein Leben änderte sich, als seine Eltern sich trennten und sein Vater aus Süddeutschland mit ihm und seinen Brüdern nach Berlin zog. O. berichtet, wie sie in Berlin erst klauten, sich prügelten, dann Messer zückten und schließlich im großen Stil mit Kokain dealten.

Die deutsche Justiz ist ein zahnloser Tiger

Die deutsche Justiz sei ein zahnloser Tiger, so Khalil O. Gelernt habe er das von den vielen Onkeln: „Meine Onkel waren echt anders drauf als mein Vater. Wenn meine Oma sagte, dass sie einen neuen Staubsauger braucht, zogen sie los und klauten einen. Von islamischen Gelehrten im Libanon hatten sie gelernt, dass Klauen im Krieg erlaubt ist, denn erstens war es eine Notsituation, und zweitens waren die Gegner ja Christen, also Ungläubige“, berichtet O. in seinem Buch.

Dass Berlin aber kein Kriegsgebiet ist, haben die meisten Onkel vergessen. In dieser simplen Erkenntnis liege auch ein Grundproblem. „Der Libanon, Afghanistan, Syrien, Irak. Das sind alles Polizeistaaten. Geh auf die Sonnenallee in Neukölln. Da siehst du keine Polizei“, sagt Khali O. im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. „Viele kommen mit der Freiheit hier nicht klar“. Es fehlten ihnen die Leitplanken. Er selbst habe schon als Minderjähriger vor so vielen Richtern gesessen, die ihm damals immer wieder dasselbe erzählt hätten. „Ich habe die gar nicht mehr ernst genommen“, sagt Khalil O.

Der Kokain-Dealer, der einen konsequenteren Rechtsstaat und mehr Polizeipräsenz fordert? „In meiner Brust schlagen zwei Herzen“, sagt Khalil O. Familie ist Familie und er fürchte sich vor dem Tag, wenn er sich entscheiden muss. Seinen Verwandten, die krumme Dinger drehen, habe er aber gesagt, dass sie ihn nie wieder anrufen sollen.

„Auf der Straße gilt unser Gesetz“ von Khalil O. mit Christine Kensche. Es erscheint am 14. September im Heyne-Verlag (304 Seiten, 20 Euro).

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