Interview

Nico Rosberg: „Berlin ist sensationell“

Investor Nico Rosberg über das Greentech Festival in Berlin, den Nutzen von Flugtaxis und seine Vergangenheit in der Formel 1.

Früher Rennfahrer und Formel-1-Weltmeister, heute Investor und auf Nachhaltigkeit bedacht: In Berlin wird Nico Rosberg am Mittwoch das Greentech Festival eröffnen.

Früher Rennfahrer und Formel-1-Weltmeister, heute Investor und auf Nachhaltigkeit bedacht: In Berlin wird Nico Rosberg am Mittwoch das Greentech Festival eröffnen.

Foto: TOM ZIORA / Tom Ziora

Berlin. Nico Rosberg schaltet sich per Videostream aus Monaco zu. Fast sein ganzes Leben hat der Formel-1-Weltmeister von 2016 in dem Fürstentum verbracht. Mittlerweile hat Rosberg seine Rennfahrer-Karriere hinter sich gelassen und ist als Investor tätig. In Berlin hat er das Greentech Festival mitgegründet. Bei der dreitätigen Veranstaltungen, die ab Mittwoch sowohl im Kraftwerk Berlin als auch digital stattfinden wird, steht die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft im Vordergrund.

Herr Rosberg, Corona hält die Welt in Atem. Was hat sich durch die Pandemie in Ihrem Leben geändert?

Nico Rosberg: Wir haben die Kinder weiterhin im Home-Schooling. Das hat natürlich einen Riesen-Einfluss auf das Leben von uns als Eltern, weil wir uns nach wie vor den ganzen Tag um die Kinder kümmern müssen. Das macht es komplizierter. Natürlich haben wir auch Hilfe und die Oma ist auch hier. Aus meiner Sicht hat Corona das Leben an sich aber auch verlangsamt und war somit vielleicht auch ein Augenöffner. Denn das langsame Leben ist viel schöner. Ich muss mich immer zügeln, um nicht jetzt wieder zu schnell zu laufen.

Sie äußern sich häufig auch zur Klimakrise, gelten als ein Befürworter umweltfreundlicher Technologien und nachhaltiger Produktion. Wie beeinflusst das Ihr Leben?

Das hat zwei Seiten. Privat gehen wir als Familie sehr bewusst damit um. Ich fahre hier in Monaco ein Elektroauto im Carsharing. Zuhause benutzen wir keine Plastikstrohhalme, sondern Strohhalme aus Metall und trinken unser Wasser auch nicht aus Plastikflaschen. Beruflich gesehen, ist mein ganzes Unternehmertum auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Alle Themen, die wir bespielen, sind zu einhundert Prozent auf Nachhaltigkeit fokussiert. Ob das jetzt mein Greentech Festival oder meine Arbeit bei „Die Höhle der Löwen“ ist, wo ich der Nachhaltigkeits-Investor bin. Auch im Office sind wir im übrigens plastikfrei unterwegs und mein Team arbeitet überwiegend remote, also von überall. Das spart viele Reisen und den täglichen Weg zur Arbeit.

Sie sind zehn Jahre lang Formel 1 gefahren. Wie blicken Sie heute zurück auf den Rennsport, in dem es unter großem Einsatz von Ressourcen und gewissermaßen ohne Rücksicht auf Verluste, darum geht, der Beste zu sein?

Ich bin super-stolz auf das, was ich erreicht habe und dass ich meinen Traum verwirklichen konnte, Formel-1-Weltmeister zu sein. Auf meinem Weg habe ich ganz tolle Fans gewonnen und auch von denen bekomme ich immer wieder Feedback, dass ich sie inspirieren konnte. Dazu dient ja auch der Sport, Menschen zu inspirieren und zu motivieren. Was man darüber hinaus nicht vergessen darf, ist, dass die Formel 1 schon immer eine Plattform gewesen ist, Technologien weiterzuentwickeln.

Woran machen Sie das fest?

