Bildung

Berliner Schulbauoffensive wird teurer

Die Kosten für Sanierungen und Neubauten steigen stark. Neue Architektur der Gebäude muss ebenfalls finanziert werden.

Die Grundschule an der Sewanstraße entstand in nur acht Monaten. Das Geheimnis? Holzmodul-Bauweise.

Die Grundschule an der Sewanstraße entstand in nur acht Monaten. Das Geheimnis? Holzmodul-Bauweise.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Ein Gerücht macht in Berlins Bezirken die Runde: Wird womöglich bei der Schulbauoffensive gespart? Gerade jetzt, im Zuge der Corona-Pandemie, wo alles knapper wird. So war die Aufmerksamkeit groß, als es im Schulausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am Donnerstag um die Berliner Schulbauoffensive ging – allerdings offiziell nicht um die Frage der Kosten, sondern um das Thema Partizipation. Aber Martin Schaefer, CDU-Schulstadtrat aus Lichtenberg, schaffte es doch, eine Brücke zu schlagen: Wenn man Partizipation ernst nehme, dann müsse man „deutlich und konkret benennen, wo wir stehen“. Wann wird welche Schule saniert? Wann wird eine neue Einrichtung fertig? Und wieviel soll das alles kosten?

Schulbauoffensive in Berlin: Statt drei Ersatzquartieren entstehen nun Neubauten

Die Angst ist in den Bezirken da, dass das Geld am Ende nicht reicht. Besonders große Sorge bereitet Schaefer der Bereich Sanierung. „Wir haben für die Sanierung aktuell kaum Mittel übrig“, sagte er. Die Bezirksstadträte müssen oft harte Entscheidungen treffen, was nun als erstes dran ist. Das betrifft auch Ausweichquartiere für Einrichtungen, die saniert werden müssen – sogenannte Drehscheiben. So hat man sich im Bezirk entschieden, statt drei Drehscheiben lieber eine Schnellbauschule zu finanzieren. Denn: „Wir haben zu viele Schulen, die überlaufen sind.“ Jeder Platz sei wichtig.

Die weggefallenen Drehscheiben sind allerdings für 20 Schulen im Bezirk, die dringend saniert werden müssen, bitter. „Deren Sanierung verschiebt sich jetzt mindestens um zwei Jahre“, sagte Schaefer. Die Idee ist: Die betroffene Schule zieht in die Drehscheibe, während vor Ort in hohem Tempo saniert wird. Sind die Arbeiten abgeschlossen, geht es zurück und die nächste Schule zieht in die Drehscheibe. Bislang war es so, dass Schulen oft über Jahre bei laufendem Betrieb saniert wurden.

Auch in Marzahn-Hellersdorf hat man erstmal zwei von drei Drehscheiben verschoben. An zwei Standorten hat man sich entschieden, stattdessen lieber zwei weitere Holzmodul-Schulen zu errichten. Der Schulplatzbedarf sei so groß, begründete Stadtrat Gordon Lemm (SPD) den Sinneswandel. Hier ist man ein großer Fan der Schnellbauweise wie bei den Holzmodul-Schulen, die in acht bis zehn Monaten errichtet werden können. Die sind allerdings von der Architektur eher konventionell.

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Schulbauoffensive in Berlin: Schulen als „Lern- und Lebensort“

Denn der Anspruch ist eigentlich ein anderer: Schulen seien „Lern- und Lebensort“ lautet inzwischen das pädagogische Credo. Deshalb setzt man nun auf Compartment-Schulen. Anders als bei sogenannten Flurschulen, von denen Klassenzimmer abgehen, steht hier ein Forum im Zentrum, an das sich kleinere Lernräume andocken: der Stammgruppenraum, ehemals Klassenzimmer, aber auch Multifunktionsräume. In der modernen Pädagogik gilt diese Architektur als zukunftsweisend. Allerdings kostet sie auch viel Fläche. Aber diese zusätzliche Fläche schafft keine weiteren Schulplätze, sondern die Gruppen haben nun plötzlich mehr Platz zur Verfügung.

„So haben Vergleiche bei den von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zu errichtenden Grundschulen gezeigt, dass die Typenbau-Compartment-Grundschule eine bis zu 38 Prozent höhere Bruttogeschossfläche und immerhin noch eine 30 Prozent höhere Nutzfläche hat als eine gleichgroße Flurschule nach damaligem Standard“, heißt es in einem Schreiben der Senatsverwaltung für Finanzen, in dem es darum geht, dass die Wohnbaugesellschaft Howoge deutlich mehr Geld für ihre Aufgaben in der Schulbauoffensive erhält. Ein Grund dafür liegt in der neuen Compartment-Struktur, die teuer ist. 30 Prozent mehr Nutzfläche müssen finanziert werden.

Neubau von Schulen in Berlin: 5,5 Milliarden Euro reichen nicht aus

Klar ist schon jetzt, die 5,5 Milliarden Euro, die insgesamt für die Schulbauoffensive angesetzt sind, werden nicht ausreichen. Doch auf eine neue offizielle Zahl wartet die Öffentlichkeit weiterhin vergeblich. Allerdings kann man am Beispiel der Howoge erahnen, wie stark die Kosten steigen werden. So hob der Senat im August den Kreditplafond der Howoge für die Berliner Schulbauoffensive auf zwei Milliarden Euro an. Noch 2018 lag der Rahmen bei 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro. Dieser Betrag sei auch auf Grundlage der Gebäudescans von 2016 festgelegt worden. „Aus heutiger Sicht ergibt sich bereits eine annähernde Verdoppelung der damals angenommenen Kosten“, heißt es im Papier der Finanzverwaltung in Bezug auf die Sanierungen. Auch der Neubau sei deutlich teurer geworden, aufgrund „massiver Baukostensteigerungen“. Dazu kommt noch das üppige Compartment-Prinzip – alle Howoge-Neubauten sind Compartment-Schulen, so Jens Wadle, Leiter des Schulbaus bei der Howoge.

Im Schulausschuss des Abgeordnetenhauses wartete man bis zum Schluss vergeblich auf eine Kostendiskussion. Die Finanzverwaltung ist da weiter: Die zwei Milliarden Euro für die Howoge seien „gedeckelt“, heißt es im Schreiben.