Staatliche Ballettschule

„Klima der Angst“ an der Ballettschule

Ein Abschlussbericht zeigt: Vorfälle von psychischer und physischer Gewalt. Doch wie viele Lehrkräfte hatten damit zu tun?

Drei Schülerinnen der Staatlichen Ballettschule tanzten im Mai für ihre Schule – sie fanden die Ausbildung bislang gut.

Drei Schülerinnen der Staatlichen Ballettschule tanzten im Mai für ihre Schule – sie fanden die Ausbildung bislang gut.

Foto: Sven Darmer

Berlin. Inzwischen kommen die Vorwürfe gegen die ehemalige Schulleitung der Staatlichen Ballettschule Berlins von allen Seiten: Einen antisemitischen Vorfall gegen einen Schüler soll es im Oktober 2019 gegeben haben. Vor Gericht deuten die Anwälte der Senatsverwaltung für Bildung an, man habe unangebrachte Chatprotokolle des künstlerischen Leiters mit einer Schülerin in der Hinterhand, dazu üppige Dienstreisen der Schulleitung und Wirtschaftsprüfer, die zuletzt nachwiesen, die Auftrittseinnahmen des Jugendballetts seien nicht richtig abgerechnet worden. Immer mehr wird von der Senatsverwaltung für Bildung vorgebracht, um den langjährigen Schulleiter Ralf Stabel und den künstlerischen Leiter Gregor Seyffert gründlich zu diskreditieren.

Die ursprünglichen Vorwürfe gerieten da zuletzt fast in Vergessenheit. Von einer „Kultur der Angst“ sprach der Zwischenbericht der Expertenkommission zur Aufklärung der Zustände an der Staatlichen Ballettschule, von „persönlichen Beleidigungen und sexualisierter Gewalt“ gegen Schüler. Und die Clearingstelle bestätigte in ihrem Zwischenbericht diesen Verdacht. Konkrete, sozusagen ganz krasse Fälle blieb man aber trotzdem schuldig. Nicht umsonst rügte der Richter Thomas Kühn letzte Woche beim Arbeitsgericht, als es um eine Kündigung des Schulleiters Stabel ging, die Anwälte der Senatsschulverwaltung müssten nun endlich „Ross und Reiter“ nennen. Für welche Missstände ist denn nun die Schulleitungen konkret verantwortlich? Und wie schwer wiegen sie?

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Die Grafiken der Clearingstelle sind mit Vorsicht zu genießen

Jetzt also wurde der lang erwartete Abschlussbericht der Expertenkommission und Clearingstelle in einer gemeinsamen Pressekonferenz vorgestellt. Gerade die Clearingstelle, die ein offenes Ohr für die Betroffenen hat, wurde häufig angesprochen: 267 Personen wandten sich an sie, mit 153 sprach man direkt, in 114 Fällen blieb es bei E-Mails, die aber meist ausführlich waren.

Die Clearingstelle hat sich in ihrem Abschlussbericht viel Mühe mit Grafiken gegeben, die allerdings mit Vorsicht zu genießen sind, weil die Grundlage immer eine andere ist. „N“ lautet in der Statistik das Symbol für die „Grundgesamtheit“, doch dieses „N“ springt in den Tabellen der Clearingstelle wild durcheinander. So sahen 57 Prozent der Gesprochenen die Arbeit der Staatlichen Ballettschule „kritisch“, 27 Prozent waren hin- und hergerissen und 13 Prozent fanden sie durchweg positiv. Grundlage dafür sind 144 Gespräche und E-Mails (N=144).

Geht es dagegen um die Arten, wie das Kindeswohl gefährdet wurde, liegt die Zahl der Gesprächsprotokolle und E-Mails bei 386 (N=386). „Mehrfachnennungen möglich“, so wird ergänzt.

Es hat zu viele unschöne Momente durch Lehrkräfte gegeben

Klar ist aber, es hat zu viele unschöne Momente durch Lehrkräfte gegeben: Mal wurde ein Schlüssel nach Schülern geworfen, mal wurden Heranwachsende mit obszönen Schimpfwörtern beleidigt. Die Folge für manche Schüler war daraufhin, dass sie die Lust am Tanz oder an der Akrobatik verloren. „Ich habe mich wertlos gefühlt“, gibt Elke Nowotny von der Clearingstelle die bitteren Worte einer Schülerin wieder. Dazu kam, dass Verletzungen von Schülern von ihren Lehrkräften nicht ernst genommen wurden. Sie sollten weitertrainieren, statt den Arzt aufzusuchen, ansonsten seien sie „Drückeberger“. Und dann noch: Schüler wurden erbarmungslos abgeschult, auch in hohen Jahrgängen, um Plätze für womöglich prestigeträchtigere Kandidaten freizumachen. Ein Klima der Angst, zumindest in Teilen.

Vieles will man nun ändern, eine „Kultur des Ansprechens und Aussprechens“ wird gefördert. Vertrauenslehrer, womöglich von außen, sollen zentral werden. Die Probezeit wird verlängert – ab jetzt umfasst sie die fünfte und sechste Klasse. „Es müssen deutlich mehr als 20 Prozent am Ende durchkommen“, bekräftigt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Lehrkräfte für Tanz und Akrobatik, oft selbst ehemalige Künstler, sollen eine pädagogische Ausbildung erhalten, womöglich ein Referendariat. Ein Fachbeirat soll die Veränderungen begleiten. So weit, so gut.

Überschaubare Zahl von Lehrkräften, die Art Schreckensregiment führten

Und doch – es deutet sich an, dass es am Ende eine überschaubare Zahl von Lehrkräften war, die in ihrem Unterricht eine Art Schreckensregiment führten. Zumindest bestätigt der Anwalt der Senatsverwaltung für Bildung, dass man noch drei weitere Kündigungen im Auge habe; neben den versuchten Kündigungen der Schulleiter Stabel und Seyffert, die aktuell vor dem Arbeitsgericht verhandelt werden. So richtig reden darf man aber über das Thema nicht. „Das ist ein heikler Punkt“, bestätigt Klaus Brunswicker, Vorsitzender der Expertenkommission. Auch deshalb heikel, weil Jens Brückner, Anwalt des freigestellten Schulleiters Stabel, betont, sein Mandant habe sich mehrfach bei der Schulaufsicht wegen genau dieser Lehrkräfte und ihrem Umgangston beschwert. „Bei uns in den Akten findet sich nichts“, sagt dagegen Staatssekretärin Beate Stoffers (SPD).

Bei den vielen Torten- und Balkendiagrammen der Clearingstelle sucht man aber eine Angabe vergeblich: wie häufig eine bestimmte Lehrkraft für Vorfälle der „psychischen, physischen und sexualisierten Gewalt“ verantwortlich war. Es bleibt weiter unkonkret: War es nun das Klima der Schule oder das Versagen einzelner Lehrkräfte? Egal, so scheint es. Denn wie brachte es der Anwalt der Bildungsverwaltung, Alexander Schubart, vor Gericht pauschal auf den Punkt: Ein Teil der Tanzszene sei halt „gewaltaffin“ – „Gewalt und Schmerz gehören für sie dazu“.