Die Hybrid-Motoren, die auch in den Autos verbaut waren, in denen ich Weltmeister geworden bin, sind die effizientesten Motoren der Welt. Ein Elektroauto ist eben heute leider noch nicht so weit, wenn ein Großteil des dafür notwendigen Stroms weiter von Kohlekraftwerken erzeugt wird. Deswegen sind Hybrid-Motoren mitunter noch die beste Lösung und die Formel 1 spielt dabei eine entscheidende Entwicklungsrolle. Die Rennserie hat sich zudem dazu bekannt, bis 2030 klimaneutral sein zu wollen. Ich finde es sensationell, dass die Formel 1 den Schuss gehört hat und sich da jetzt auch voll engagiert.

Mit Verbrennungsmotoren klimaneutral zu sein, dürfe aber schwierig werden.

Nein, das ist eben nicht schwer. Mit synthetischen Kraftstoffen kann man sofort CO2-neutral werden. Nächstes Jahr sollen die Teams schon mindestens zehn Prozent Bio-Sprit einsetzen, danach kommen dann die synthetischen Kraftstoffe dazu. Die Richtung stimmt. Nichtsdestotrotz gibt es leider noch diese ganze Logistik. Und möglicherweise ist man noch nicht bei der perfekten Lösung, aber eine gute ist es in jedem Fall.

Im vergangenen Jahr fand erstmals das Greentech Festival in Berlin statt. Was wird sich im zweiten Jahr verändern außer, dass wegen Corona vermehrt Veranstaltungen im Digitalen stattfinden?

Inhaltlich gar nichts. Unser Event wird gerade durch Corona aber nochmal beflügelt. Das wichtigste ist ja als Unternehmen in der Corona-Zeit, dass man Resilienz aufbaut, auch, indem man neue Geschäftsmodelle sucht. Das haben wir so gesehen auch gemacht, indem wir das Virtuelle auf dem Greentech Festival ausgebaut haben. Rund um die Welt haben sich für unsere digitalen Veranstaltungen schon unwahrscheinlich viele Leute registriert. Das ist toll zu sehen, wie dieses virtuelle Modul jetzt schon fliegt. Vor Ort sind wir allerdings limitiert auf 750 Menschen gleichzeitig. Aber auch das haben wir so gemanagt, dass ich glaube, dass es ganz schön und trotzdem ein tolles Erlebnis wird. Und wir haben nicht nur Sting, der virtuell performt für uns, sondern auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Jane Goodall, Robert Redford und den Google-CEO Sundar Pichai. Auf diese Flughöhe bin ich stolz.

Welche Art Impulse kann von dem Greentech Festival auch für die Bewältigung der Corona-Krise ausgehen?

Für die direkte Bewältigung der Corona-Krise können wir nur eine Inspiration sein. Für die Bekämpfung des Virus sind andere zuständig.

Wie sehen Sie das Engagement der Politik bei der Bewältigung der Corona-Krise verglichen mit der Herausforderung des Klimawandels? Gibt es da Nachholbedarf?

Ich finde es klasse, wie engagiert unsere Politik für die Umwelt ist. Es ist immer ein Abwägen. Mobilität zum Beispiel ist das Rückgrat für unsere Wirtschaft. Und leider ist es heute noch so, dass dieses Rückgrat auf Verbrennungsmotoren basiert. Man kann nicht von heute auf morgen alles neu machen. Das würde die Wirtschaft nicht überleben. Also geht das nur Schritt für Schritt, aber so schnell wie möglich. Das ist ein Balance-Akt. Aber natürlich würde ich mir wünschen, dass man es irgendwie noch schneller schafft.

Warum ist Berlin der perfekte Ort für ein Nachhaltigkeits-Festival?

Berlin ist sensationell. Berlin ist hipp, cool und hat die richtigen Leute für das Thema. Gerade die Start-up-Welt interessiert uns natürlich auch. Besser geht es nicht. Da kommt so viel zusammen. Besser geht es auf der ganzen Welt nicht.

Berlin selbst leidet aber unter Wachstumsschmerzen: der Wohnungsbau kommt nicht mit dem Einwohnerzuwachs der vergangenen Jahre hinterher, bei Schulen und Kitas muss man Investitionen nachholen. Der ÖPNV-Ausbau geht nur langsam voran. Sie leben in Monaco. Wie ist ihr Blick auf Berlin?

