Sparkasse

Analyse: Bald mehr Geschäfte in Wohngebieten in Berlin

Die Berliner Sparkasse geht in den Dienstleistungsbranchen von tiefgreifenden Veränderungen aus. Betroffen ist auch der Handel.

Weniger Touristen, mehr Menschen im Homeoffice: Corona könnte langfristig zu weniger Geschäften in der Berliner City führen.

Weniger Touristen, mehr Menschen im Homeoffice: Corona könnte langfristig zu weniger Geschäften in der Berliner City führen.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Berlin. Die Corona-Krise könnte einer Analyse der Berliner Sparkasse zufolge zu tiefgreifenden Veränderungen im Einzelhandel der deutschen Hauptstadt führen. Demnach könnten die durch Corona veränderten Verhaltensweisen der Menschen unter anderem mehr Konsum im eigenen Wohnumfeld zur Folge haben.

„Vor allem Händler in den Zentrumslagen stehen aufgrund ihrer Abhängigkeit von Pendlern und Touristen unter stärkerem Anpassungsdruck. In einem Szenario mit dauerhaft reduziertem Städtetourismus und anhaltender Nutzung von Home-Office wird sich die Einzelhandelsdichte in den Zentrumslagen reduzieren“, schrieb die Sparkasse in einer volkswirtschaftlichen Betrachtung der Berliner Dienstleistungswirtschaft, die am Freitag veröffentlicht wurde.

In den Außenbezirken kommen 32 Einzelhändler auf 10.000 Einwohner

Derzeit kommen nach Angaben der Sparkasse in den zentral gelegenen Innenstadtbezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Tempelhof-Schöneberg 56 Einzelhändler auf 10.000 Einwohner, in den weiteren Bezirken seien es hingegen nur 32. In Treptow-Köpenick, Reinickendorf und Co. seien aber gut zwei Drittel der Berliner zuhause. Berlin habe einer Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zufolge aber mit 42 Prozent einen besonders hohen Anteil an Büroarbeitsplätzen. Das Homeoffice-Potenzial für die Berliner Arbeitskräfte sei deswegen entsprechend hoch und habe in der Pandemie bereits zu einem starken Anstieg der Heimarbeit geführt. „Daher bewegen sich mehr Beschäftigte nur unregelmäßig physisch zu Ihrem Arbeitsplatz im Zentrum der Hauptstadt“, so die Sparkasse. Das habe Folgen für die dort ansässigen Händler und werde insbesondere im stationären Non-Food-Bereich zu vermehrten Schließungen führen.

Die Corona-Krise habe im zweiten Quartal der Analyse zufolge schon zu vermehrten Geschäftsabmeldungen im Einzelhandel geführt. Für das Gesamtjahr rechnet die Sparkasse für den gesamten Einzelhandel in der Hauptstadt aber immerhin noch mit einem Null-Wachstum. Dabei gehe der voraussichtliche Umsatz bei den stationären Geschäften um etwas vier Prozent zurück. Im Online-Handel dagegen rechnen die Analysten mit einem Wachstum in Höhe von zehn Prozent. Gut für die Branche: Mittlerweile wird rund ein Drittel der Berliner Einzelhandelsumsätze im Internet generiert, deutschlandweit liege der Anteil bei lediglich elf Prozent.

Sparkasse: Mit dem Winter steigen auch die Nöte für die Gastronomen

Auch mit Blick auf die Gastronomie und Hotellerie rechnet die Sparkasse mit deutlichen und bleibenden Einschnitten als Folgen der Pandemie. Mit einer vollständigen Belebung der Gäste- und Übernachtungszahlen in der Beherbergung sei auf längere Zeit nicht zu rechnen, hieß es in der volkswirtschaftlichen Betrachtung. Als einen Hauptgrund dafür sieht die Sparkasse den Rückgang im Messe- und Kongressgeschäft: Große Publikumsmessen wie die IFA und die Grüne Woche werden zu reinen Fachveranstaltungen oder finden ohne Zuschauer statt.

Restaurants und Cafés hätten sich nach dem Lockdown zwar schneller wieder erholt. „Auch hier bestehen jedoch Abhängigkeiten von Geschäftsreisenden und Touristen. Spätestens mit dem einsetzenden Winter wachsen auch die Nöte der Wirte wieder“, so die Sparkasse. Um Besucher auch in den kälteren Monaten weiter draußen bewirten zu können, hatten der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga Berlin) sowie die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin zuletzt angeregt, Heizpilze aufzustellen. Vor allem die Bezirksbürgermeister der Grünen in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg lehnen die klimaschädlichen Wärmequellen aber ab.

Analyse geht von 60-prozentigem Umsatzrückgang bei den Berliner Herbergen aus

Für die Gastronomie rechnet die Sparkasse mit einem Umsatzrückgang im Gesamtjahr von rund 40 Prozent. Noch schlimmer trifft es wohl die Übernachtungsstätten. Hier geht die Sparkasse von Erlösrückgängen in Höhe von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr als die Statistiker noch rund 34,1 Millionen Übernachtungen von Besuchern in Berlin zählten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden hingegen nur 6,5 Millionen Übernachtungen gezählt, im zweiten Halbjahr rechnen die Analysten mit 6,7 Millionen.

Auch andere Dienstleistungsbranchen hat die Pandemie hart getroffen: Bei den „sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“ zu denen etwa Reisebüros und auch Messebauer zählen, rechnet die Sparkasse mit Umsatzrückgängen in diesem Jahr von mindestens zehn Prozent. Auch in der Verkehrsbranche deuten sich umfassende Verschiebungen an. „Es scheint möglich, dass die Zahl der Urlaubs- und insbesondere der Geschäftsreisenden auch mittel- und langfristig das Vorkrisenniveau nicht wieder erreichen wird“, so die Sparkasse. Nicht abzuschätzen seien bislang die Folgen für den Kunst-, Kultur- und Unterhaltungsbetrieb. Staatliche Förderprogramme hätten zunächst geholfen. Laufen die aus, müssten die wirtschaftlichen Perspektiven des Kulturbetriebs neu abgewägt werden.