Ich bin zwar sehr eng mit meinen Kollegen in Berlin, insofern bekomme ich das schon mit, aber ich tue mich dennoch schwer, hierzu etwas zu sagen. Ich hoffe, dass alle in Berlin den richtigen Weg finden.

Welche Schwerpunkte muss Berlin setzen, um zur Nachhaltigkeits-City Nummer eins zu werden?

Mein Zuhause ist ja Mobilität. Von daher würde ich mir sehr wünschen, dass man dieses Thema beschleunigt. Dazu gehört zum Beispiel der vermehrte Einsatz von elektrischen Bussen. Ich bin letztens aber auch auf der Spree mit einem Solar-Boot gefahren. Wenn man das ausrollt und so die ganzen Diesel-Boote überflüssig macht, wäre das auch viel wert.

Wenn Sie ein Pilotprojekt in Berlin umsetzen könnten, was wäre das?

Ich bin ein Riesen-Fan von Flugtaxis und auch investiert in die beiden weltweit führenden Unternehmen, die aus Deutschland kommen. Das sind Volocopter und Lillium. Flugtaxis werden vieles verbessern in unserer Mobilität. Gerade auch für Berlin. Wenn es hier ausgewiesene Routen geben würde, Flugtaxis komplett sicher sind und auch autonom funktionieren, dann demokratisiert das wirklich das Fliegen. Eine Tour mit dem Flugtaxi würde dann sicher nicht mehr als eine Taxifahrt kosten. Die Stadt würde so leiser, auch der Verkehr auf der Straße würde sich reduzieren. Menschen könnten aus meiner Sicht dann auch weiter draußen im Grünen leben und jeden Tag viel schneller und kürzer pendeln. So ließe sich auch die angespannte Wohnungslage in Berlin in den Griff bekommen. Das würde ich anstreben, auch wenn die Flugtaxis erst 2022 fertig werden.

Erste Pilotprojekte gibt es bereits, aber nicht in Berlin. Ist es denkbar, dass Sie mit dem Senat mal darüber sprechen?

Das sind die Bereiche, in denen ich meine Start-ups unterstütze. Ich habe bereits Gespräche gehabt mit der Deutschen Bahn, die ja einer meiner Partner ist. Gerade die Dächer von Bahnhöfen sind prädestiniert als Flugtaxi-Landeplätze. Auch mit der Regierung bin ich im Gespräch. Aber das dauert eben und geht nicht von einem Tag auf den nächsten.

Sie haben Tesla-Chef Elon Musk gefragt, ob er am Greentech Festival teilnimmt. Wie fiel die Antwort aus?

Leider hat er gesagt, dass er in diesem Jahr nirgendwo virtuell teilnimmt. Und seine Deutschland-Reise hatte er schon vor langer Zeit geplant und konnte die Termine nicht mehr verschieben. Aber er hat gesagt, dass er es nächstes Jahr probiert.

Ist Elon Musk ein Vorbild für Sie?

Für mich ist er eine Person, die ich sehr respektiere und sehr schätze. Ich finde das ganz toll, wie er als kleines Kind schon eine Vision gehabt hat und dann aus dem Nichts eine solche Firma hingestellt hat. Wobei man ihm am meisten Respekt dafür zollen muss, dass er es geschafft hat, die Mobilitätsindustrie weltweit in eine Disruption zu führen. Dank Elon Musk setzen jetzt alle Hersteller auf Elektromobilität. Er hat gezeigt, dass die Nachfrage da ist und dass das der richtige Weg ist. Das ist gigantisch.

Tesla baut vor Berlin ein neues Werk. Welche Rolle spielt Tesla in Sachen Nachhaltigkeit?

Teslas Mission und die der Elektromobilität insgesamt ist es, die Energiewende zu beschleunigen. Die Mobilität elektrisch zu gestalten, ist aus meiner Sicht das allerwichtigste. Auch wenn es im Batterie-Recycling noch viele Baustellen gibt. Aber mit Blick auf das zweite Leben der Akkus gibt es auch immer mehr Lösungen für private Haushalte oder die Industrie. Ajax Amsterdam zum Beispiel nutzt jetzt 590 Autobatterien, um während des Fußballspiels für Licht zu sorgen. Aber auch danach gibt es noch einen Schritt, bei dem die Batterien recycelt werden müssen. Und heute ist es leider noch so, dass es billiger ist, das Lithium abzubauen, als den Akku zu recyceln. In der Innovation beim Recycling brauchen wir noch Fortschritte.

Google und Alphabet CEO Sundar Pichai wird virtuell bei Greentech Festival dabei sein. Wie sehen Sie Googles Engagement beim Thema Nachhaltigkeit?

Da gibt es bei den großen Internetgiganten natürlich noch viel zu tun. Google wird in der nahen Zukunft aber nochmal etwas bekannt geben, das wirklich disruptiv ist. Die machen immer mehr und das finde ich toll. Google macht sich da schon große Gedanken und unterstützt auch kleine und mittelständische Unternehmen dabei, ihre Emissionen zu reduzieren. Das ist der richtige Weg. Aber natürlich ist das auch eine Transition, ein Übergang. Ähnlich wie bei mir vom Formel-1-Fahrer zum Nachhaltigkeits-Unternehmer.

Es gibt auch Stimmen die sagen, Google spiele in vielen Bereichen auch seine Marktmacht aus. Gehört zum nachhaltigen Unternehmertum nicht auch eine gewisse soziale Verantwortung?

Das ist ein generelles Problem im Kapitalismus und trifft nicht nur auf eine Firma zu. Wir sehen das auch gerade am Aktienmarkt in Amerika. Fünf Technologie-Unternehmen gehen durch die Decke und alles andere tut sich schwer. Eines Tages muss man dann mal gucken, wie man das ein bisschen in den Griff bekommt. Die Marktmacht darf nicht dazu führen, dass diese Unternehmen ihre Verantwortung den Menschen gegenüber vergessen.

Sie sind auch selbst als Investor tätig. Was geben Sie jungen Gründern mit auf den Weg für den Aufbau eines Unternehmens?

Das sind verschiedene Bausteine. Zunächst einmal muss das Gründerteam so perfekt sein, dass es alle Bereiche von Betriebswirtschaft, über Marketing bis zum Vertrieb abdeckt. Dann muss das Alleinstellungsmerkmal im Unternehmen verankert sein. Die Gründer müssen sich also im Klaren darüber sein, was sie besser können als andere und was so vorher noch nicht gemacht worden ist. Dazu gehört auch eine klare Kommunikation von A bis Z. Der Vertrieb ist dann Türklinken putzen. Da muss man viel Energie reinstecken.

Wie schwierig ist es denn ein wirklich nachhaltiges Unternehmen aufzubauen heutzutage?

Das ist superschwierig. Die Herausforderung sind wir ja auch mit dem Greentech Festival angegangen. Das war auch ein Riesen-Ritt, das Ding von Null an aufzubauen. Gleichzeitig sehe ich in der Corona-Krise aber auch große Chancen. Wenn man sich in schwierigen Zeiten als Unternehmen richtig positioniert und die Situation zu seinem Vorteil nutzt, dann hat man da auch große Möglichkeiten. Viele der erfolgreichsten Firmen der Welt sind in den größten Krisen entstanden. Ein Beispiel ist der Fahrdienstleister Uber, der 2009 mitten in der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gegründet worden ist.

Zur Person:

Nico Rosberg (35) wurde in Wiesbaden als Sohn des finnischen Formel-1-Weltmeisters Keke Rosberg und einer Deutschen geboren. Er wuchs überwiegend in Monaco auf, wo er auch noch heute wohnt. 2006 trat Rosberg erstmals in der Formel 1 an. 2016 wurde er für das Mercedes-Team Weltmeister. Wenig später kündigte er seinen Rücktritt an.

Heute tritt Nico Rosberg vor allem als Investor in Erscheinung. Derzeit ist er auch Teil der Vox-Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. In Berlin hat Rosberg vor zwei Jahren das Greentech Festival mitgegründet, das ab dem 16. September erneut stattfindet. Rosberg ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.